Weltmesse des Lichts Es werde Netz

Die Digitalisierung erfasst auch die Beleuchtung: Auf der Light & Building in Frankfurt dreht sich vieles darum, wie verbundene Leuchten mehr leisten können und sollen, als bloß Räume zu erhellen.

Von Helmut Martin-Jung, Frankfurt

Das ging ja mal wirklich schnell: Die neue Methode, elektrisches Licht mit Siliziumchips und nicht mehr mit glühenden Metallfäden zu erzeugen, macht zum Beispiel beim Weltmarktführer Philips Lighting schon 65 Prozent des Geschäfts aus. 2007, also vor 11 Jahren erst, waren es noch magere fünf. Wer in Frankfurt über die Light & Building, die Weltmesse des Lichts, schlendert, sieht fast überall nur noch diese Licht emittierenden Dioden - LEDs.

Die Siliziumtechnik ermöglicht so vielen Formen und Farben, dass einem fast schwindlig werden kann. Das Entscheidende aber sind längst nicht mehr die leuchtenden Dioden. Das Entscheidende passiert im Hintergrund. Zwei Entwicklungen sind dabei zu beobachten: Licht ist nicht mehr einfach nur etwas, das einen Raum erhellt, es geht um das Wie. Und zweitens, da jeder Raum eine Beleuchtung hat, will man diese vorhandene Infrastruktur für eine ganze Reihe anderer Zwecke nutzen.

Was beides verbindet, ist die Vernetzung. Sie erst ermöglicht es, die Lichtquellen anzusteuern, einzeln, in Gruppen oder alle zusammen. Und erst wenn die Beleuchtung in ein Netz eingebunden ist, kann sie auch noch andere Dinge erledigen. "Leuchten haben immer Strom, sie gucken von oben in den Raum", sagt Thorsten Müller, Leiter Innovation beim Lichtkonzern Osram. Warum also nicht Sensoren einbauen in die Leuchten, die zum Beispiel feststellen können, ob ein gebuchter Konferenzraum auch tatsächlich genutzt wird? "Sensorik", sagt Müller, "kann ein Verständnis für den Raum entwickeln."

Klar ist indes, dass eine solche, eine smarte Leuchte schon mehr kostet als eine gewöhnliche, dumme. Und dann braucht es ja auch noch die Systeme dahinter, die alles steuern. "Aber man muss auf den gesamten Lebenszyklus schauen", sagt Jürgen Waldorf, der Geschäftsführer des Fachverbandes Licht im ZVEI, dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie.

Das betrifft natürlich vor allem gewerbliche Kunden, private wie öffentliche. Wenn in Lagerhallen das Licht nur dort leuchtet, wo es gebraucht wird, lässt sich viel Energie sparen - zusätzlich zu den Einsparungen, die LED-Lampen ohnehin bringen, sie brauchen ja nur einen Bruchteil des Stroms, den Glühlampen schlucken. Wenn die smarten Lampen melden können, wann die Mülltonnen geleert werden müssen, spart sich die Stadt viele Kontrollfahrten, die Müllabfuhr kommt erst dann, wenn es auch nötig ist.

Peter Krapp, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbandes Sicherheit, kennt noch andere Beispiele. Vernetzte Beleuchtung könnte für eine adaptive Fluchtwegs-Lenkung sorgen. Will heißen: Bei Notfällen passt sich die Wegweisung etwa durch Messehallen, Flughäfen oder ähnliche Gebäude der jeweiligen Situation an. "Nicht immer ist der kürzeste Weg der sicherste", sagt Krapp.

Wie viel so etwas kosten darf, lässt sich schlecht beziffern, genauso wenig wie eine andere Möglichkeit, mit smartem Licht zu helfen. Zum Beispiel, sagt ZVEI-Mann Waldorf, könnten in einer nächtlichen Notsituation die Leuchten am Unfallort in der Gegend besonders deutlich heller geschaltet werden als im Dauerbetrieb üblich.

Solche Lösungen, die von Zentralen etwa in den jeweiligen Stadtwerken gesteuert werden, sind natürlich nichts für Konsumenten. Doch auch vor ihnen macht die Vernetzung nicht halt. Der Trend zu connected lighting sei definitiv bei den Verbrauchern angekommen, sagt Susanne Behrens von Philips, die für das Endkundengeschäft in den deutschsprachigen Ländern zuständig ist. Besonders die Möglichkeit, Licht über Geräte wie Amazons Echo oder Googles Home per Sprache zu steuern, "hat dem ganzen einen weiteren Boost gegeben", sagt sie. Mittlerweile seien die vernetzten Leuchten aus Philips' Hue-Serie längst nicht mehr nur für Leute interessant, die jede neue Technik gleich haben müssen, sagt Behrens. Und es gehe auch nicht mehr darum, dass die Lampen irgendwie bunt leuchten sollen. "Es geht jetzt um Stimmungen. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als sich morgens im Bad bei einem hässlich grellen Licht schminken zu müssen."

Ein Siebtel der Weltbevölkerung lebt ohne elektrisches Licht

Ein angenehmes Licht kann aber auch die Stimmung im Büro heben, wie Thorsten Müller von Osram sagt. Die Beleuchtung folgt den Lichtstimmungen im Freien, die von einem Außensensor erfasst werden. Morgens wird das künstliche Licht dabei in wärmeren Farben abgestrahlt, mittags ist der Blauanteil am höchsten - das suggeriert Wachsein - und gegen Abend wird es wieder wärmer. Studien hätten ergeben, dass die Produktivität im Büro alleine durch dieses Licht im Biorhythmus um 18 Prozent steige.

Bei all diesen Themen der Vernetzung stehe man noch ganz am Anfang, "wir sind noch in der Babyphase", sagt Eric Rondolat, der Chef von Philips Lighting. Er will seinen Konzern umbenennen in Signify. Das soll deutlich machen, dass es um mehr geht als um Licht. Auch wenn schon dieses Licht erheblich mehr kann als früher. Das reicht sogar bis zur Datenübertragung: Philips arbeitet an einer Technik, bei der die Leuchten an der Decke per Lichtsignalen Daten übertragen können. Das könnte in vielen Fällen Wlan-Sender überflüssig machen oder ergänzen - wenn denn die Branche mitzieht und Geräte wie Laptops oder Smartphones mit entsprechenden Empfängern und Sendern ausstattet. "Wir sind dabei, die Technik zu stabilisieren", sagt Rondolat, "noch ist sie nicht völlig ausgereift." Sie soll Datenraten von etwa 30 Mbit pro Sekunde ermöglichen.

Die LED-Technik als solche hat dagegen schon einen hohen Reifegrad erreicht. Und wie steht es mit der viel zitierten langen Haltbarkeit der neuen Leuchtmittel? "Wenn man sie richtig verbaut, dann halten sie lange", sagt Jürgen Waldorf vom ZVEI. Geht man dagegen beim Betrieb an die Grenzen des Zulässigen oder darüber, gebe es auch Ausfälle. Empfindlich sind LEDs oder vielmehr ihre Steuerelektronik besonders gegen Hitze, aber auch Spannungsspitzen können ihr gefährlich werden. "Die Elektronik", sagt Waldorf, "ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal von LED-Leuchten." Sie bestimmt auch, ob eine Lichtquelle unangenehm flackert.

Von solchen Sorgen sind viele Menschen allerdings noch sehr weit entfernt. Während in den Industriestaaten das Licht auf Zuruf angeht und sich der Stimmungslage anpasst, hat ein Siebtel der Weltbevölkerung noch überhaupt keinen Zugang zu elektrischem Licht.