Weltmarkt "Es braucht Regeln gegen Dumping-Preise"

Wie Industrie und Gewerkschaften mit dem billigen Stahl aus China und anderen Ländern umgehen wollen.

Von  Benedikt Müller, Düsseldorf

Weniger arbeiten, das war der wegweisende Kompromiss der Beschäftigten der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann (HKM) in Duisburg. Im Herbst haben sie vereinbart, dass sie nur noch 32 statt 35 Stunden pro Woche arbeiten werden. Sie verzichten somit auf einen Teil ihres Einkommens. Im Gegenzug versprechen die HKM, dass sie bis 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen werden. Dank der kürzeren Arbeitszeit wird das Gemeinschaftsunternehmen von Thyssenkrupp, Salzgitter und Vallourec jährlich etwa eine Million Tonnen Stahl weniger herstellen.

Damit leisten die HKM ihren Beitrag zur Lösung eines globalen Problems: Die Stahlindustrie kann viel mehr produzieren, als von dem Werkstoff gebraucht wird, um ihn in Autos und Flugzeugen, Häusern und Maschinen zu verbauen. Auch in Deutschland leiden Hersteller unter schwankenden Preisen und Billig-Importen. Gut 42 Millionen Tonnen Stahl produzieren sie jährlich. Das ist weniger als noch vor 15 Jahren; mithin verliert die deutsche Stahlindustrie in der Welt an Bedeutung.

Umso entschiedener fordert die IG Metall Sicherheit für die etwa 85 000 Menschen, die in der Branche arbeiten. "Die Stahlwerke in Deutschland gehören zu den umweltfreundlichsten der Welt", sagt Knut Giesler, Chef der IG Metall in Nordrhein Westfalen. "Deshalb wäre es ökologisch und ökonomisch unsinnig, die Stahlherstellung weiter in andere Regionen der Welt zu verlagern", sagt er. "Vielmehr braucht es wirksame Regeln gegen Dumping-Preise auf dem Weltmarkt."

Der Verband Worldsteel schätzt, dass im vergangenen Jahr weltweit 1,5 Milliarden Tonnen Stahl verbraucht wurden. Das ist ein Viertel mehr als vor zehn Jahren. Die Kapazitäten der Industrie würden allerdings reichen, um 2,4 Milliarden Tonnen Stahl herzustellen, so die OECD. Das sind 45 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Es sind also, aus europäischer Sicht, weltweit zu viele Stahlwerke neu entstanden. Oder aber es gibt, so würde ein Freihändler argumentieren, weltweit noch zu viele alte Werke. An beidem ist etwas dran.

So hat alleine China nun Stahlwerke mit einer Kapazität von 1,2 Milliarden Tonnen pro Jahr im Betrieb, berichtet die OECD. Doch nachdem sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt hat, schätzt Worldsteel den tatsächlichen Verbrauch in China nur auf etwa 680 Millionen Tonnen jährlich. Seit zwei Jahren legt China nun ältere und umweltschädliche Werke still; bis Ende diesen Jahres soll die Kapazität so insgesamt um 150 Millionen Tonnen zurück gehen.

Deutsche Unternehmen reagieren: Sie streichen Arbeitsplätze

Staaten wie Russland, Indien oder Brasilien erheben indes Importzölle, um ihre Industrien zu schützen. Auch in Europa will kaum ein Land die Herstellung des Werkstoffs verlagern, der so wichtig ist, weil man ihn gut verformen und vermischen kann.

Die EU hat im Dezember beschlossen, ihre Schutzinstrumente im Welthandel zu modernisieren. Nun hofft die Industrie, dass Brüssel entschieden gegen Dumping vorgehen wird. Gleichzeitig könnte mit einer Reform des Emissionsrechtehandels die energieintensive Stahlherstellung in Europa noch etwas teurer werden als in Staaten mit laxeren Umweltauflagen.

Konzerne wie Arcelormittal oder Tata wollen ihre Produktion in Europa zwar erhalten. Es sind aber mittlerweile seit vier Jahrzehnten keine neuen Stahlwerke in Europa entstanden. Einzig der österreichische Konzern Voestalpine will in diesem Jahr den Grundstein für ein neues Edelstahlwerk in der Steiermark legen, nahe den Erzbergen und Wasserkraftwerken. Dort will Voestalpine Stahl höherer Güten herstellen, um Arbeitsplätze zu sichern.

Auch Deutschlands größter Hersteller Thyssenkrupp reagiert in diesem Jahr auf die Überkapazitäten: Der Essener Konzern will seine Stahlwerke in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Tata Steel Europe abspalten. Bei beiden Partnern sollen je 2000 Stellen wegfallen. Thyssenkrupp will aber etwa betriebsbedingte Kündigungen bis mindestens 2026 ausschließen. In den kommenden Wochen werden die Stahlwerker über den Kompromiss abstimmen.