Welthandel Globalisierung in Gefahr

Internationale Firmen wie Audi setzen weiter auf grenzenlose Geschäfte. Doch die Konflikte großer Mächte und Nationalismus gefährden den Trend.

Von Alexander Hagelüken

Als Dietmar Voggenreiter 2009 nach China übersiedelte, erlebte die Weltwirtschaft gerade den größten Crash seit Dekaden. Überall war die Stimmung im Eimer. In China nicht. Die Löhne stiegen zweistellig, erzählt der Audi-Manager und nippt am grünen Tee. "Der Markt ist dramatisch gewachsen. Jeder wurde jedes Jahr ein bisschen erfolgreicher".

Nicht dass es von selber lief. Die Ingolstädter ließen sich was einfallen. Als erster Hersteller verlängerten sie die Rückbank um zehn Zentimeter, damit es Kunden bequem haben, während ihr Chauffeur den A6 lenkt. "Der chinesische Kunde möchte weicher sitzen. Also verwenden wir andere Sitzschäumlinge", erzählt Voggenreiter. In sechs Jahren China, Dank an die Sitzschäumlinge, verfünfachte er den Verkauf. Von 120 000 auf 580 000 Autos. So was gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht. 2015 durfte er nach Ingolstadt umziehen, ins verglaste Vorstands-Büro des Vertriebschefs. Mit 47.

2015 war auch das Jahr, in dem Chinas Börsen abstürzten und zwischen den Pkw-Produzenten ein Preiskampf ausbrach. Audi verkaufte erstmals weniger Autos. Nur eine Delle, klar, aber wie geht es weiter? Weil China weniger Rohstoffe in Brasilien und Russland bestellt, dürften beide Länder nach langem Wachstum 2016 die zweite Rezession hintereinander erleiden.

Der globale Boom, den Voggenreiter jahrelang hautnah miterlebte, stoppt.

Oder? Der Manager hält inne. Einen Schluck grünen Tee. Er sieht keine Megakrise, nur eine Normalisierung. Das Potenzial ist nach wie vor riesig. In Deutschland kommen auf ein Auto weniger als zwei Einwohner, im Reich der Mitte mehr als zehn. "Die Platinzeiten in China sind vorbei. Es sind aber noch goldene Zeiten möglich."

Illustration: Lisa Bucher

Vielleicht wird aber auch alles Blech.

Holger Görg erinnert sich an die Euphorie, als er im Jahr 2000 ans "Centre for Globalization" im englischen Nottingham kam. Die Globalisierung geht noch Jahrzehnte weiter, man hat lange was davon, so dachten sie. Inzwischen wird pessimistischer diskutiert, sagt Görg, der heute eine Forschungsgruppe am Kieler Institut für Weltwirtschaft leitet. Der Welthandel dürfte 2016 das fünfte Jahr in Folge nur um drei Prozent oder weniger zunehmen. Zwei Jahrzehnte war es im Schnitt mindestens doppelt so viel. Der Westen hat sich an den globalen Boom gewöhnt wie an eine Droge, in Deutschland hängt jeder vierte Job am Export. Nun schwächeln die Schwellenländer. "Die Globalisierung verlangsamt sich", sagt Görg. Die Frage ist: Erlebt die Welt eine Normalisierung, was nach glänzenden Jahren schon genug auf Produktion und Portemonnaies drückt? Oder kommt die Globalisierung gar an ein Ende, wie nach dem Ersten Weltkrieg, der Dekaden der Düsternis einleitete?

Eine Reihe von Entwicklungen bremsen den weltweiten Boom. Görg findet es historisch gesehen ganz natürlich, dass China nach Jahren des Aufholens nicht mehr zweistellig wächst. Die einfachen Produktivitätsgewinne sind abgeschöpft, weil einstige Bauern schon in der Fabrik arbeiten. Die Löhne sind so gestiegen, dass sich die Produktion in andere Schwellenländer verlagert, teils sogar zurück nach Europa. Eine Normalisierung also. Es gibt aber kein großes Schwellenland, das ebenso zielstrebig auf einen Boom hinarbeitet - und das Reich der Mitte als Wachstumsturbo ablöst. Weder Indien noch Brasilien, Indonesien oder Südafrika.

Nun könnte die Globalisierung auch ohne ein neues China expandieren: Falls sich die Staatengemeinschaft gemeinsam um eine Beschleunigung der Exporte bemühen würde. Doch seit der Finanzkrise schlägt das Klima um, beobachtet Gabriel Felbermayr, der am Ifo-Institut das Zentrum für Außenwirtschaft leitet: "Die Sitten verfallen". Die Zahl der kleinen und größeren Nadelstiche, mit denen Industrie- und Schwellenländer ausländische Konkurrenz behindern, nimmt zu. Und ungeniert manipulieren Nationen ihre Währungen durch niedrige Zinsen nach unten, um ihren Exporteuren einen Vorteil zu verschaffen. Erst die Amerikaner, dann Japan und Europa, jetzt China. "Diesen Wettlauf kann keiner gewinnen", warnt Felbermayr. "Er führt nur zur Schwankungen, die die Weltwirtschaft verunsichern."

Es ist ganz offensichtlich: In 15 Jahren hat sich die Stimmung zwischen den großen Nationen umgedreht. Als Holger Görg nach Nottingham ans "Centre for Globalization" ging, trat China gerade der Welthandelsorganisation WTO bei. Das Jahrtausend brach an, die Augen glänzten. Die WTO-Mitgliedsstaaten begannen über einen neuen Handelsvertrag zu verhandeln, um die Globalisierung zu beschleunigen. "Heute ist die Doha-Runde leider tot", bedauert Görg. So gelten für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts die veralteten Standards, die 1986-1994 für das bisher letzte Welthandelsabkommen vereinbart wurden. Der Globalisierung fehlen einfach erdumspannende Institutionen, die politisch managen könnten. Die WTO mit dem Vetorecht für jeden der 160 Staaten bringt kein Abkommen zustande, dem das reiche Singapur genauso zustimmen will wie das arme Malawi.

Und die großen Mächte fallen als Taktgeber aus, der Ordnung ins Chaos bringen könnte. Der Ton zwischen ihnen hat sich so verschärft, dass er nicht nur einen Doha-Abschluss unwahrscheinlich erscheinen lässt. Die verschiedenen Krisen beginnen für sich genommen, das internationale Wirtschaften zu behindern. Die territorialen Konflikte zwischen Asiens Platzhirschen China und Japan gefährden die Verflechtung ihrer Volkswirtschaften, die bisher etwa die japanische Industrie stark in China fertigen lässt. Russland und der Westen wiederum stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie seit langem nicht. So weit, so bedrohlich. Doch die Situation könnte sich noch verschlimmern. Denn nationalistische Tendenzen in der Politik nehmen auch in den USA und Europa zu. Donald Trump, der Front National in Frankreich, die rechtspopulistischen Regierungen in Osteuropa. Manches wird als rhetorisches Rauschen verhallen, anderes wirkt schon auf die Wirtschaft. Internationale Autokonzerne investieren weniger in Ungarn, seit Premier Viktor Orban lautstark gegen alles jenseits der Landesgrenzen tönt. Handel lebt von Offenheit, die Nationalismen zielen auf das Gegenteil: Protektionismus, Abschottung. Den Wunsch nach Abschottung nährt auch der islamistische Terror, der Rechtspopulisten Aufwind verschafft. Und falls sich in Staaten wie Deutschland die Stimmung gegen Flüchtlinge wenden sollte, spielt auch das den Propheten der Abschottung zu. Forscher Felbermayr sieht eine Ursache der Nationalismen darin, dass die etablierte Politik zu wenig auf Verlierer der Globalisierung eingehe. "In vielen Ländern nahm die wahrgenommene Ungleichheit zu". Wird der Trend zum Internationalen platzen wie ein überdehnter Ballon? So skeptisch ist der Münchner Forscher nicht. Er schließt aus den Bremsspuren des internationalen Booms und den zur Zeit offensichtlichen Risiken nicht, dass die Globalisierung wirklich an ein Ende kommt. "Ich denke, mittelfristig werden die Schwächen des Protektionismus deutlich: Weniger Wachstum, weniger Jobs, weniger Einkommen. Das könnte zu Kursänderungen führen." Ein positives Beispiel für ihn ist die Entwicklung in Venezuela oder Argentinien, wo marktwirtschaftliche Politiker gerade protektionistisch gesinnte Regierungen abgelöst haben. Auch für die Beschleunigung des Welthandels gibt es Hoffnung. Wenn schon die Doha-Runde scheitert, könnten bilaterale Abkommen die Lücke weiter füllen. Der Abschluss des asiatisch-pazifischen Handelsabkommens TPP 2015 war ein unerwarteter Erfolg. Und einiges hängt davon ab, ob die USA und Europa ihr TTIP-Abkommen festzurren. Felbermayr sieht keine Expansion der Globalisierung am Horizont - eine weitere Abschwächung der Weltwirtschaft aber fürchtet er auch nicht.

Und Audi-Vertriebschef Dietmar Voggenreiter sieht gar keine Alternative, als weiter auf eine Internationalisierung der Volkswirtschaften zu setzen. "Unser Wachstum der letzten zehn Jahre kam zu 80 Prozent von außerhalb Europas. Es wäre schwierig, wenn wir unseren Q5 mit allen Entwicklungskosten nur in Europa verkaufen könnten". Darauf einen Schluck grünen Tee.