Von Martin Hesse und Nikolaus Piper

In Deutschland war Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann jahrelang der Buhmann der Nation. Nun ist er als Kandidat für den Spitzenjob bei der größten Bank Amerikas im Gespräch.

In New York, London und anderswo dagegen wird er geachtet, zum Teil auch bewundert, weil er die Deutsche Bank als Mitspieler im Konzert der großen globalen Finanzhäuser etabliert hat. Deshalb wunderte sich in New York auch niemand, als der Fernsehsender CNBC Ackermann als einen von fünf Kandidaten für den Spitzenjob bei der angeschlagenen Citigroup nannte, der größten Bank der Vereinigten Staaten. Der war vorige Woche frei geworden, als der bisherige Chef, Charles Prince, seinen Rücktritt angeboten hatte.

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Die anderen vier Aspiranten sind: John Mack, der Chef der Investmentbank Morgan Stanley, John Thain von der New York Stock Exchange, Larry Fink, der Präsident des Vermögensverwalters Black Rock, und Robert Willumstad vom Versicherungskonzern AIG. Für Ackermann spricht dabei nach Meinung von Branchenexperten, dass er gezeigt hat, wie man mit Investmentbankern umgeht. Bei der Deutschen Bank gelang es ihm immer wieder, hochkarätige Investmentbanker wie den Inder Anshu Jain zu gewinnen oder bei der Stange zu halten. Gleichzeitig disziplinierte er die Finanzmarkt-Stars und band sie in die Gesamtstrategie ein.

In den Gerüchten um Ackermann steckt aber auch eine komische Komponente. Auf dem Höhepunkt der deutschen Bankenkrise vor vier Jahren schien es eine Zeitlang so, als würde Citigroup die Deutsche Bank übernehmen. Der frühere Citi-Chef, Sandy Weill, schreibt in seinen soeben erschienenen Memoiren, Ackermann habe ihm bei einem Abendessen 2003 in Berlin selbst eine Fusion vorgeschlagen. Heute wäre der Gedanke an so ein Projekt absurd. Citi wird auf absehbare Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigt sein.

Spätestens seit der Übernahme von Bankers Trust 1999 ist die Deutsche Bank in New York eine feste Größe. Die Hauptverwaltung liegt an der Wall Street, nur wenige Schritte von der Börse entfernt. "Joe" Ackermann, wie hier alle sagen, ist häufiger Gast in Manhattan. Nächste Woche nimmt er den "Global Leadership Award" entgegen, den das American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) vergibt, außerdem weiht er einen Brunnen zu Ehren der Opfer des 11. September 2001 ein. Ackermann ist Vorsitzender des Institute of International Finance (IIF) in Washington, einer Denkfabrik, hinter der die Großbanken stehen.

Plausible Gründe

All dies gibt den Gerüchten eine gewisse Plausibilität. Eine ganz andere Frage ist es, ob Joe ein Angebot annehmen würde. Die Rettung von Citigroup dürfte ein Höllenjob werden, besonders für einen Außenseiter. Die Bank ist im Grunde ein riesiger Finanzsupermarkt, der noch keine Firmenkultur gefunden hat, und den einige Analysten am liebsten aufspalten würden.

Viele Wegbegleiter Ackermanns halten es auch aus anderen Gründen für äußerst unwahrscheinlich, dass er einem Ruf nach New York folgen würde. Zwar seien mögliche Gehälter und Boni von mehr als 100 Millionen Dollar pro Jahr grundsätzlich verlockend, heißt es. Ackermann verdiente zuletzt 13,2 Millionen Euro, was nach den Maßstäben der Wall Street eher mager ist. Doch er sei nicht der geldgetriebene Manager, für den er in Deutschland oft gehalten wird. Viel wichtiger sei dem Schweizer seine Reputation.

"Er will in Deutschland als der Manager in Erinnerung bleiben, der die Deutsche Bank wieder nach vorne gebracht hat", sagt ein Frankfurter Banker. Unter Ackermanns Führung stieg die Eigenkapitalrendite der Bank auf mehr als 30 Prozent. Um das zu erreichen, hatte er auch bei steigenden Gewinnen tausende Stellen abgebaut und war dafür hart kritisiert worden, ebenso wegen seiner Rolle im Prozess um Millionenabfindungen bei Mannesmann.

Zuletzt hat Ackermann jedoch auch in Deutschland wieder an Ansehen gewonnen. Er schuf Arbeitsplätze und bekannte sich zum Standort Deutschland. Außerdem gilt er als pflichtbewusst. Dazu würde es nicht passen, dem Land und der Bank jetzt den Rücken zu kehren. Ackermann selbst hat angedeutet, dass er sich nach einem Abschied von der Deutschen Bank anderen Interessen widmen will. Bekannt ist seine Nähe zur Wissenschaft. Vor kurzem nahm er einen Ruf als Gastprofessor an der renommierten London School of Economics an. Sein Vertrag bei der Deutschen Bank läuft 2010 aus, und er versicherte mehrfach, danach nicht in den Aufsichtsrat wechseln zu wollen.

Die Gerüchte um Joe dürften trotzdem noch anhalten, einfach deshalb, weil die Anzahl geeigneter Kandidaten an der Wall Street begrenzt ist. Das zeigt die Chefsuche bei Merrill Lynch: Dort werden dieselben Kandidaten genannt wie bei Citi - auch Ackermann.

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(SZ vom 9.11.2007/mah)