Chef der Euro-Gruppe 17 Länder, 16 Kandidaten

Euro-Gruppen-Chef Juncker tritt ab - doch wer folgt? Wird es etwa Bundesfinanzminister Schäuble? Oder sein französischer Kollege? Vielleicht ein Italiener? Die Krisenmanager sind frei in ihrer Wahl, noch aber völlig uneins.

Von Cerstin Gammelin, Brüssel

Am Tag nach der Ankündigung zeigten sich Minister und Diplomaten in Brüssel überrascht. "Unerwartet klar" habe Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker erklärt, dass zum Jahreswechsel Schluss sein werde mit seinem Vorsitz im Gremium der Euro-Finanzminister, sagte ein hoher EU-Diplomat und fügte verärgert hinzu: "Jetzt bleiben uns nur sechs Wochen Vorlauf, um einen Nachfolger zu finden." Das Treffen der Minister am 21. Januar soll definitiv das letzte sein, das Juncker leitet.

Die Nachfolge ist völlig offen. Der EU-Vertrag schreibt lediglich vor, dass die Minister ihren Vorsitzenden mit Mehrheit wählen. Es gibt keine Vorgaben, dass der Chef selbst Finanzminister sein sollte oder Regierungschef. Theoretisch könnte der Nachfolger - oder die Nachfolgerin - auch von außen kommen, etwa von einer Organisation wie dem Internationalen Währungsfonds.

"Wir haben mindestens 16 Kandidaten aus den Euro-Ländern", sagte einer, der dabeisaß, als Juncker seinen Rückzug ankündigte. Denn anders als bei früheren Rücktrittsankündigungen habe kein einziger Minister Juncker gebeten, zu bleiben. Stattdessen rechne sich jeder eigene Chancen aus. Juncker sitzt der Euro-Gruppe seit ihrer Gründung im Jahr 2005 vor. Um ihn im Amt zu behalten, wurden sogar die Vorschriften geändert.

"Es ist schwer, sich einen Nachfolger vorzustellen"

Zunächst mühten sich die Minister, Zeit zu gewinnen. "Es ist schwer, sich einen Nachfolger vorzustellen", sagte der französische Ressortchef Pierre Moscovici. Die Entscheidung müsse "reifen". Moscovici ist selbst als Nachfolger im Gespräch. Gefragt, ob er nach dem Posten trachte, antwortete der Minister ausweichend. Es sei nicht die Zeit für Spekulationen, sagte er. Auch bei der Frage, ob er sich vorstellen könnte, sich das Amt gemeinsam mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble über die kommenden fünf Jahre zu teilen, wich der Franzose aus. Es sei niemals öffentlich erwogen worden, dass er und Schäuble jeweils zweieinhalb Jahre das Gremium leiten sollten.

Moscovici sagte, er und Schäuble seien unterschiedliche Persönlichkeiten. "Wir sind nicht gleich", sagte er. "Wir haben nicht die gleiche Geschichte, sind nicht in der gleichen Partei, stammen nicht aus der gleichen Generation." Gleichwohl sei Schäuble ein Politiker, der eine europäische Vision habe und immer bemüht sei, deutsch-französische Kompromisse zu finden.

Schäuble selbst äußerte sich in Brüssel zunächst nicht, weder über eigene Ambitionen noch über einen anderen Kandidaten. Bislang hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür eingesetzt, dass Schäuble Juncker nachfolgen solle und unter den Staats- und Regierungschefs dafür geworben. Allerdings verhinderte der Wechsel im Élysée-Palast, dass Schäuble schon im Sommer ernannt werden konnte. François Hollande war nicht einverstanden.

Vielleicht suchen die Südländer einen gemeinsamen Kandidaten

Seither suchen Merkel und Hollande einen Kompromiss. Der sah zunächst so aus, als teilten sich Schäuble und Moscovici das Amt. Inzwischen ist diese Variante in der Euro-Gruppe umstritten, auch weil Schäubles Tage als Finanzminister angesichts der Bundestagswahl 2013 gezählt sind.

Die österreichische Finanzministerin Maria Fekter warb stattdessen in Brüssel dafür, wieder einen Regierungschef als Nachfolger zu bestimmen. Namen nannte sie nicht. Italienische Diplomaten schlossen eine Kandidatur von Mario Monti aus. Monti war zu Beginn seiner Amtszeit als Experten-Premierminister zugleich Finanzminister. Er gab das Amt später ab. Es sei schwer vorstellbar, dass Monti bereit sein könnte, die Euro-Gruppe zu leiten, hieß es. Gleichwohl sei nicht auszuschließen, dass die Südländer einen gemeinsamen Kandidaten suchten.