Waffen in Amerika Blutspur nach Europa

Auch ein deutsches Problem: Ihr Kampf gegen die Waffenlobby führt zwei amerikanische Pastoren zu Unternehmen aus Europa. Einen Verbündeten mit besonders intelligenten Waffen finden sie vor den Toren Münchens.

Von Jannis Brühl

Wenn Douglas I. Miles in seiner Kirche in Baltimore jene nach vorne bittet, deren Angehörige erschossen wurden, kommen Hunderte zum Altar. Deshalb sitzt der afro-amerikanische Bischof nun in einem Münchner Restaurant und spricht über seine Mission, die ihn mehr als 6000 Kilometer weit von der US-Ostküste hierher geführt hat. Sanfte Worte findet der 64-Jährige nur, als er seine Nudeln mit Shrimps segnet. Sonst spricht er vom "Blut, das durch unsere Straßen fließt", vom "kollektiven Schmerz" seiner Gemeinde. Von seinen Straßen ist er der Blutspur gefolgt und in Europa gelandet. Den Deutschen, die mit Opfern amerikanischer Amokläufe fühlen, will er sagen: "Das ist auch euer Problem."

Gemeinsam mit Patrick O'Connor, einem Pastor aus Queens in New York, ist Miles in die alte Welt gekommen, um drei der größten Pistolenhersteller an ihre Verantwortung in Übersee zu erinnern: Glock aus Österreich, Beretta aus Italien sowie Sig Sauer, Tochter der deutschen L&O-Holding. Zusammengebracht hat die Geistlichen, die mit einem Rabbi aus New Jersey reisen, die Bewegung des "community organizing": jene zivilgesellschaftlichen Initiativen, in denen auch Barack Obamas politische Arbeit begann.

Vor allem zwei Forderungen haben die Besucher an die Firmen. Die erste: "Halten Sie sich aus der amerikanischen Politik heraus!" Damit meint Miles, dass europäische Hersteller aufhören sollten, die US-Waffenlobby zu unterstützen. Insgesamt haben Glock, Beretta und L&O mindestens zwei Millionen Dollar an die NRA, die mächtigste Lobbygruppe, überwiesen. Miles fordert die Hersteller auch auf, "kluge Waffen" einzuführen: mit Sicherungen, die verhindern, dass Kinder und andere Unbefugte sie abfeuern können. Die Metapher der Aktivisten: Heutige Waffen sind primitiv wie Schreibmaschinen - es werde Zeit, sie durch Laptops zu ersetzen.

Der Export von Schusswaffen boomt: Allein aus Deutschland wurden seit 2010 mehr als eine Million in die USA eingeführt. Auch ohne böse Absicht sind sie tödlich. Miles verlor seinen Cousin bei einem Unfall, als er jung war. Dessen Bruder habe den Schuss versehentlich ausgelöst, erzählt er. Mehr als 10.000 Amerikaner sind in diesem Jahr durch Kugeln gestorben.

Weil keiner der drei Waffenbauer Miles und O'Connor empfangen wollte, müssen sie sich vor allem auf Pressetermine beschränken. Umsonst war die Reise aber nicht: Auf Verständnis trafen sie bei der Firma Armatix in Unterföhring bei München. Das Unternehmen baut Sicherungen und "smarte" Pistolen, die Benutzer freischalten müssen. Wer nicht den richtigen Pin oder biometrischen Fingerabdruck hat, kann auch nicht schießen.

Die Technik hat Ernst Mauch entwickelt, ehemaliger Chefkonstrukteur von Heckler & Koch. Seine Ideen von "intelligenten Waffen" interessierten die anderen Firmeneigentümer damals aber nicht. Die Armatix-Technik ist in Deutschland heute für die meisten Waffen nicht zugelassen. Also setzt auch Mauch auf Export. Er hofft auf die US-Sicherheitskräfte. Im Weißen Haus präsentierte er Vizepräsident Joe Biden und Justizminister Eric Holder schon seine Technik. Sie seien interessiert gewesen, sagt er.