Von Hans Leyendecker

Folgen eines Gerichtsverfahrens: In der VW-Affäre gerät nun auch der mächtige Ex-Vorstandsvorsitzende und jetzige Chef des Aufsichtsrats unter Druck. Was wusste Ferdinand Piëch über das Konto "1860"?

Als "Phänomen" hat der Journalist Wolfgang Kaden den langjährigen Volkswagen-Chef und heutigen VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch beschrieben: "Was immer Piëch auf seinem Lastenkonto anhäuft - es gereicht ihm nicht zum Schaden." Der Journalist bezeichnete den Wirtschaftsführer als "Teflon-Autokrat". Aber alles perlt an dem 70-Jährigen nicht ab. Auch er ist nicht sakrosankt.

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Ferdinand Piëch: Was wusste der heutige Aufsichtsratsvorsitzender Piëch über die Korruptionsaffäre? (© Foto: ddp)

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Kurz nach zehn Uhr an diesem Montagmorgen stellte der Braunschweiger Oberstaatsanwalt Ralf Tacke im Prozess gegen den früheren VW-Betriebsratschef Klaus Volkert und den früheren VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer einen Antrag, der den Unternehmensführer in Bedrängnis bringen kann. Es wird nicht eng für ihn, aber enger.

Drei seiner früheren Mitarbeiter sollen als Zeugen Auskunft darüber geben, was Piëch über das geheimnisvolle VW-Konto "1860 Vorstand Diverses" wusste, über die unter anderem auch die Lustreisen des VW-Betriebsrats und andere Spezialitäten abgerechnet wurden. Angeblich kannte Piëch die Innereien nicht.

Am 22. November hatte sich ein Journalist des NDR bei dem Pressesprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, Klaus Ziehe, gemeldet und von einem geheimnisvollen Informanten Geheimnisvolles berichtet: Angeblich habe der frühere VW-Finanzvorstand Bruno Adelt seinem Chef Piëch von Merkwürdigkeiten auf diesem Konto erzählt, und dieser habe dann den Vertrauten aufgefordert, sich um den Vorgang zu kümmern.

Angeblich seien der Piëch-Vertraute und heutige Audi-Chef Rupert Stadler und der in Wien lebende frühere VW- Finanzmanager Rutbert Reisch mit der Aufgabe betraut worden. Den Namen des Tippgebers erfuhr die Staatsanwaltschaft allerdings nicht. Womöglich ein Zeuge vom Hörensagen, aber immerhin.

Wenn es auf Veranlassung Piëchs eine solche Prüfung gegeben habe, folgerte Strafverfolger Tacke im Schwurgerichtssaal 141 des Braunschweiger Landgerichts, sei es "lebensnah", dass dann Piech über das Ergebnis informiert worden sei. Dann hätte der VW-Mann "frühzeitig" von dem System gewusst. "Führen Sie jetzt Dr. Piëch in dem Verfahren als Beschuldigten?" fragte daraufhin Volkert-Anwalt Johann Schwenn. "Nein", antwortete Tacke. Sollten sich die Behauptungen des Anonymus allerdings betätigen, könnte Piëch durchaus ein Aktenzeichen bekommen.

Seit gut zwei Jahren läuft die VW-Affäre, und zu den Besonderheiten des ohnehin sehr bunten Verfahrens gehört, dass der Unternehmenslenker Piëch, der normalerweise alles weiß, von den heiklen Angelegenheiten gar nichts gewusst haben will. Weder von den Lustreisenkosten, noch von sonderbaren Vertrauensspesen und Sonderboni für Volkert, dem in dem Prozess Anstiftung zur Untreue vorgeworfen wird: "Ich habe niemals Geld verteilt, sondern in diesen unangenehmen Fällen...dadurch aus der Schlinge gezogen, dass ich es an jemand anderen delegiert habe", hatte Piëch in einer Vernehmung als Zeuge gesagt. "Als Führungsprinzip gut organisierter Verantwortungslosigkeit" hatte Anwalt Schwenn diese Aussage Piëchs daraufhin in einem Schriftsatz charakterisiert.

Dass Piëch von den heimlichen Gaben nichts gewusst haben soll, wird auch von Gebauers Anwalt Wolfgang Kubicki bezweifelt. Dieses Konto sei nicht von der Revision geprüft worden, das habe nur der Vorstandsvorsitzende veranlassen können. Der Fall VW sei "endlich" da, wo er hingehört: "ganz oben".

Bei einer Prüfung der VW-Affäre durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz im Herbst 2005 vor zwei Jahren angedeutet, andere Vorstandsmitglieder, also auch Piëch, hätten von dem Konto 1860 Kenntnis gehabt. In seinem Prozess Anfang dieses Jahres hatte Hartz dann aber mittels Anwalt erklären lassen, er habe die heiklen Angelegenheiten, insbesondere Vetrauensspesen und Sonderboni, alleine entschieden.

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