Vorwürfe gegen Ex-Finanzministerin Polizei durchsucht Pariser Wohnung von IWF-Chefin Lagarde

Hat die jetzige Chefin des Internationalen Währungsfonds einem französischen Unternehmer vor Jahren Hunderte Millionen Euro zu Unrecht zugeschanzt? Die Justiz ermittelt schon seit geraumer Zeit - eine Razzia in der Privatwohnung Lagardes soll jetzt Klarheit bringen.

Kurz nachdem sie zur Chefin des Internationalen Währungsfonds gekrönt worden war, kam der Schlag gegen Christine Lagarde: Der Cour de justice de la République - der Gerichtshof der Republik - sprach sich im April 2011 für Ermittlungen gegen Lagarde aus - wegen Amtsmissbrauchs. Die Justiz soll untersuchen, welche Rolle die frühere Finanzministerin Frankreichs in einem Rechtsstreit mit dem illustren Unternehmer Bernard Tapie gespielt hat.

An diesem Mittwoch haben die Behörden nun die Pariser Wohnung Lagardes durchsucht, sagte ihr Anwalt. In Frage steht, ob die Billigung einer Zahlung von 285 Millionen Euro an den Geschäftsmann Tapie illegal war (hier ein SZ-Porträt über Tapie, Spitzname "Zorro").

Lagarde wird Beihilfe zur Unterschlagung öffentlicher Gelder vorgeworfen. Sie hat die Vorwürfe zurückgewiesen. "Diese Untersuchung wird dazu beitragen, die Wahrheit aufzudecken, und meine Klientin zu entlasten", sagte ihr Anwalt, Yves Repiquet.

400 Millionen Euro inklusive Zinsen

Der Hintergrund: 1993 verkaufte die damalige staatliche Bank Crédit Lyonnais Tapies Anteile am Sportartikelhersteller Adidas. Die hatte er 1990 übernommen. Als er jedoch 1992 vom damaligen Premierminister Pierre Bérégovoy als Städtebauminister berufen wurde, beauftragte er die Crédit Lyonnais mit dem Weiterverkauf des Konzerns.

Das Geldhaus verkaufte Tapies Anteile mit einem satten Aufschlag weiter. Tapie fühlte sich über den Tisch gezogen und zog vor Gericht. Der frühere Besitzer des Fußballklubs Olympique Marseille warf der Bank Betrug und Übervorteilung vor, weil sie ihn in dem Glauben gelassen hätte, die Anteile seien deutlich weniger wert. Das jahrelange Verfahren endete 2008 mit dem Schiedsgerichtsurteil, das dem Unternehmer die Entschädigungssumme von 285 Millionen Euro zusprach - davon 45 Millionen für den ideellen Schaden, den Tapie durch die Affäre erlitten habe. Durch Zinsen erhöht sich die Summe sogar auf 400 Millionen Euro.

Das Urteil traf auf viel Kritik. Die Sozialisten, damals in der Opposition, sahen die Zahlung als Lohn dafür, dass sich ihr ehemaliger Mitstreiter Tapie, der nach der Abwahl der Linken ins Abseits geraten war, 2007 für die Wahl des politischen Gegners Nicolas Sarkozy aussprach.

Lagarde hatte zuletzt Ende Januar beteuert, die Anrufung des Schiedsgerichts sei "damals die beste Lösung" gewesen. Separat zu den Ermittlungen gegen Lagarde untersuchen auch Pariser Untersuchungsrichter den Fall. Dabei wurden zuletzt unter anderem die Wohn- und Büroräume von Claude Guéant durchsucht, der zum Zeitpunkt der Affäre unter dem damaligen Staatschef Sarkozy Generalsekretär im Präsidentenpalast war.

Der Gerichtshof der Republik ist eine 1993 eingerichtete Sonderinstanz, die sich ausschließlich mit Verbrechen oder Vergehen beschäftigt, die mutmaßlich von Regierungsmitgliedern in Ausübung ihres Amtes begangen wurden. Das Gericht selbst setzt sich aus drei Richtern des Kassationsgerichtshofs sowie zwölf Parlamentsvertretern zusammen.