Vorwürfe gegen Discounter Aldi torpedierte Betriebsratswahlen

Drei Kassierer aus Frankfurt wollten einen Betriebsrat gründen, doch der Discounter hinderte sie daran. Ihr Kampf gewährt einen tiefen Einblick in das System Aldi: Mit Abmahnungen versuchte der Konzern, die Gründungsversuche zu ersticken. Als es plötzlich doch einen Betriebsrat gab, war er mit den Filialleitern besetzt.

Von Christoph Giesen

Ihr Ziel war es, einen Betriebsrat zu gründen. Sechs Monate kämpfte die Aldi-Kassiererin Sznezana M., 35, mit ihren beiden Kollegen Aleksandar C., 30, und Nenad D., 40. Die drei scheiterten. Der Betriebsrat im Rhein-Main-Gebiet ist jetzt mit Filialleitern besetzt, die drei Kassierer haben die Firma verlassen. Ihr Kampf gewährt einen tiefen Einblick in das System Aldi.

Aldi ist der größte Discounter in Deutschland. Die Familien der Gründer Theo und Karl Albrecht gehören zu den reichsten Deutschen. Aber ihr Unternehmen ist eine Blackbox. Umsatz und Gewinn sind nicht bekannt, immer wieder gibt es Gerüchte über einen rüden Umgang mit Mitarbeitern, eine systematische Überwachung der Angestellten und eine strikte Personalpolitik. Genaues wusste man lange nicht.

Im Rhein-Main-Gebiet hat der Discounter etwa 55 Filialen. Seit knapp zehn Jahren arbeiten Sznezana M., Aleksandar C. und Nenad D. bei Aldi in Frankfurt. Sie verdienen knapp 15 Euro pro Stunde. Im Sommer 2010 kommt ein neuer Filialleiter, er soll den Laden voranbringen, die Inventur-Ergebnisse sind schlecht. Die Filiale hat viel Laufkundschaft, es kommt öfter vor, dass Obdachlose eine Flasche Wodka mitgehen lassen. Der Filialleiter verdächtigt die drei Kassierer, zu klauen. In Einzelgesprächen teilt er ihnen im Januar 2011 mit, dass sie deswegen versetzt werden sollen. "Wir mussten um unsere Ehre kämpfen", sagt Aleksandar C. Die drei schreiben einen Brief an den Aldi-Prokuristen S. In einer Stellungnahme antwortet der, dass sie nichts gestohlen hätten.

"Wir wollten, dass er auch die Mitarbeiter darüber informiert", sagt Aleksandar C. Die drei suchen sich juristischen Beistand, Anfang März stoßen sie auf den Anwalt Jörg Weber. Der hat lange für die IG Metall gearbeitet; und er hat keine Scheu, sich mit Großen anzulegen. Gleich beim ersten Treffen mit den drei Mitarbeitern hat er die Idee mit dem Betriebsrat. Das Betriebsverfassungsgesetz sieht vor, dass eine Betriebsratswahl entweder von einer Gewerkschaft initiiert wird - oder aber von drei Mitarbeitern, die zu einer Versammlung einladen, bei der ein Wahlvorstand gewählt wird.

Wenige Tage nach der gescheiterten Wahl bekommt C. eine Abmahnung

Am 22. März hängen die drei Kassierer ein DIN-A4-Blatt zur Wahl eines Wahlvorstandes auf. Zur Betriebsversammlung am 2. April kommen fast alle der etwa 40 Wahlberechtigten. Auch Regionalverkaufsleiterin W. ist da. Bei Aldi sind vier bis fünf Märkte zu einer Region zusammengefasst. W. ist Chefin einer solchen Region, ihr unterstehen vier bis fünf Filialleiter und etwa 40 Kassierer. W. hat ihren Namen gut lesbar auf die Teilnehmerliste geschrieben. Ein unüblicher Vorgang.

Aldi Süd schreibt dazu in einer Stellungnahme: "Bei der Betriebsversammlung war die zuständige Regionalverkaufsleiterin auf Wunsch einiger Mitarbeiter anwesend. Dies verstößt nicht gegen das Betriebsverfassungsgesetz." Mehrere Filialleiter äußern auf der Versammlung, dass man keinen Betriebsrat brauche und bitten um Abstimmung. 31 Mitarbeiter stimmen gegen einen Betriebsrat, drei enthalten sich. Die Sitzung wird abgebrochen. Die drei Kassierer wollen Klage einreichen.

Am 7. April, wenige Tage nach der gescheiterten Wahl, bekommt Aleksandar C. eine Abmahnung. "Am Donnerstag, den 10. 03. 2011, waren Sie zum Arbeitsbeginn um 06:00 Uhr eingeteilt und eingeplant", schreibt Regionalverkaufsleiterin W. "Erst 10 Minuten nach dem eigentlichen Arbeitsbeginn, also gegen 06:10 Uhr, meldeten Sie sich telefonisch in der Filiale und teilten mit, dass Sie Durchfall hätten und nicht zur Arbeit erscheinen könnten. Mit Ihrem Verhalten haben Sie erheblich gegen Ihre arbeitsvertraglichen Pflichten verstoßen."

Was W. verschweigt: Vor sechs Uhr morgens sind die Büros nicht besetzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Frühschicht erst zehn Minuten nach dem Aufsperren ans Telefon geht. Am selben Tag wird auch Nenad D. abgemahnt. "Am Mittwoch, den 09. 03. 2011, wurde im Rahmen eines Testeinkaufes von Ihnen übersehen, dass die Testeinkäuferin eine Jacke über die Lenkstange des Einkaufswagens gelegt hatte." Es hätte ein Warenverlust von 7,99 Euro entstehen können.