Vorwürfe gegen Billigmode-Kette Primark am Pranger

Kunden kaufen in Gelsenkirchen in einem Geschäft des Textildiscounters Primark ein. In Hannover sollen Mitarbeiter des Konzerns gezielt überwacht worden sein.

(Foto: dpa)

Der Druck wird stärker: Erst finden Kunden der Textilfirma Primark eingenähte Zettel mit mutmaßlichen Hilferufen in der Kleidung. Nun gibt es auch in Hannover Ärger - dort sollen Mitarbeiter des Konzerns überwacht worden sein.

Von Kristina Läsker, Hamburg

Der Hilfeschrei hat lange in der Hosentasche gewartet. Drei Jahre ließ Karen Wisinka die neuen Shorts in Militärfarben bei sich herumliegen. Gekauft hatte die Nordirin die Hose bei einem Trip nach Belfast 2011. Bloß ein paar Pfund hatte Wisinka im Billigkaufhaus Primark bezahlt. Getragen hat sie das Teil nie, der Reißverschluss war kaputt.

Doch als sie letzte Woche für einen Urlaub packte, fielen ihr die Shorts in die Hände. In der hinteren Tasche fand sie einen eingenähten Ausweis, eingewickelt in einen Zettel, auf dem "SOS" stand, dazu chinesische Schriftzeichen. Wisinka hat sich dann - so berichtet es der britische Nachrichtersender BBC - an Amnesty International gewandt.

"Ich war total unter Schock", sagte sie jetzt im TV-Interview. Der Grund: Die Menschenrechtler übersetzten den Zettel als verzweifelten Hilfeschrei eines Arbeiters. Seither steht die Welt der Kundin Wisinka kopf - und die Billigmodekette Primark aus Irland gehörig unter Druck.

Der Schreiber behauptet, Gefängnisinsasse zu sein

Dabei weiß niemand, woher der Zettel stammt, ob er echt ist und ob die Vorwürfe überhaupt stimmen. "Es ist sehr schwer zu wissen, ob das authentisch ist. Aber es ist zu befürchten, dass das die Spitze eines Eisbergs ist", sagte Patrick Corrigan von Amnesty International in Irland. Das Ganze klinge nach einem "Gräuelmärchen".

Tatsächlich hat es der Zettel in sich: Der Schreiber behauptet, er sei Gefangener im Xiangnan Gefängnis in der chinesischen Provinz Hubei. Seit Jahren würden er und Mitgefangene gezwungen, Kleidung für den Export zu nähen, oftmals 15 Stunden am Tag. Ihr Essen sei schlechter als der "Fraß von Schweinen und Hunden", und sie müssten arbeiten "wie Ochsen und Pferde", so soll es auf dem Papier stehen.

Es ist schon der dritte Vorwurf gegen Primark innerhalb weniger Tage, wie mehrere britische Medien berichteten. Erst kürzlich war in Wales ein eingenähter Zettel in einem Kleid aufgetaucht, auf dem der Schreiber behauptet, er sei "zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen" worden. Eine andere Kundin hatte angeblich eine Nachricht gefunden mit dem Vorwurf, es herrschten "erniedrigende Bedingungen in einer Knochenmühle".

Primark verkauft seit 2009 auch Kleidung in Deutschland

Der Textil-Discounter wehrt sich gegen die rufschädigenden Vorwürfe und hat nun angekündigt, die ominösen Vorfälle genau zu untersuchen. Seit 2009 sei der für die Hose der Kundin Wisinka zuständige Zulieferer mehrfach überprüft worden, sagte ein Sprecher. Dabei seien keine Hinweise auf Zwangsarbeit etwa durch Gefängnisinsassen gefunden worden.

Primark mit Sitz in Dublin ist eine Tochter des britischen Konsumgüterkonzerns Associated British Foods (ABF). Der Discounter verkauft seit 2009 auch Kleidung in Deutschland - dem wichtigsten Textilmarkt in Europa. Egal ob Bremen, Berlin oder Karlsruhe: Bis heute wurden zwölf Filialen hierzulande eröffnet. Mit Billigangeboten und einer schlanken Organisation tritt Primark gegen die Rivalen an.

Wie bei Ikea laufen die Kundinnen - meist Mädchen und junge Frauen - mit fischreusenartigen Plastiksäcken durch die Läden und shoppen im Schnitt fünf Teile. Billigpreise machen das möglich: drei Euro für getigerte Badelatschen, fünf Euro für ein Yoga-Top, zehn Euro für knallenge Cordhosen: Mit Schnäppchen wird gegen Kik und Takko konkurriert. Was nicht läuft, wird mit Rabatten versehen und fliegt aus dem Angebot. Modische Schnitte und Trendfarben sollen Kundinnen der höherpreisigen Rivalen H&M und Zara locken.

Gezielte Überwachung der Mitarbeiter?

Doch nicht nur in Großbritannien gibt es Kritik am Geschäftsgebaren. Auch in Deutschland ist der Verdacht aufgetaucht, dass die Kette womöglich nicht nur Textilarbeiter in Asien ausbeutet, sondern auch die Beschäftigten zu Hause schlecht behandelt. So werden alle deutschen Läden mit Kameras überwacht - und dabei sind in der größten Filiale in Hannover womöglich gezielt Mitarbeiter über längere Zeit bespitzelt worden.

In dem vierstöckigen Kaufhaus gebe es 128 Überwachungskameras, sagt Juliane Fuchs von der Gewerkschaft Verdi. Das Problem: Knapp die Hälfte der Kameras überwache nicht nur die Kunden, sondern die gut 550 Mitarbeiter. Sie seien vor Personalräumen, Toiletten und Aufgängen angebracht. "Es entsteht der Eindruck, die Mitarbeiter stehen unter Generalverdacht", sagt Handelsexpertin Fuchs.

Damit verstößt Primark womöglich gegen Gesetze: Eine zeitlich begrenzte Überwachung der Belegschaft ist nur erlaubt, wenn ein begründeter Verdacht besteht. Etwa wenn besonders viel gestohlen wurde. Eine permanente Überwachung von nicht öffentlichen Räumen ohne Grund ist dagegen verboten.

Es gibt Anzeichen, dass der Konzern zurückrudert

Was dazukommt: Die Kameras in Hannover werden angeblich nicht nur von einer externen Sicherheitsfirma überwacht, sondern vom Filialleiter persönlich. In dessen Büro, so berichten Betriebsrat und Verdi-Frau Fuchs, habe lange ein Kamera-Steuerungsinstrument gestanden. Joystick nennen sie das in der Überwachungsszene, damit lassen sich Bilder aus Kameras sehr nah heranzoomen.

Primark wollte sich am Donnerstag nicht zu den Vorwürfen im Einzelnen äußern. Die Kameras dienten generell "dem Schutz der Kunden und Mitarbeiter", sagte ein Sprecher. Doch es gibt Anzeichen, dass der Konzern in Hannover zurückrudert: "Wir sind momentan in Verhandlungen mit den Betriebsräten, um gegebenenfalls die Anzahl der Kameras zu reduzieren und jeweils zu einer Einigung vor Ort zu kommen." Betriebsrat und Verdi in Hannover wollen sich damit nicht zufriedengeben. Bis Anfang Juli, so verlangen sie von der Geschäftsführung, sollen alle nicht öffentlichen Kameras abgebaut werden.