Vorstoß eines Energiekonzerns China will in deutsches Stromnetz investieren

Peking wittert seine Chance: Das Stromnetz ist die Achillesferse der Energiewende, den deutschen Netzbetreibern kämen Geldgeber aus dem Ausland gerade recht. Nun plant Chinas größter Energiekonzern State Grid den Sprung nach Deutschland.

Von Markus Balser, Berlin

Der Ort des Auftritts war mit Bedacht gewählt. Chinas Energieriese State Grid hatte am Dienstag fast ein Dutzend Spitzenkräfte nach Berlin geschickt. Das Ziel der hochrangigen Reisegruppe aus Fernost: Dem unbekannten Riesen aus Peking auf einer Energiekonferenz in Deutschland erstmals ein Gesicht zu geben. Denn der Netzbetreiber, einer der größten der Welt, hat ein klares Ziel: den Einstieg auf dem deutschen Energiemarkt. Und geht es nach Peking, könnte die Stadt Berlin dabei schon bald im Zentrum stehen. Zwar zählt State Grid zu den größten Unternehmen der Welt.

Das US-Magazin Fortune führte die Firma mit Sitz in Peking gemessen am Umsatz von 230 Milliarden Dollar zuletzt weltweit auf Platz sieben - vor Weltkonzernen wie Toyota und Volkswagen. Doch in Deutschland ist der Milliardenkonzern bislang gänzlich unbekannt. Firmenchef Liu Zhenya und Vizechef Jun Luan etwa bleiben auf den Konferenzfluren in einem Berliner Luxushotel meist unerkannt. Geht es nach Peking, könnte sich das rasch ändern. Denn der Konzern erklärte den deutschen Markt am Dienstag zum ausdrücklichen Ziel seiner globalen Expansion. In Schwellenländern wie Brasilien oder auch in Südeuropa sei man bereits aktiv, sagt Cheng Mengrong von der Abteilung Internationale Zusammenarbeit. "Nun sehe man in Deutschland gute Gelegenheiten", so die Managerin.

Ein erster Vorstoß der Zentrale von State Grid in Deutschland ist bereits bekannt. Die Firma bewirbt sich in Berlin um den Betrieb des Stromnetzes. Die Konzession von Vattenfall läuft 2014 aus. Beim Ziel, ein Energie-Weltkonzern zu werden, schreckt die Chinesen auch die Debatte um die deutsche Energiewende nicht ab. Im Gegenteil: "In Deutschland werden in den nächsten Jahren viele Milliarden in den Ausbau der Netze investiert", sagt Vizechef Luan. Da gebe es jede Menge Möglichkeiten für ein Engagement.

Das höfliche Angebot des Herrn Luan aus Peking ist Teil einer weltweiten Strategie der chinesischen Wirtschaft. Mit gigantischen Devisenmengen im Rücken machen Unternehmen aus China rund um den Globus Jagd auf immer größere und bedeutendere Ziele. Die Rohstoffkonzerne Sinopec und CNPC kaufen sich schon seit Jahren außerhalb Chinas in Unternehmen und Lagerstätten ein. Auch von einigen Banken, etwa von der ICBC, die von der Bilanzsumme her als größtes Finanzhaus der Welt gilt, sind ähnliche Einkaufstouren bekannt. Nun geht es Peking offenbar um Infrastrukturprojekte in Europa.

Das Stromnetz ist zur Achillesferse der Energiewende geworden

Dass die Pläne Chinas, auf dem deutschen Energiemarkt Fuß zu fassen, gerade in der größten Krise der Energiebranche seit Jahren bekannt werden, dürfte kein Zufall sein. Denn Beispiele wie die Übernahme des Autokonzerns Volvo oder des Reiseveranstalters Club Med machen klar: Die Strategen aus Peking nutzen Schwächephasen und finanzielle Engpässe, um sich auf neuen Märkten in Position zu bringen. So auch zuletzt im klammen Portugal: Dort übernahmen die Chinesen und der omanische Fonds Oman Oil 40 Prozent des nationalen Strom- und Gasnetzbetreibers REN. Die Staatskasse in Lissabon verbuchte so Einnahmen von fast 600 Millionen Euro.

Längst gilt unter Experten als wahrscheinlich, dass Investoren wie State Grid in Deutschland Fuß fassen. Das Stromnetz ist zur Achillesferse der Energiewende geworden. Den klammen deutschen Netzbetreibern kämen potente Geldgeber aus dem Ausland gerade recht. Schließlich drohen die hohen Kosten des Netzumbaus die ersten Unternehmen zu erdrücken. Um den Strom von Windparks auf hoher See in die Verbrauchszentren im Süden und Westen des Landes zu transportieren, sind neue Trassen nötig.

Dieser Ausbau der Stromleitungen soll in den nächsten zehn Jahren rund 30 Milliarden Euro verschlingen. Allein das Übertragungsnetz für Strom in Deutschland muss um 3800 Kilometer erweitert werden. Außerdem sollen 4000 Kilometer auf bestehenden Trassen erneuert werden. "Wir werden auf Investoren wie State Grid angewiesen sein", sagt ein führender deutscher Manager aus der Energiebranche. Und auch beim Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) ist man sicher: "Es wird Kooperationen geben", sagt Verbandschef Joachim Schneider.

Ob State Grid allerdings schon in Berlin zum Zug kommt, steht in den Sternen. Für eine neue Konzession gibt es mehrere Bewerber. Vattenfall würde das Netz gerne weiter betreiben. Daneben hat auch der niederländische Netzbetreiber Alliander Interesse angemeldet. Und auch das Land Berlin ist noch im Rennen. Es könnte Anfang November per Volksentscheid zum Rückkauf der Netze gezwungen werden.