Ohne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) geht's auch. Das meint zumindest Frankreichs Präsident Sarkozy und will das BIP durch einen anderen Indikator ersetzen.
Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will die internationale Staatengemeinschaft davon überzeugen, einen neuen Wohlstandsindikator einzuführen. Der neue Gradmesser soll künftige Weltwirtschaftskrisen verhindern helfen. "Das Bruttoinlandsprodukt spiegelt die Realität nicht wider", erklärte Sarkozy am Montag in der Pariser Universität Sorbonne. Das BIP messe weder den sozialen Fortschritt noch das Wohlergehen Einzelner oder die Nachhaltigkeit, sondern nur Quantität und Produktion.
Der französische Präsident fragt: Wo ist der soziale Wert, wenn Aktienhändler viel verdienen und dabei Jobs vernichten. (© Foto: AP)
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Laut Definition ist das Bruttoinlandsprodukt die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft. Der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der Sarkozy einen entsprechenden Bericht überreichte, sagte: "Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht an sich falsch, aber es kann falsch angewandt werden." Vor der Krise, so erläuterte Stiglitz, sei das Wachstum in den USA höher gewesen als in Europa. Dabei hätten viele übersehen, dass die USA so schnell wuchsen, weil sich viele Amerikaner überschuldeten. Das Wachstum stand also auf wackeligen Beinen, was das BIP nicht berücksichtigte.
Kennzahl mit Defiziten
Andere Teilnehmer der 22-köpfigen, von Sarkozy vor 18 Monaten ins Leben gerufenen Kommission, darunter fünf Nobelpreisträger, nannten weitere (zugespitzte) Beispiele für die Defizite des BIP: Stehen Autofahrer im Stau, steige das BIP, weil sie mehr Sprit verbrauchten. Oder: Läuft ein Öltanker aus, gehen die Reinigungsarbeiten in das BIP ein. Und schließlich: Bricht eine Epidemie aus, hebt die Entwicklung eines Impfstoffs das BIP. Das Wohlergehen der Menschen steigere sich aber nicht.
Sarkozy seinerseits fragte in seiner marktkritischen Rede rhetorisch: "Wo ist der soziale Wert, wenn Aktienhändler viel Geld machen, aber die Arbeitsgrundlage anderer zerstören und die Grundfesten des Kapitalismus ruinieren?"
Die Kommission unter Stiglitz machte zwölf Vorschläge zur Reform. Sie zielen darauf ab, das Wohlbefinden Einzelner (Einkommen, Konsum, Lebensqualität und -erwartung, Gesundheit und Freizeit) sowie die Umweltverträglichkeit des Wachstums einzubeziehen. Sarkozy ergänzte, es müssten auch ehrenamtliche Arbeit und haushaltsnahe Dienstleistungen sowie das Funktionieren des öffentlichen Dienstes berücksichtigt werden.
Angel Gurria, Generalsekretär der OECD in Paris, sagte, die Organisation von 30 Industriestaaten wolle eine führende Rolle dabei übernehmen, einen neuen Wohlstandsindikator zu entwickeln und einzuführen. Die EU kündigte bereits vorige Woche an, im kommenden Jahr einen Wachstumsmesser zu publizieren, der auch die Folgen für die Umwelt berücksichtigt. Das BIP steht seit Jahren in der Kritik. Jeder Versuch, einen neuen weltweit akzeptierten Wohlstandsindikator zu implementieren, scheiterte jedoch.
Nobelpreisträger Amartya Sen, Vizepräsident der Stiglitz-Kommission, entwickelte zum Beispiel den Human Development Index, den die Vereinten Nationen jährlich veröffentlichen. Dort liegen Staaten wie Norwegen, Kanada oder auch Island an der Spitze und nicht die USA. Frankreich kommt bei diesem Index (2007) auf Platz zehn und beim internationalen BIP-Vergleich nur auf Rang 18. Bei seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren blies Sarkozy noch zur Aufholjagd beim BIP. Jetzt will er die Berechnungsgrundlage ändern.
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(SZ vom 15.09.2009/gits/hgn)
tja, ich hab mich dann auch gleich gefragt, wo steckt da der haken? dass gerade sarkozy mit dem vorschlag kommt, wundert mich noch umso mehr. aber sind denn wirklich alle so schlecht? ist alles verschwoerung und blendung? ist keinem der 5 nobelpreistraeger des ausschusses mal der zweifel aufgekommen, dass ihre ganzhe arbeit heier eigentlich fuer die katz sein sollte??
wird dieser Indikator gegen einen Indiktor ersetzt werden, der den gesamtstaatlichen Zustand wirklichkeitsnäher anzeigt. Was wäre die Erkenntnis aus den neu gewonnenen Daten? Die Erkenntnis wäre, dass der Kapitalismus nur 10% der Bevölkerung dient und die restlichen 90% in die Schuldenfalle geraten. Für die Teile der 90%, die jetzt stolz einwenden, sie hätten keine Schulden, sei ein Ausflug in die Wirklichkeit empfohlen. STAATSSCHULDEN, IHR TRÄUMER, SIND AUCH EURE SCHULDEN. Und da jeder Deutsche vom Säugling bis zum Greis mit €19.665 verschuldet ist, kann man auch ohne Änderung der Statistik schon die Familienfreundlichkeit unseres Systems erkennen.Denn eine 4Köpfige Familie steht demnach schon mit €80.000 unter Wasser. So und was machen unsere Führer dann aus der gesamten Datenkenntnis, wenn dann auch noch mit einfließt, dass die Menschen auch physisch und psychisch am Ende ihrer Leistungskraft angekommen sind? WELCHE KONSEQUENZ folgt dann? WIEDER ZURÜCK ZUM ALTEN BIP. Aber keine Angst,soweit wird es nicht kommen. Jetzt, kurz vorm totalen Zusammenbruch, und der steht uns unausweichlich bevor, wird dem Volk Sand in Form von Betroffenheit in die Augen gestreut. Wenn dann viele ihre Wut und ihren Frust wieder runterfahren, weil sie sich jetzt "verstanden fühlen", zieht die Karawane weiter und nichts wird sich ändern. Wer auch nur einen Moment glaubt, der Kapitalismus lässt sich wirklich in die schmutzigen Karten schauen, der hat den Weltmeistertitel in der Disziplin NAIVITÄT verdient.
Die Steuereinnahmen hängen numal vom BIP ab.
Ansonsten ist Stiglitz' Vorschlag vernünftig.
Die ehrenamtliche Arbeit würde ich aber außen vor lassen: Wer will schon, daß die zunimmt? (Nun, ich, in gewisser Weise, aber dafür haben wir nicht die richtigen Rahmenbedingungen. So wie's ist, läuft's auf Ausbeutung hinaus.)
Im ersten Moment dachte ich: Komisch, dass unsre Kundesbanzlerin noch nicht auf die Idee gekommen ist. Doch dann las ich:"...Das BIP messe weder den sozialen Fortschritt noch das Wohlergehen Einzelner oder die Nachhaltigkeit, sondern nur Quantität und Produktion..." - Und schon war mir klar, dass dies der einzig wichtige Wert in den Augen dieser Schmalspurdemokratin ist.