Vorschlag aus Frankreich Weg mit dem BIP

Ohne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) geht's auch. Das meint zumindest Frankreichs Präsident Sarkozy und will das BIP durch einen anderen Indikator ersetzen.

Von Michael Kläsgen

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will die internationale Staatengemeinschaft davon überzeugen, einen neuen Wohlstandsindikator einzuführen. Der neue Gradmesser soll künftige Weltwirtschaftskrisen verhindern helfen. "Das Bruttoinlandsprodukt spiegelt die Realität nicht wider", erklärte Sarkozy am Montag in der Pariser Universität Sorbonne. Das BIP messe weder den sozialen Fortschritt noch das Wohlergehen Einzelner oder die Nachhaltigkeit, sondern nur Quantität und Produktion.

Laut Definition ist das Bruttoinlandsprodukt die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft. Der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der Sarkozy einen entsprechenden Bericht überreichte, sagte: "Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht an sich falsch, aber es kann falsch angewandt werden." Vor der Krise, so erläuterte Stiglitz, sei das Wachstum in den USA höher gewesen als in Europa. Dabei hätten viele übersehen, dass die USA so schnell wuchsen, weil sich viele Amerikaner überschuldeten. Das Wachstum stand also auf wackeligen Beinen, was das BIP nicht berücksichtigte.

Kennzahl mit Defiziten

Andere Teilnehmer der 22-köpfigen, von Sarkozy vor 18 Monaten ins Leben gerufenen Kommission, darunter fünf Nobelpreisträger, nannten weitere (zugespitzte) Beispiele für die Defizite des BIP: Stehen Autofahrer im Stau, steige das BIP, weil sie mehr Sprit verbrauchten. Oder: Läuft ein Öltanker aus, gehen die Reinigungsarbeiten in das BIP ein. Und schließlich: Bricht eine Epidemie aus, hebt die Entwicklung eines Impfstoffs das BIP. Das Wohlergehen der Menschen steigere sich aber nicht.

Sarkozy seinerseits fragte in seiner marktkritischen Rede rhetorisch: "Wo ist der soziale Wert, wenn Aktienhändler viel Geld machen, aber die Arbeitsgrundlage anderer zerstören und die Grundfesten des Kapitalismus ruinieren?"

Die Kommission unter Stiglitz machte zwölf Vorschläge zur Reform. Sie zielen darauf ab, das Wohlbefinden Einzelner (Einkommen, Konsum, Lebensqualität und -erwartung, Gesundheit und Freizeit) sowie die Umweltverträglichkeit des Wachstums einzubeziehen. Sarkozy ergänzte, es müssten auch ehrenamtliche Arbeit und haushaltsnahe Dienstleistungen sowie das Funktionieren des öffentlichen Dienstes berücksichtigt werden.

Angel Gurria, Generalsekretär der OECD in Paris, sagte, die Organisation von 30 Industriestaaten wolle eine führende Rolle dabei übernehmen, einen neuen Wohlstandsindikator zu entwickeln und einzuführen. Die EU kündigte bereits vorige Woche an, im kommenden Jahr einen Wachstumsmesser zu publizieren, der auch die Folgen für die Umwelt berücksichtigt. Das BIP steht seit Jahren in der Kritik. Jeder Versuch, einen neuen weltweit akzeptierten Wohlstandsindikator zu implementieren, scheiterte jedoch.

Nobelpreisträger Amartya Sen, Vizepräsident der Stiglitz-Kommission, entwickelte zum Beispiel den Human Development Index, den die Vereinten Nationen jährlich veröffentlichen. Dort liegen Staaten wie Norwegen, Kanada oder auch Island an der Spitze und nicht die USA. Frankreich kommt bei diesem Index (2007) auf Platz zehn und beim internationalen BIP-Vergleich nur auf Rang 18. Bei seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren blies Sarkozy noch zur Aufholjagd beim BIP. Jetzt will er die Berechnungsgrundlage ändern.