Von Silvia Liebrich

Mit der Abschaffung der Vorschriften für Verpackungsgrößen wollte die Europäische Union den Kunden entgegenkommen und die Bürokratie abbauen. Doch inzwischen stellt sich heraus, dass die Wirtschaft Änderungen bei Verpackungen zu heimlichen Preiserhöhungen nutzt. Verbraucherschützer sind verärgert.

Wer preisbewusst einkaufen will, muss genau hinsehen - und vor allem gründlich rechnen. Das gilt ganz besonders, wenn eine Mehrwertsteuer-Erhöhung bevorsteht, wie es in Deutschland der Fall ist. Denn es zeichnet sich zunehmend ab, dass viele Hersteller die Umstellung für vorgezogene und versteckte Preiserhöhungen nutzen.

Supermarkt; dpa

Bislang mussten Shampoos einheitliche Verpackungsgrößen haben. Diese Vorschrift entfällt. (© Foto: dpa)

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Ein Weg dabei: Anstatt den nominellen Preis auf dem Etikett zu erhöhen, werden die Verpackungsgrößen reduziert. Ein Verfahren, für das vor allem die Zigarettenindustrie bekannt ist, die seit Jahren steigende Tabaksteuern meist durch niedrigere Stückzahlen in den Schachteln abfängt.

Verbraucherschützer befürchten nun allerdings, dass diese Praxis auch in anderen Bereichen stärker Schule machen könnte. Grund dafür ist ein Beschluss der Wirtschaftsminister der Europäischen Union, normierte Verpackungsgrößen grundsätzlich abzuschaffen.

Bisher schreiben nationale Gesetze vor, in welchen Packungsgrößen Kaffee, Zucker oder Shampoo verkauft werden dürfen. Genau 77 Artikel umfasste die bislang geltende EU-Verordnung, die diese Normen für Lebensmittel und andere Waren erlaubte. Dieses Projekt der EU stößt bei Verbraucherschützern auf heftige Kritik.

Sie prophezeien ein Chaos in den Supermärkten. "Täuschung, Verschleierung und mühselige Produktvergleiche würden an die Stelle von Transparenz und Übersichtlichkeit treten", meint Edda Müller, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen.

Im Einzelhandel hat man für diese Argumentation kein Verständnis. "Durch die bereits heute geltende Verpflichtung zur Grundpreisangabe werden die Verbraucher über die Relation der Preise klar informiert", kontert Detlef Groß vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) diese Befürchtungen und verweist auf die meist klein gedruckten Preisinformationen je 100 Gramm oder je Kilogramm an den Warenregalen.

Zudem hätten flexible Verpackungsgrößen durchaus Vorteile für die Verbraucher: So könne man besser auf besondere Bedürfnisse, etwa von Singles oder Älteren, eingehen.

Dass heftig mit Hilfe geringerer Mengen an der Preisschraube gedreht wird, ist unterdessen offensichtlich. Das zeigt auch eine umfangreiche Liste, die vor einigen Tagen die Verbraucherzentrale Hamburg veröffentlicht hat. Aus ihr geht hervor, dass bei diversen Produkten die Preise im Handel in den vergangenen Monaten um bis zu 50 Prozent angezogen haben.

Besonders auffällig an dieser Liste der Verbraucherschützer ist: Es finden sich dort viele Produkte wieder, die gar nicht von der für Anfang nächsten Jahres beschlossenen Mehrwertsteuer-Erhöhung von 16 auf 19 Prozent betroffen sind. So werden Lebensmittel auch nach dem 1. Januar mit dem nach wie vor ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent belegt.

Dennoch wurden Kekse der Marke Granola De Beukelaer von Griesson für die Kunden de facto um ein Drittel teuerer, weil eine Packung statt 200 Gramm nur noch 150 Gramm enthält. Mövenpick-Eis des Herstellers Nestlé - ebenfalls ein Lebensmittel - enthält statt der üblichen 1000 Milliliter nur noch 900, ohne dass der Nominalpreis gefallen wäre.

Industrie und Handel weisen einen Zusammenhang zwischen der Häufung von Preiserhöhungen und Mehrwertsteuer weit von sich. Sie begründen die "Anpassungen" meist mit Qualitätsverbesserungen, der Verwendung hochwertiger Verpackungsmaterialien und den gestiegenen Rohstoffpreisen.

In der Branche geht man allerdings auch davon aus, dass offene Preiserhöhungen im Zusammenhang mit der Mehrwertsteuer-Erhöhung momentan bei den Verbrauchern wohl nicht durchsetzbar sind. Der starke Wettbewerb lasse dafür kaum Spielraum, begründet ein Sprecher der Handelsgruppe Edeka. Wie sensibel Verbraucher auf dieses Thema reagieren, bekamen im Sommer bereits die Drogerieketten dm, Schlecker und Rossmann zu spüren, als sie als eine der Ersten die Preise teilweise deutlich anhoben - und dafür heftig gescholten wurden.

Damit Handel und Produzenten trotzdem nicht auf der höheren Umsatzsteuer sitzen bleiben, legte etwa die Beratungsgesellschaft McKinsey ihren Klienten "Veränderungen bei Packungsgrößen und Inhaltsvolumen" nahe. Aldi, der größte deutsche Discounter, nutzt dagegen die Steuererhöhung, um für sich die Werbetrommel zu rühren.

Für mehr als 200 Produkte gab die Billigkette in großflächigen Anzeigen Preisgarantien ab und setzte damit die Konkurrenz unter Zugzwang. Kritiker warfen dem Unternehmen allerdings vor, es habe bereits vor diesen Ankündigungen die Preise erhöht; außerdem sei ein großer Teil der Produkte von der Garantie ausgenommen.

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(SZ vom 16.10.2006)