Volkswirtschaftslehre Mehr als Singen, Spielen und Klatschen

Nils Goldschmidt, 47, forscht unter anderem zur Geschichte des ökonomischen Denkens und befasst sich mit Fragen der Sozialpolitik. Zudem ist er Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft.

(Foto: privat)

Professor Nils Goldschmidt ist Mitbegründer des ersten deutschen Studiengangs für "Plurale Ökonomik". Er spricht über linke Studierende, herablassende Mainstream-Ökonomen und die notwendige Revolution der Lehre.

Interview von Janis Beenen

Viele Wirtschaftsstudenten sind genervt. Statt vielfältiger Theorien lernen sie in ihrem Studium fast ausschließlich neoklassischen Mainstream: Das Konzept, das der Maximierung des Nutzens alles unterordnet. Viele der Studierenden mit volkswirtschaftlichem Bezug in Deutschland beklagen, dass der Stoff wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Reale Entwicklungen weichen von Vorhersagen der gängigen Theorie ab. Die Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank sollte für eine deutliche stärkere Inflation sorgen - tatsächlich tut sich relativ wenig. An den meisten Lehrstühlen bleibt dennoch alles beim Alten. Ein paar Wissenschaftler wagen in Siegen die Revolution. Seit dem Wintersemester 2016/17 bietet die Universität den ersten Masterstudiengang "Plurale Ökonomik" an. 25 Studierende erhalten jedes Jahr eine Ausbildung in Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre. In den Vorlesungen reißen sie verschiedene Theorien an und sollen diese hinterfragen. Nils Goldschmidt gehört zu den Gründern des Studiengangs.

SZ: Herr Goldschmidt, der neoklassische Mainstream erweist sich in der Realität oft als unpraktikabel. Dennoch ändert sich die Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften an den meisten Universitäten nicht. Warum bleiben Sie mit Ihrem Ansatz alleine?

Nils Goldschmidt: Wir sind nicht allein. Das, was in der Spitzenforschung passiert, ist häufig Plurale Ökonomik. Bücher von alternativen Denkern unserer Zeit wie Thomas Piketty oder Daron Acemoglu und James Robinson sind hochaktuell und viel diskutiert. In der Lehre bringen die meisten Unis den Studierenden das aber nicht bei, mit der Begründung, dass erst das Mainstream-Handwerkzeug dran ist.

Was ist falsch daran, Studierende erst mit Grundsätzlichem auszustatten?

Das ist nicht per se falsch. Nur sind wir der Meinung, dass es nicht nur ein gutes Werkzeug gibt. Wenn der Mainstream ein Hammer ist, schadet es nicht, auch bohren und schrauben zu können. Wir sehen in der Pluralen Ökonomik eine notwendige Ergänzung zum Mainstream.

Also lehren Fakultäten Grundlagen, von denen sie wissen, dass sie einseitig sind?

Aufgrund der knappen personellen Besetzung decken viele Fakultäten lieber erst mal die Kernbereiche ab. Außerdem sind viele zurückhaltend, weil die Veränderung Mut braucht. Man muss aber auch selbstkritisch sein: Viele Pluralos sind politisch und gesellschaftlich sehr engagiert und wollen ihre Überzeugungen auch in die Lehre hineintragen. Das schreckt viele Kollegen ab, sich auf eine Plurale Ökonomik einzulassen.

Die Pluralos sind eher dem links-grünen Spektrum zuzuordnen. Sitzen in Ihren Vorlesungen vornehmlich Leute, die froh sind, dass sie Marx lesen dürfen?

Der Anteil der Studierenden, die zu einem alternativen Spektrum gehören, ist hier höher als anderswo. Erfreulich ist: Das sind Leute mit hoher Eigenmotivation, die über die wirklichen Fragen der Zeit reden und etwas verändern wollen. Deshalb lernen sie bei uns, Dinge zu hinterfragen. Das bedeutet aber auch: Wer Marx liest, muss auch den liberalen Hayek aushalten.

Ihre Absolventen sind für Arbeitgeber ein Risiko. Sie können alles ein bisschen. Das spricht für eine solide neoklassische Ausbildung.

Es gibt sicherlich Arbeitsbereiche in der Forschung oder bei Banken, wo die Spezialisierung auf die Mainstream-Lehre richtig ist. Aber Wirtschaftswissenschaftler, die bei Stiftungen, Gewerkschaften, Entwicklungsprojekten oder als Referent in der Politik arbeiten, müssen breiter aufgestellt sein. Auch in der Privatwirtschaft wird ein frischer Blick auf ökonomische Sachverhalte von großem Nutzen sein. Es ist notwendig, Probleme aus mehreren Perspektiven zu verstehen und argumentativ vermitteln zu können. Aus Ministerien hören wir, dass sie Absolventen eines klassischen Volkswirtschafts-Master zwei Jahre ausbilden müssen, bis sie die Arbeit dort verstehen.

Sie versuchen, mit mehreren Theorien die Welt zu erklären. Wäre es nicht besser, auf Basis des Mainstreams, der sich lange bewährt hat, eine neue, umfassende Theorie zu entwickeln?

Ich glaube anders als viele Kollegen nicht, dass es eine beste Theorie geben kann. Wir sind ja keine Naturwissenschaft mit einer richtigen Antwort, sondern eine Sozialwissenschaft. Politische Maßnahmen, die in Burkina Faso helfen, bringen in Argentinien nichts. Denn die Länder haben unterschiedliche Kontexte. Dafür brauchen wir unterschiedliche Sichtweisen.

Viele Anhänger der Pluralen Ökonomik wollen die Mathematik aus der Lehre drängen. Ist das ein kluger Ansatz? Sie hilft, Probleme verständlich zu machen.

Die Mathematik wegzulassen, weil sie Inhalte aus Sicht von Studierenden schwieriger oder komplizierter macht, wäre nicht richtig. Aber manche Bereiche der pluralen Ansätze kommen mit weniger Mathematik aus. Andere Disziplinen wie die Soziologie oder Geisteswissenschaften werden zurate gezogen. Daher verliert die Mathematik im Studium automatisch an Stellenwert.

Wie reagieren Kollegen anderer Universitäten auf Ihren Ansatz?

Es gibt sicher immer noch Ökonomen, die Plurale Ökonomik für unwissenschaftlich, für Singen, Spielen, Klatschen halten. Manche hoffen, wir in Siegen scheitern, dann hat es sich erledigt. Aber viele beobachten das Projekt mit Wohlwollen, weil sie merken, dass etwas in Bewegung ist. Uns ist wichtig, ernsthafte Ökonomik zu betreiben, auf Augenhöhe mit dem Mainstream. Wir wollen sicher nicht in irgendwelche Ideologien abgleiten. Nur so kann sich eine Veränderung einstellen.

Wie sollte diese Veränderung aussehen?

Es muss nicht überall Plurale Ökonomik gelehrt werden. Aber ich wünsche mir, dass bereits der Standard-Bachelor breiter gestreute theoretische Ansätze lehrt. Im Master könnten sich die Studierenden dann spezialisieren - auch auf den Mainstream. Doch die Studierenden sollten Multiperspektivität besitzen und vorher gelernt haben, Modelle kritisch zu hinterfragen. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine deutliche Veränderung in der Lehre erleben werden.