Volkswagen Wolfsburger Wahn

Das Tempo, in dem der Mythos VW in diesen Tagen demontiert wird, ist atemberaubend und beängstigend zugleich.

(Foto: Getty Images)

Der Volkswagen-Konzern ist zuletzt in einem atemberaubenden Tempo gewachsen. Nun ist er unregierbar geworden.

Kommentar von Caspar Busse

Nahezu 600 000 Mitarbeiter, fast 200 Milliarden Euro Umsatz, 119 Fabriken - Volkswagen ist ein gewaltiger Konzern. Wie im Wahn ist das Unternehmen aus Wolfsburg in den vergangenen Jahren gewachsen. Immer neue Marken wurden gekauft, neue Produktionsstandorte eröffnet, inzwischen kommt jedes achte auf der Welt ausgelieferte Fahrzeug von VW. Die Deutschen gelten weltweit als der Inbegriff bester Ingenieursarbeit - noch, muss seit dem vergangenen Wochenende gesagt werden.

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Das Tempo, in dem der Mythos VW in diesen Tagen demontiert wird, ist atemberaubend und beängstigend zugleich. Der Skandal um gefälschte Abgaswerte bei Diesel-Autos weitet sich dramatisch aus. Die Fakten, die nach und nach an den Tag kommen und die von VW bestätigt werden, sind unglaublich. In elf Millionen Fahrzeugen weltweit ist die betroffene Steuerungssoftware eingebaut, mit der die Umweltwerte manipuliert werden könnten. 6,5 Milliarden Euro mussten nun zurückgestellt werden, es ist dabei keineswegs ausgemacht, dass diese Summe wirklich ausreicht, um die finanziellen Folgen des Desasters zu bewältigen. Der Verfall des Aktienkurses ist beispiellos, genauso wie der Verlust an Glaubwürdigkeit. Kann sich VW davon in absehbarer Zeit überhaupt wieder erholen? Erste Zweifel daran gibt es.

Konzern ist inzwischen unregierbar geworden

Wichtigste Aufgabe ist nun, den Konzern zu stabilisieren und schnell Transparenz herzustellen. Angesichts der Entwicklung ist ein sofortiger Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn unausweichlich, auch wenn er das selbst (noch) anders sieht. Der Ingenieur, der das Unternehmen seit 2007 führt, muss die Verantwortung für diesen Skandal übernehmen. Das gilt auch für den Fall, dass er selbst nichts von den Manipulationen gewusst haben sollte. Wäre der 68-Jährige gar aktiv in die Machenschaften verstrickt - immerhin trägt Winterkorn die Verantwortung für die konzernweite Forschung und Entwicklung -, muss er erst recht gehen. Wie auch immer: Winterkorn könnte Schaden von VW abwenden, und damit von Deutschland, geht es doch um Hunderttausende Arbeitsplätze und um den Ruf von "Made in Germany".

VW ist nicht der erste deutsche Konzern, der in eine solche tiefe Krise geraten ist. Andere haben vorgemacht, wie ein Ausweg aussehen kann. Die Lehre: Auch wenn der Prozess schmerzhaft und langwierig ist, am Ende kann die Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden. Aber der Wandel muss grundlegend sein. Siemens beispielsweise wurde von einem tiefen Korruptionsskandal erschüttert. Vor allem auf Druck der amerikanischen Behörden hat der Konzern neue Strukturen und Ethikrichtlinien eingeführt. Das Siemens von heute ist mit dem Siemens von damals nicht mehr zu vergleichen.

Oder Daimler: Die Stuttgarter hatten ebenfalls mit einer Schmiergeldaffäre in den USA zu kämpfen. Am Ende einigten sie sich mit den Behörden auf eine Strafe von 185 Millionen Dollar und führten neue Anti-Korruption-Standards ein, über die nun im Vorstand die ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt wacht. Gelernt hat auch Bayer. 2001 musste der Chemie- und Pharmakonzern in den USA Lipobay, ein Medikament zum Senken von Blutfett, wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen und geriet in Existenznot. Bayer gab sich eine neue Organisation und führte Kontrollmechanismen ein. Heute ist das Unternehmen das wertvollste in Deutschland.

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Das Sagen haben einige wenige

Vertrauen zurückzugewinnen ist also möglich. Das große Problem von VW ist jedoch, dass der Riesenkonzern inzwischen unregierbar geworden ist. VW wird zentral aus Wolfsburg geführt, das Sagen haben einige wenige, alle anderen sind Befehlsempfänger, Zweifel oder gar Widerspruch sind unerwünscht. Konzernchef Winterkorn hat sich buchstäblich um jede Schraube gekümmert. Der interne Druck, immer mehr Fahrzeuge zu verkaufen, ist offenbar so immens, dass wie in den USA bewusst Umweltregeln umgangen werden. VW sei wie Nordkorea ohne Arbeitslager, stand einmal im Spiegel. Der autokratische Führungsstil ist schon lange nicht mehr zeitgemäß, das hat sich schon im jüngsten Machtkampf gezeigt.

Dazu kommt, dass eine gute Unternehmensführung, eine funktionierende Corporate Governance, fehlt. Der VW-Konzern wird von einigen Managern geführt, als sei er ein kleiner Mittelständler. Im Aufsichtsrat sitzen Vertreter der Familien Porsche und Piëch und des Landes Niedersachsen sowie Arbeitnehmervertreter. Unabhängige und kritische Kontrolleure? Fehlanzeige. Die Gewerkschafter sind ohnehin ganz eng mit dem Management verbandelt. Der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber führt seit dem Abgang Ferdinand Piëchs sogar den Aufsichtsrat. In dieser Situation aber wäre als Krisenmanager eine starke Unternehmerpersönlichkeit gefragt, kein Gewerkschaftsführer.

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