Seit zwölf Monaten schrumpft der russische Automarkt - und was macht Volkswagen? Der Konzern startet im Werk Kaluga in die Vollproduktion.
Russen lieben Luxusautos, und so hatte der Volkswagen-Konzern am Dienstag gleich mehrere Limousinen der Firmentöchter Lamborghini und Bentley in sein Werk in der russischen Stadt Kaluga gestellt. Die werden hier künftig zwar nicht produziert, sondern zunächst nur der VW-Geländewagen Tiguan und der Skoda Octavia, doch Europas größter Autobauer wollte an diesem Morgen glänzen:
VW-Produktion im russischen Kaluga: "Wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer starken Industrienation." (© Foto: AFP)
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Mitten in der größten Autokrise seit dem Zweiten Weltkrieg baut VW seine Aktivitäten aus und startet die Vollproduktion in Russland. Bisher hatte VW nur importierte Autoteile in Kaluga zusammengebaut, um die Importzölle von 30 Prozent zu umgehen. "Heute macht Russland einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer starken Industrienation", sagte Konzernchef Martin Winterkorn bei der Eröffnung vor 600 Gästen.
In Russland hört man solche Worte gern, kennt doch der russische Automarkt seit zwölf Monaten nur eine Richtung: steil bergab. Seit Jahresbeginn ist der Fahrzeugabsatz um mehr als die Hälfte eingebrochen, meldet die Moskauer Association of European Businesses.
Volkswagen hat dennoch unverdrossen 570 Millionen Euro in das Werk gesteckt und ist der größte ausländische Auto-Investor. Grund genug für den russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, am Dienstag persönlich von Moskau 170 Kilometer südwestlich nach Kaluga zu reisen. "Kaluga ist ein gutes Beispiel für die gute Kooperation der Investoren mit der russischen Regierung", sagte er bei der Eröffnung. Der Regierungschef baut auf die Arbeitsplätze, die der deutsche Konzern dem gebeutelten Land beschert - während bei russischen Firmen Massenentlassungen anstehen.
Mitarbeiter gesucht
Bereits 2100 Menschen beschäftigt Volkswagen in Russland, wo der Konzern neben VW und Skoda auch Modelle von Audi und Seat verkauft. In Kaluga sollen künftig 3000 Menschen für VW arbeiten. "Wir stellen gegen den Trend weiterhin Mitarbeiter ein", sagte Winterkorn. Das Werk soll einmal bis zu 150.000 Wagen pro Jahr liefern. Wenn sich die Nachfrage denn erholt: "Der russische Automarkt hat sehr gute Perspektiven für die Entwicklung nach der Krise", sagte Ministerpräsident Putin.
Doch noch beherrscht der Abschwung den Markt. "Wir können heute noch nicht sagen, wann der Wendepunkt in Russland erreicht wird", hatte Matthias Wissmann, Präsident des deutschen Verbands der Automobilindustrie, zuletzt angekündigt. Kein anderes Land habe einen derart dramatischen Absatzeinbruch erlebt. Die Gründe sind hausgemacht: In Russland gebe es erhebliche Strukturdefizite, sagte VW-Vertriebschef Detlef Wittig. "Es gibt keinen russischen Mittelstand."
Volkswagen hat sich durch die Teilfertigung seit 2007 inzwischen nach Awtowas und General Motors zum drittgrößten Autoverkäufer in Russland hochgearbeitet und will künftig GM überholen: "Mit der Nummer 3 geben wir uns nicht zufrieden", sagte Winterkorn. Allerdings ist jetzt schon klar, dass die Erholung später einsetzen wird als in den Schwellenländern China, Indien und Brasilien, auf denen die Hoffnungen der Autobauer weltweit ruhen.
Drastischer Nachfrageeinbruch
Zunächst stehen harte Einschnitte im Land an: Russlands größter und rückständiger Autokonzern Awtowas - er beherrscht noch ein Viertel des Marktes - will bis Dezember 27.000 seiner 96.000 russischen Beschäftigten entlassen und schließt seit Montag eine Insolvenz nicht mehr aus. Auf 440 Millionen Euro türmen sich beim Lada-Hersteller die Schulden, trotz üppiger Kapitalspritzen vom Staat.
Schuld daran ist ein drastischer Nachfrageeinbruch: "Die Russen haben die Nase voll von ihren russischen Ladas", lästerte ein deutscher Automanager. Bei Awtowas fehle der "unternehmerische Spirit". An dem krisengeschüttelten Konzern ist der französische Hersteller Renault mit 25 Prozent beteiligt und der bekommt zu spüren, welche politischen Risiken in Russland drohen. So hat Regierungschef Putin den Franzosen ein Ultimatum gestellt, was finanzielle Hilfe für Awtowas anbelangt. Er drohte unverhohlen mit einer Teilenteignung, sollte Renault sich nicht stärker engagieren. Am Dienstag kündigte Putin zusätzlich neue Hilfe für die Branche an: "Wir werden weiterhin den Autoproduzenten Unterstützung angedeihen lassen, auch den einheimischen."
Beim Awtowas-Konkurrenten Gaz sieht es ebenfalls finanziell eher düster aus. Weshalb auch deutsche Politiker genau nach Russland schauen, denn in den Händen von Gaz könnte die Zukunft von Opel liegen. So warten der Zulieferer Magna und sein russischer Partner, die Sberbank, derzeit auf eine Entscheidung, ob sie Teile von Opel von General Motors erwerben dürfen. Erhalten sie den Zuschlag, so könnten sie künftig eng mit Gaz zusammenarbeiten, wird in Moskau spekuliert. Gaz wiederum gehört dem Oligarchen Oleg Deripaska, und die Sberbank ist Hauptgläubiger des Konzerns.
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(SZ vom 21.10.2009/tob)
Großprojekte in Berlin
Findet irgendwelche Buchungsfehler, blässt das ganze zu einem Fall von Steuerhinterziehung auf, und ruckzuck wird die ganze Fabrik von irgendeinem russischen Konglomerat übernommen, das einem zwielichtigen Oligarchen gehört. Also schon x-mal dagewesen. Also, mir schleierhaft, warum noch irgendjemand in diesem Unrechtsstaat investieren will, da ist doch selbst Süditalien ein sicherer Standort! VW meint villeicht, sie wären aufgrund ihrer Größe und der politischen Connections geschützt, aber das kann sich durchaus als Fehlkalkulation herausstellen. Wenn es darum geht, sich ein paar Milliarden unter den Nagel zu reißen, sind den Russen doch selbst schwere internationale Verwicklungen egal. Ziemlich leichtsinnig, was VW da treibt, meiner Meinung nach...