Volkswagen Wie VW um neue Milliarden ringt

Aufgrund der Diesel-Abgasaffäre werden Forderungen aus sehr verschiedenen Richtungen auf den VW-Konzern zukommen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)
  • Im Abgas-Skandal gerät der VW-Konzern von vielen Seiten unter Druck, die Kosten der Affäre könnten horrend werden.
  • Deshalb verhandelt VW aktuell mit Banken über neue Milliardenkredite.
  • Falsche Angaben zum CO₂-Ausstoß betreffen vor allem Neuwagen aus dem Modelljahr 2016.
Analyse von Thomas Fromm und Klaus Ott

Noch kann niemand sagen, wie viel Geld die Dieselaffäre bei Volkswagen kosten wird. Es könnten, wie eine Landesbank vor einigen Wochen errechnete, 50 Milliarden Euro sein. Es könnten doppelt so viel sein. Es könnte das Unternehmen am Ende aber auch wesentlich billiger kommen. Klar ist zurzeit nur: Es werden Forderungen aus sehr verschiedenen Richtungen auf den Konzern zukommen. Verbände, Kommunen, Anleger, staatliche Behörden in den USA und anderswo, Kunden. Bisher hat der Konzern für die Umrüstung seiner betroffenen Dieselmodelle 6,7 Milliarden Euro zurückgelegt, an die 27 Milliarden Euro liegen zurzeit an Bargeld bereit. Und egal, wie hoch die Schadenssumme am Ende sein wird: Es ist an der Zeit, Vorsorge zu treffen - um sich aufs Schlimmste vorzubereiten.

Von diesem Montag an treffen sich Finanzmanager des Konzerns mit Bankenvertretern, um eine Brückenfinanzierung von rund 20 Milliarden Euro festzuzurren. Vertreter von etwa zwölf Banken sollen an den Gesprächen beteiligt sein, darunter die italienische Unicredit und die amerikanische Citigroup. Das Geld, hieß es am Wochenende aus VW-Kreisen, solle nicht zu einem bestimmten Stichtag fällig werden, sondern quartalsweise über das Jahr hin gestreckt werden. Es gehe auch nicht darum, dass der Konzern das Geld derzeit dringend brauche. Man verfüge derzeit über genug Liquidität, um alle notwendigen Ausgaben zu decken. Vielmehr sei es das Ziel, "für alle Eventualitäten sauber aufgestellt zu sein", sagt ein Insider.

20 Milliarden Euro sollen helfen, sich für mögliche Forderungen zu wappnen

Und Eventualitäten - davon könnte es in den kommenden Monaten einige geben. Gleichzeitig steigt der Druck, die Finanzen schon jetzt unter Dach und Fach zu bekommen. VW sei bereits von den Ratingagenturen heruntergestuft worden, heißt es. Daher sichere man sich schon heute neue Kreditlinien, bevor die Finanzierung wegen steigender Zinsen noch teurer werde. "Der Vorstand muss das jetzt machen", heißt es aus Konzernkreisen.

Die anstehenden Gespräche mit den Banken sind aber auch als klares Signal zu verstehen. Zum einen an die Finanzmärkte: Der Aktienkurs von VW ist seit Bekanntwerden des Dieselskandals schwer unter Druck geraten - die Gespräche sollen zeigen: Wir sorgen vor und kümmern uns.

Außerdem signalisiert VW, dass man den Konzern in seiner jetzigen Form erhalten will. Zuletzt wurde viel darüber spekuliert, VW könne wegen hoher Geldforderungen dazu gezwungen werden, einzelne Konzerntöchter zu verkaufen; zum Beispiel das Nutzfahrzeuggeschäft mit den Marken MAN und Scania. Verkäufe, bei denen man in der jetzigen - kritischen - Situation geringere Erlöse erzielen würde als in normalen Zeiten. "Jetzt über den Verkauf irgendeiner Marke zu diskutieren, wäre kontraproduktiv", heißt es daher. Notwendig sei vielmehr die "Aufklärung mit allen Konsequenzen". Diese sei nun "vorrangig".

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Falsche Angaben zu CO₂-Werten sollen vor allem Neuwagen betreffen

VW brauche im Jahr 30 bis 50 Milliarden Euro, um sein laufendes Geschäft zu refinanzieren. Dazu gehören sämtliche Ausgaben, aber auch dringend notwendige Investitionen in neue Technologien. Per se also seien Gespräche über frisches Geld ein "ganz normaler Geschäftsvorgang". Nun komme eben noch die Vorsorge hinzu.

Unterdessen arbeitet das Unternehmen weiter an der Aufarbeitung der Affäre. VW teilte am Wochenende mit, dass die falschen Angaben zum Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO₂) vor allem Neuwagen aus dem Modelljahr 2016 betreffen. Das gilt für 430 000 der 800 000 Fahrzeuge, bei denen der Konzern zu niedrige CO₂-Werte genannt hatte. Man wolle die Kunden, um die es gehe, in dieser Woche informieren. Sie könnten ihrer Fahrzeug-Identifikationsnummer entnehmen, ob sie betroffen seien, hieß es. Um welche Wagen es sich sonst noch handelt, wird vom Konzern weiterhin untersucht. Volkswagen geht nach wie vor von 800 000 Fahrzeugen aus. Sollten wegen der zu niedrigen Angaben für den CO₂-Ausstoß Steuernachzahlungen fällig sein, will VW das direkt übernehmen, bekräftigte der Konzern. Die betroffenen Kunden sollten damit nicht belastet werden.

VW hatte im September zugegeben, dass in weltweit elf Millionen Dieselfahrzeugen eine Software eingesetzt wurde, mit der bei Tests der Ausstoß von Stickoxiden deutlich niedriger ausfiel als im Straßenverkehr. Anfang November gestand das Wolfsburger Unternehmen zudem ein, dass bei vermutlich rund 800 000 seiner Autos der tatsächliche Ausstoß des klimaschädlichen Gases CO₂ höher ist als angegeben.

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