VIP-Konditionen für Karl-Heinz Grasser Beachtliche Nähe zwischen Porsche und Politik

Ein Sittengemälde von Politik und Wirtschaft: Karl-Heinz Grasser war Finanzminister Österreichs - und fuhr gerne Sportwagen. Seine Steuerakte zeigt, wie ihm Porsche ein Auto zu Sonderkonditionen überließ. "Durchaus branchenüblich" sei das, lässt der ehemalige Porsche-Chef Wiedeking dazu ausrichten.

Von Max Hägler und Klaus Ott

Es war ein unglückliches Ereignis, das die Vorliebe des österreichischen Politikers Karl-Heinz Grasser für schnelle Porsche-Sportwagen bekannt machte. In einer Märznacht im Jahr 2005 krachte seine damalige Verlobte in Wien mit einem Porsche Cayenne gegen einen Baum, rammte dann ein Verkehrsschild und eine Trambahnhaltestelle. Mit Brüchen und einer Gehirnerschütterung kam die junge Frau ins Krankenhaus.

"Sie hat die Bremse mit dem Gaspedal verwechselt", erklärte Grasser, damals Finanzminister, hernach. Im Übrigen sei alles wunderbar mit seiner verletzten Liebsten: Einen Kuss für die Fotos gab es vor dem Spital, als er sie abholte; aus dem Handkoffer lugte ein Stoffäffchen. Das Auto, fügte er im Gespräch mit Journalisten hinzu, das sei übrigens gar nicht seins, sondern dem jungen Pärchen nur geborgt gewesen.

Wenige Wochen später war die liebevolle Inszenierung des smarten Politikers obsolet: Grasser und seine Verlobte trennten sich, wohl auch weil Fotos auftauchten, die ihn turtelnd mit der Swarovski-Erbin Fiona zeigten. Mittlerweile ist er mit der strahlendsten Repräsentantin der Glitzersteindynastie verheiratet. Und in Sachen Autos wird nun, Jahre später, deutlich: Grasser borgte sich nicht nur gerne einen Porsche. Sondern durfte sogar zu Vorzugskonditionen einen Sportwagen fahren, direkt zur Verfügung gestellt vom Hersteller.

Ein Porsche für 581 Euro - statt der üblichen 1800 Euro

In Steuerakten, die Grasser kürzlich in Österreich selbst zur Veröffentlichung freigab, finden sich aufschlussreiche Dokumente. Die im Internet beim Magazin Falter einsehbaren Papiere zeigen eine beachtliche Nähe zwischen Porsche und dem damaligen Minister. Die Porsche AG hatte dem politischen Aufsteiger 2002 und 2003 ein 911 C4-Cabrio überlassen - zu VIP-Konditionen: Nur 581 Euro im Monat musste Grasser für den geleasten Flitzer zahlen. Üblich wären, so der Fiskus, mindestens 1800 Euro gewesen. Einen "Vorteil aus dem Dienstverhältnis" in Höhe von 23.469 Euro haben die Finanzbeamten errechnet.

Als Beispiel für die "ministerielle Verbundenheit mit dem Porsche-Konzern" haben die Behörden einen bemerkenswerten Brief in ihrer Akte. Zum Ausscheiden des Ministers aus der Regierung schickte Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking Anfang 2007 ein Schreiben an den "lieben Karl-Heinz". Mit Bedauern habe er davon erfahren, denn gerne "hätte ich Sie, den immer wieder auf erfrischende Weise provozierenden politischen Querdenker" weiter als Regierungsmitglied gesehen.

Und dann dankte Wiedeking für geleistete Unterstützung durch Grasser: "Auch ihre klugen politischen Ratschläge, die Sie mir vor allem in Bezug auf die Politik der Europäischen Union gegeben haben und damit auch maßgeblich zur Verhinderung der von Porsche strikt abgelehnten Quartalsberichte beigetragen haben, werde ich Ihnen niemals vergessen." Für die Finanzbeamten ein Dokument, das zeige, "dass der Vorteil der Porsche-Nutzung seine Wurzel im Zusammenhang mit der Ministertätigkeit hatte".

VIP-Konditionen für Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Sport

Wegen des Verdachts der Untreue, des Amtsmissbrauchs, der Bestechlichkeit und der Steuerhinterziehung ermitteln österreichische Behörden derzeit gegen Grasser. Dabei ist die Sache mit dem Porsche nur ein Nebenkriegsschauplatz, den der Ex-Minister wie alle anderen Vorwürfe bestreitet: 2002 sei verjährt, und 2003 habe er allenfalls mit 3000 Euro von den günstigen Porsche-Konditionen profitiert, ließ Grasser dem Finanzamt Wien 1/23 mitteilen. Der Ministerjob habe nichts mit den VIP-Konditionen bei Porsche zu tun gehabt. Er sei schließlich schon vor der "Angelobung als Finanzminister" sehr bekannt gewesen. Nun ja, die Karriere hatte in Kärnten begonnen, an der Seite des Rechtspopulisten Jörg Haider. Zur nationalen Größe wurde der Mann aus Klagenfurt erst als Finanzminister in Wien; und damit offenbar auch interessant für Porsche und den damaligen Vorstandschef Wiedeking.

Der Ex-Manager lässt über einen Sprecher ausrichten, die VIP-Konditionen für Grasser seien "durchaus branchenüblich". Der Minister sei auch nicht der einzige gewesen, der einen Sportwagen zum Vorzugspreis erhalten habe. Wiedeking verweist über seinen Sprecher darauf, dass Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft sowie aus dem Journalismus VIP-Konditionen erhalten hätten. Namen nennt der Ex-Vorstandschef aber nicht. Das verbiete sich. Warum eigentlich? Es wäre interessant zu wissen, welche "Entscheidungsträger" sonst noch Sportwagen zu Sonderkonditionen bekommen haben, oder noch bekommen.

"Freundschaftliche Hilfe"

Grassers 911er-Deal mit Porsche endete im Oktober 2003. Im Jahr darauf stieg Österreichs Regierung auf Audi-Limousinen um. Abgewickelt wurde das Geschäft von der Porsche Austria GmbH. Ein Jahr später vergab die Bundesbeschaffungsgesellschaft in Wien die Verwaltung von Polizeiautos zum Teil an die Porsche Bank, ebenfalls eine Tochter der in Salzburg ansässigen Porsche Holding. Grassers Anwalt sagt, sein Mandant habe mit diesen Vorgängen als Finanzminister "gar nichts zu tun gehabt". Grasser habe "null Einfluss" auf die Beschaffungsgesellschaft gehabt.

Es sei sauber gelaufen bei den beiden Deals, heißt es auch bei der österreichischen Porsche Holding, wo man nach eigenen Angaben damals "völlig getrennt" von der deutschen Aktiengesellschaft operierte. Man habe in Salzburg nicht einmal von dem Porsche aus Stuttgart für den Minister gewusst. Insofern sei das kein Compliance-Thema. Compliance, so nennt die Wirtschaft das Einhalten von Regeln und Gesetz. Dazu gehört eigentlich auch, nicht einmal den Anschein von Verquickungen und Freunderlwirtschaft entstehen zu lassen. "Wir pflegen wie andere Unternehmen Kontakte mit Vertretern aus Wirtschaft, Sport und Gesellschaft", heißt es von der deutschen Porsche AG. Zum Umgang mit diesen Dritten habe der Vorstand Regeln etabliert. Geschenke und Einladungen an Amtsträger seien etwa grundsätzlich unzulässig.

Zur einst engen Verbindung zu Grasser will der Sportwagenbauer jedoch nicht Stellung nehmen. Dabei wäre der Fall ein gutes Beispiel um über die nötige Distanz zu Amtsträgern zu reden. Als der damalige Porsche-Chef Wiedeking seinen 50. Geburtstag feierte, bekam er von Minister Grasser das Große Silberne Ehrenzeichen mit Stern für Verdienste um die Republik Österreich überreicht. Daran erinnere er sich "sehr gut", schrieb Wiedeking Jahre später an Grasser und bot seinerseits Rat und Tat an, falls seine "freundschaftliche Hilfe" benötigt würde. Da hatten sich wohl zwei gefunden.