Von Hans von der Hagen

Ein kleines Wiener Unternehmen nimmt Millionen von einzelnen Tönen auf und lässt ein virtuelles Orchester entstehen - Filmmusiker sehen dies mit Sorge.

Es ist ein schäbiger Schnellhefter, den Michael Hula in der Hand hält. Gefüllt mit zerfledderten Klarsichthüllen, die Papiere mit Notizen und Skizzen enthalten. "Wenn wir dieses Heft verlieren", sagt Hula, "bricht hier alles zusammen". Und lächelt.

Vienna Symphonic Library: Auf der Suche nach dem perfekten Klang

Markierungen auf dem Parkettboden im Tonstudio: Nur so findet jeder seinen Platz wieder. (© Foto: hgn)

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Hula ist Aufnahmeleiter bei der Firma Vienna Symphonic Library (VSL), einem Unternehmen mit einer kühnen Mission: Es will irgendwann ein komplettes Orchester in allen erdenklichen Spielarten digitalisiert und somit für den Computer verfügbar gemacht haben. Das schöne Tonstudio in dem hässlichen Mehrzweckbau, in dem Hula steht, ist im Gewerbegebiet des Wiener Vororts Ebreichsdorf ausschließlich für diesen Zweck gebaut worden. Ein tonaler Reinraum, zweifach mit Ziegelsteinen umhüllt, so dass drinnen das Draußen nicht mehr zu hören ist, selbst wenn die nahe gelegene Bahn vorbeirauscht.

Dieses Studio ist einer der Orte, an dem die reale Welt in die virtuelle verwandelt wird, eine Schnittstelle zwischen analog und digital. Seit Jahren kommen Musiker der vier großen Wiener Orchester hierher und blasen, zupfen, streichen, trommeln und drücken das gesamte orchestrale Tonuniversum - mal im hektischen Stakkato, mal im ruhigen Legato, mal in Wiederholungen, mal in Intervallen. Aber immer nur einzelne Töne, die dann als sogenannte Samples aufgenommen werden.

Die Vienna Symphonic Library ist lediglich eines von vielen Unternehmen, die mit ihrer Arbeit die Digitalisierung in der Musikindustrie vorantreiben. Auch Orchester wurden schon virtualisiert. Aber noch nie wurde das mit einem derart großen Aufwand betrieben. Gegründet hat VSL im Jahr 2000 Herbert Tucmandl, der auch heute noch die Gesellschaft führt. Der 40-jährige studierte Cellist hatte Filme gemacht und auch die Musik dazu geschrieben. "Doch es hat in Österreich nicht die Budgets gegeben, um die Filmmusik mit großem Orchester einzuspielen", sagt er. Der Ausweg: alle Instrumente am Computer selbst zu spielen.

Das war zwar auch schon in den achtziger Jahren möglich, doch die frühen Samples "klangen schrecklich" und "reichten bestenfalls zum Buchstabieren, aber noch nicht zum Sprechen".

Um Geldgeber und Mitstreiter von seinem Vorhaben zu überzeugen, nahm Tucmandl mit seinem Cello einige tausend Samples auf und produzierte damit sein Demomaterial. Mit Erfolg: Zehn Millionen Euro haben Geldgeber in das Projekt investiert. Drei Millionen Euro hat das Unternehmen 2006 umgesetzt, das geduldige Musiker braucht: Sechs bis zwölf Monate müssen sie Aufnahmeleiter Hula im Tonstudio zur Verfügung stehen. So lange dauert es, bis die teils mehreren zehntausend Einzelaufnahmen je Instrument aufgezeichnet sind.

Die Regel lautet: Immer der gleiche Musiker muss dasselbe Instrument spielen, damit die Aufnahmen konsistent bleiben und kombiniert werden können. Auch die Sitzplätze sind penibel verortet: Ein Musiker muss stets denselben Platz einnehmen. Er findet ihn anhand der zahllosen farbigen Markierungen auf dem Parkettboden. Und jeder Standort wird notiert - in den zerfledderten Schnellhefter von Hula. Er hat das Sagen hier.

Hula steht dafür gerade, dass sich am Ende die einzelnen Töne wieder nahtlos zu einem Orchester zusammenfügen lassen. Damit das gelingt, ist der Aufnahmeleiter stets auf der Suche nach dem perfekten Ton: Neutral muss er sein - und natürlich klingen. Ein Widerspruch, der sich nicht ganz lösen lässt. Was also ist der perfekte Ton? Gibt es ihn überhaupt? "Nein", sagt Hula - um dann doch zu ergänzen: "Der perfekte Ton erzeugt ein angenehmes Gefühl in der Magengrube. Und er zeigt, ob ein Musiker sein Instrument beherrscht."

Inzwischen trägt sich das Projekt. Geld verdient VSL mit dem Verkauf der Töne: Mittlerweile 1,7 Millionen hat das Unternehmen in den Datenbanken implantiert. Sie werden in unterschiedlichen Varianten auf DVDs gebrannt, die im Paket schon mal den Preis eines Kleinwagens erreichen können.

Die Digitalisierung der Musik ist im Pop-Bereich mittlerweile derart vorangeschritten, dass wohl nur noch in jedem zehnten der großen Hits überhaupt ein reales Instrument zum Einsatz kommt. In der Orchestermusik ist ein ähnlicher Trend zu beobachten, vor allem im Film: Mehr als die Hälfte aller Filmmusikprojekte werde ausschließlich am Computer produziert, schätzt Franz Schwentner, Experte bei Deutschlands größtem Samplevertrieb Best Service. So sei es wesentlich günstiger.

Einer, der den Strukturwandel im Musikgeschäft unmittelbar zu spüren bekommt, ist Klaus-Peter Beyer, Intendant des Filmorchesters Babelsberg. Er redet vom "Fluch der Samples - dieser Elektroniksoße, die alles überdeckt". Irgendwann habe ein Kaufmann einem der großen öffentlich-rechtlichen Sender angeboten, Filmmusik kostenlos am Computer produzieren zu lassen, refinanziert allein durch die Gema-Gebühren.

Das sei die Initialzündung gewesen. Mittlerweile werde beim Fernsehen die Musik in vielen Fällen gar nicht mehr budgetiert, und erst im letzten Moment falle den Produzenten ein: "Ach, die Musik". Doch dann fehle es an Zeit und Geld für aufwändigere Produktionen. "Hätten wir die Hälfte weniger Sampleproduktionen", sagt Beyer, "könnten wir als Filmorchester auf jede öffentliche Unterstützung verzichten."

In den USA sei das anders. Dort hätten die Gewerkschaften durchgesetzt, dass ab einem bestimmten Budget-Volumen Musiker beschäftigt werden müssten. Sogar die Zahl der Musiker sei vorgeschrieben. So könne es passieren, dass in einem Werk für 40 Musiker plötzlich 50 engagiert würden.

Vernichten also Unternehmen wie VSL mit ihrem virtuellen Orchester Arbeitsplätze in der realen Welt? Tucmandl zögert, bevor er antwortet: "Wenn", sagt er dann, "sind die Arbeitsplätze schon vor Jahren weggefallen, als es uns noch gar nicht gab. Als es erstmals möglich wurde, Musik am Computer zu produzieren."

Er ist vielmehr überzeugt, dass sein Projekt den Musikbetrieb bereichert, wenn etwa Orchesterproduktionen zusätzlich mit Samples unterlegt würden, um den Klang noch perfekter zu machen - Kooperation statt Substitution also. Er selbst hat mit seinem Unternehmen Stellen für knapp 50 feste und freie Mitarbeiter geschaffen, und mehr als 100 Musiker haben bereits an den Aufnahmen teilgenommen. Und die Arbeit geht VSL vorläufig nicht aus: Exotischere Instrumente und ausgefeiltere Spieltechniken stehen derzeit auf dem Programm. Hula wird jedenfalls weiter gut auf seinen Schnellhefter aufpassen müssen.

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(SZ vom 16.6.2007)