Versicherungsbranche Lebensversicherer rufen Finanzaufsicht um Hilfe an

Die niedrigen Zinsen bringen zunehmend die Anbieter von Lebensversicherungen in Schwierigkeiten. Mehr als zehn Gesellschaften wollen von dem, was sie verdienen, einen geringeren Anteil für die Kunden reservieren. Die Summen, um die es geht, sind gewaltig - und Entspannung ist für die Branche auch langfristig nicht in Sicht.

Von Herbert Fromme, Köln

Lange haben Deutschlands Lebensversicherer Kunden damit gelockt, dass sie ihnen eine recht ordentliche Verzinsung von 3,5 oder vier Prozent ihres Kapitals garantierten - und zwar über Jahrzehnte hinweg. Und lange hatten die Unternehmen auch wenig Mühe, diese Zinsen tatsächlich zu erwirtschaften und ihrer Kundschaft gutzuschreiben.

Doch im Jahr sechs der Finanzkrise fällt es den Versicherer immer schwerer, die zugesagten Erträge tatsächlich zu verdienen. Mehr als zehn Gesellschaften haben deshalb nach SZ-Informationen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) beantragt, zeitweise die Vorschriften zur Beteiligung der Kunden an ihren Gewinnen auszusetzen. Sie wollen von dem, was sie verdienen, nicht mehr 75 oder gar 90 Prozent für ihre Kunden reservieren - sondern teils deutlich weniger. Damit wollen sich die Unternehmen Luft verschaffen, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Denn in späteren Jahren müssen sie das, was sie ihren Kunden nun vorenthalten, nachträglich in die Gewinntöpfe einzahlen. Die Frage ist allerdings: Wann wird dies der Fall sein? Und werden bis dahin alle Unternehmen durchhalten?

Die Summen, um die es dabei geht, sind gewaltig. Denn die deutschen Lebensversicherer haben insgesamt 743 Milliarden Euro angelegt, vor allem in festverzinslichen Wertpapieren, etwa in Unternehmens- oder Staatsanleihen. Doch die Notenbanken haben in den vergangenen Jahren die Leitzinsen kräftig gesenkt, auf Werte unter ein Prozent. Zugleich ist nicht absehbar, wann sie die Zinsen wieder erhöhen - ein paar Jahre können das Lebensversicherer überbrücken, aber nicht auf Dauer.

Problem sind hohe Bestände mit Garantiezinsen von 3,5 oder 4 Prozent

In Branchenkreisen hieß es, vor allem Unternehmen mit vergleichsweise schwachen Kapitalerträgen seien betroffen. Es handele sich eher um kleine und mittelgroße Anbieter, sagte ein Insider. "Die Marktführer sind nicht dabei." Die Bafin wollte die Zahl nicht bestätigen. Allerdings hieß es im Umfeld der Behörde, die sogenannte "Aussetzung der Mindestzuführungsverordnung" sei ein erprobtes Mittel, um kurzfristige Probleme zu überbrücken. Den Kunden werde kein Schaden zugefügt.

Das Problem sind die hohen Bestände mit den Garantiezinsen von 3,5 Prozent oder 4 Prozent. Als sie ihren Kunden in den 90-ern diese Werte versprachen, erzielten die Versicherer Nettorenditen von mehr als sieben Prozent. Die Garantien waren eher ein Marketinggag beim Kampf gegen die Banken um die Spargroschen der Deutschen. Niemand in der Branche erwartete, dass sie einmal ernsthaft Probleme haben könnte, die Garantiezinsen auch zu verdienen. Heute ist das Undenkbare eingetreten. Für Geld, das sie jetzt frisch anlegen, bekommen die Versicherer nur noch rund 3 Prozent - und auch diese nur, wenn sie mehr Risiken als bislang in Kauf nehmen.

Weil die Lebensversicherer sich langfristig binden, haben sie heute noch viele ältere Anleihen und andere Papiere mit höheren Zinsen im Bestand. Deshalb verdienen sie im Schnitt noch über vier Prozent. Aber mit jeder Anleihe aus 2003, 2005 oder 2007, die ausläuft, nimmt der Druck zu.

Die Bundesregierung hat die Branche 2010 verpflichtet, eine besondere Reserve für die hohen Garantien aufzubauen. Mit der Zinszusatzreserve will die Regierung sicherstellen, dass die Gesellschaften auch noch in vielen Jahren die Ansprüche der Kunden auf die hohen Garantiezinsen erfüllen können. 2012 mussten die Gesellschaften mehr als fünf Milliarden Euro als Reserve stellen, im laufenden Jahr dürften es weitere vier Milliarden Euro sein.

Neben Kapitalerträgen haben die Versicherer noch andere Gewinnquellen

Schwachbrüstige Lebensversicherer haben Probleme, die Zuführungen aus den normalen Kapitalerträgen zu verdienen. Deshalb erging ihr Hilferuf an die Bafin. Die Finanzaufsicht kann auf Antrag der Gesellschaften die Mindestzuführung aussetzen. Diese legt fest, wie viel von den Gewinnen eines Lebensversicherers den Kunden zusteht - und wie viel der Gesellschaft, also ihren Eignern oder Aktionären.

Bei Kapitalerträgen gilt die Regel, dass die Kunden mindestens 90 Prozent erhalten, die Gesellschaft höchstens 10 Prozent. Aber die Versicherer haben noch andere Gewinnquellen: Ein Risikogewinn entsteht, wenn weniger Menschen mit Risiko-Lebensversicherung sterben als prognostiziert, oder wenn die Rentner mit Privatrente weniger alt werden als erwartet. Der Risikogewinn wird im Verhältnis 75 Prozent für den Kunden zu 25 Prozent für die Gesellschaft geteilt. Schließlich gibt es Kostengewinne: Das Unternehmen hat einen bestimmten Kostensatz einkalkuliert, die tatsächlichen Kosten sind aber niedriger. Die Kostengewinne werden hälftig zwischen Kunden und Unternehmen geteilt.

Die Versicherer suchen auch nach anderen Wegen, um mit ihrer schwierigen Lage klarzukommen. So weigern sich immer mehr von ihnen, Kunden mit einer Zinsgarantie von 4 Prozent bei Fälligkeit der Police die sogenannten Schlussüberschussanteile auszuzahlen. Im Gegensatz zur laufenden Gewinnbeteiligung sind die Schlussüberschussanteile nicht verbindlich zugesagt.

Das Argument der Versicherungsvorstände: Da die Gesellschaften ihren Kunden im Schnitt nur noch 3,6 Prozent laufende Überschussbeteiligung gutschreiben, können sie schlecht den ausscheidenden Kunden mit hoher Garantie noch einen darüber hinausgehenden Schlussgewinnanteil auszahlen.

Doch wird das die Situation der Gesellschaften nur marginal entspannen. Auch die neuen Policen ohne lebenslange Garantien, die Allianz und Ergo auf den Markt gebracht haben, ändern an den Problemen mit den Altlasten nichts. "Die Situation der Lebensversicherer entspannt sich nicht", sagte Reiner Will, Geschäftsführer der auf Versicherer spezialisierten Ratingagentur Assekurata.