Versicherungen Zeit zum Aufräumen

Ein Tornado-Opfer in Oklahoma in den Trümmern seines Hauses: Vor den Kosten solcher Großschäden schützen sich Versicherer ihrerseits mit Rückversicherungen.

(Foto: Scott Olson/AFP)

Sie haben Milliarden auf dem Konto und müssen zugleich mit sinkenden Preisen klarkommen - die Konzerne reagieren darauf mit spektakulären Zusammenschlüssen. Bald auch in Deutschland.

Von Herbert Fromme, Köln

So exotisch für deutsche Ohren die Namen, so astronomisch sind die Summen in diesem Spiel: Der amerikanische Versicherer Ace - auch in Europa eine große Nummer in der Versicherung von Industriekonzernen - übernimmt für 28 Milliarden Dollar (25 Milliarden Euro) gerade den deutlich kleineren Rivalen Chubb. Der britische Versicherungs-Großmakler Willis fusioniert mit dem US-Beratungsunternehmen Towers Watson, der kombinierte Börsenwert beträgt 18 Milliarden Dollar. Die Versicherungskonzerne Partner Re und Axis mit Wurzeln in Bermuda wollen sich zusammenschließen. Aber die italienische Industriellenfamilie Agnelli, die auch Fiat kontrolliert, will den Deal verhindern. Sie bietet ihrerseits über ihre Investmentgesellschaft Exor 6,8 Milliarden Dollar für Partner Re.

Klar ist: Etwas Großes passiert da gerade bei den Versicherern, außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung.

"Die Branche hat das Übernahmefieber erwischt, Größe ist auf einmal alles", kommentiert Clifford Gallant von der Investmentbank Nomura Securities. Übernahmehunger haben vor allem Spezialanbieter für Industrie- und Gewerbeversicherung oder Rückversicherer, die andere Versicherer gegen besonders hohe Katastrophenschäden schützen.

Diese Milliarden-Deals scheinen von der deutschen Versicherungswelt Lichtjahre entfernt zu sein. Aber der Eindruck trügt. Was da auf der internationalen Bühne gerade aufgeführt wird, hat direkte und indirekte Konsequenzen für den hiesigen Markt. Noch wichtiger: Die Gründe, die international in kürzester Zeit zu mehreren Zusammenschlüssen und Übernahmen führen, gelten auch für Deutschland. Eine Welle von Zusammenschlüssen und Übernahmen ist auch hier sehr wahrscheinlich - wenn auch mit einiger Verzögerung.

Die globale Versicherungswirtschaft ist an einem Wendepunkt. Nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 stiegen weltweit die Preise für Versicherungsschutz, vor allem bei großen Risiken. Jahrelang haben die meisten internationalen Versicherer sehr gut verdient. In den vergangenen 15 Jahren konnten sie mit diesen hohen Gewinnen ihre Kapitalausstattung spürbar stärken.

Doch jetzt sinken die Preise, die Konkurrenz ist heftiger geworden. Dazu kommt der digitale Umbau der Branche, der teuer ist und viel Know-how erfordert.

Einerseits erlebt die Branche also eine schwierige Marktsituation, andererseits hat sie Milliarden auf der Bank - da reagieren Unternehmen mit Übernahmen und Fusionen. So, das hoffen sie zumindest, können sie ihre Position im umkämpften Markt verbessern. "Die aktuelle Welle von Fusionen und Übernahmen ist eine Folge der hohen Kapitalisierung der gesamten Erst- und Rückversicherungsbranche", sagt Torsten Jeworrek, Vorstand des weltweit größten Rückversicherers Munich Re. "Dieses Kapital sucht nach Konsolidierung."

Es ist an der Zeit aufzuräumen.

Jeworrek nennt drei Gründe, warum Unternehmen gerade jetzt fusionieren: Sie wollen Kosten senken und ihr Kapital effizienter einsetzen. Sie hoffen auf besseren Zugang zu neuen Märkten, Kunden und Geschäftsfeldern. Und manche Unternehmen suchen durch Zukäufe Know-how, das sie selbst noch nicht besitzen.

Für Munich Re selbst treffen die ersten beiden Gründe im Kerngeschäft Rückversicherung nicht zu. Das Unternehmen ist so groß, dass Übernahmen keine wesentlich neuen Geschäftsmöglichkeiten eröffnen würden. Aber in Nischensegmenten hat Munich Re in den vergangenen Jahren erfolgreich zugekauft, etwa den Industrieversicherer Hartford Steam Boiler in den USA. "Das würden wir auch weitermachen", sagt Jeworrek.

Nur Lebensversicherer finden schwer einen starken Partner. Zu unsicher sind ihre Aussichten

Schon jetzt gibt es auch in Deutschland eine Marktbereinigung bei den Versicherern - aber noch geht sie eher still vor sich, hat Christian Mylius beobachtet, Partner bei der Hamburger Unternehmensberatung Innovalue. "2011 hatten wir noch 94 aktive Lebensversicherer, heute sind es 87", sagt Mylius. Allerdings stelle sich die Frage, ob das nicht immer noch zu viele seien. Mylius sieht weitere Zeichen der Konsolidierung: Die Zahl der Versicherungsvermittler ist seit 2011 um mehr als zehn Prozent gesunken, von 263 000 auf heute 235 000. "Rund 30 kleine oder mittelgroße Versicherungsvertriebe haben in den vergangenen zwei Jahren aufgegeben."

Mindestens vier kleinere Konzerne suchten aktuell nach einem starken Partner, weiß Mylius. "Die Luft wird schon sehr dünn." Allerdings: Sie haben es schwer, Interessenten zu finden. Denn einfach sind Übernahmen derzeit in Deutschland nicht. Erstens liegt das daran, dass kaum ein Konzern einen anderen schlucken kann, der einen großen Lebensversicherer im Portfolio hat. Denn dessen Aussichten sind angesichts der Niedrigzinsen und wegen der Altlasten aus hohen Zinsversprechen in der Vergangenheit schlicht zu unsicher. Dazu kommen neue, für Lebensversicherer besonders problematische Aufsichtsregeln. Zweitens gibt es hierzulande neben Aktiengesellschaften viele Versicherungsvereine und öffentliche Versicherer, deren Rechtsform Übernahmen sehr komplex macht.

Dennoch - der deutsche Versicherungsmarkt wird der Konsolidierungswelle nicht entgehen, ist Mylius überzeugt. "Das dauert möglicherweise noch drei bis fünf Jahre." Auch hier gebe es einen starken Druck, die Kosten zu senken, gerade weil die Unternehmen mit neuen Lasten durch die Digitalisierung fertig werden müssten. "Große Firmen wie Allianz, Axa oder Zurich geben jeweils über 100 Millionen Euro dafür aus, das können die kleinen nicht."

Auch Jeworrek von Munich Re glaubt, dass in Europa und damit auch Deutschland einige große Übernahmen und Fusionen bevorstehen. "Die Angelsachsen sind in dieser Hinsicht etwas affiner, aber dabei wird es nicht bleiben." Und die Konsolidierung habe erst begonnen: "Wir sind eher in einer frühen Phase", glaubt Jeworrek. "Das geht noch eine ganze Zeit so weiter."