Versicherungen Wundersame Geldvermehrung

Statt 1500 Euro erhält das Unfallopfer von seinem Versicherer 1650 Euro - wenn es die in Gutscheinen nimmt. Über ein neues Geschäftsmodell der Kfz-Versicherer und seine Hintergründe.

Von Jonas Tauber, Berlin

Wenige Tage nach dem Auffahrunfall erhält der geschädigte Autofahrer eine E-Mail vom Kfz-Haftpflichtversicherer des Unfallgegners. Die Bavaria Direkt erklärt, sie sei für den Schaden zuständig. Der Autofahrer kann den Wagen jetzt reparieren lassen und der Gesellschaft die Kosten in Rechnung stellen.

Alternativ bietet der Versicherer in der Mail die sofortige Überweisung der voraussichtlichen Schadensumme laut Kostenvoranschlag in Höhe von 1 500 Euro an. Dann könne der Schaden sofort abgeschlossen werden, dies halte die Kosten niedrig, erklärt eine Sprecherin. Was sie nicht sagt, aber ein offenes Geheimnis in der Versicherungswirtschaft ist: Manche Werkstätten langen bei den Preisen besonders hin, wenn es sich um einen Versicherungsschaden handelt. Zahlt der Autofahrer selbst, wird es billiger.

Damit sich mehr Geschädigte für die sogenannte fiktive Abrechnung entscheiden, hat sich die Bavaria etwas Neues ausgedacht: Sie können den Wert ihres Anspruchs erhöhen, wenn sie sich die Schadensumme ganz oder in Teilen als Wertgutschein auszahlen lassen. Dann gibt es Voucher namhafter Anbieter wie Amazon oder Adidas - mit höheren Summen.

Dafür kooperiert Bavaria, der Direktversicherer der Versicherungskammer Bayern, mit dem Berliner Start-up Optiopay. Das Unternehmen verspricht einen Aufschlag von zehn Prozent und mehr auf den ursprünglichen Anspruch bei der Wahl eines Gutscheins. Bei dem Auffahrunfall wäre das ein Plus von mindestens 150 Euro gegenüber der reinen Geldzahlung - statt 1500 Euro gibt es 1650 Euro.

Die wundersame Wertvermehrung ist möglich, weil das Unternehmen mit dem Gutschein Zugang zu Neukunden erhält, erklärt Michael Hundt von Optiopay. "Für Neukunden sind die Händler bereit, Geld in die Hand zu nehmen, das funktioniert letztlich wie ein Rabatt." Es handele sich dabei im Grunde um nichts anderes als um effizient angelegte Marketing-Ausgaben.

Kunden- oder Geschädigtendaten gibt der Versicherer nicht an den Kooperationspartner weiter

Amazon, Adidas und die anderen Partner profitieren außerdem von der kostenlosen Listung auf der Optiopay-Homepage. Wird ein Gutschein gelöst, erhält das Start-up dafür eine Provision vom Händler.

Einen Teil der Provisionen gibt Optiopay an die Bavaria Direkt weiter, bestätigt die Sprecherin. Der entscheidende Vorteil für den Versicherer sei aber nicht die Provisionseinnahme, sondern der zusätzliche Anreiz für den Geschädigten, der sofortigen Zahlung zuzustimmen. "Dadurch wird die Regulierung beschleunigt", sagt sie. Wie das Angebot angenommen wird, lässt sich noch nicht sagen. Die Bavaria Direkt hat den Service erst im Dezember 2016 eingeführt.

Kunden- oder Geschädigtendaten gibt der Versicherer nicht an den Kooperationspartner weiter, betont die Sprecherin. Doch wollen Betroffene das Gutscheinangebot nutzen, müssen sie sich bei Optiopay registrieren. Dort heißt es, die Gesellschaft setze beim Datenschutz auf die neuesten und sichersten Techniken.

Verbraucherschützer haben noch keine klare Meinung. Beim Bund der Versicherten fehlen die Erfahrungen mit dem Angebot, um mögliche Nachteile aus Verbrauchersicht einschätzen zu können. Eine wichtige Frage wird sein, ob Nutzer des Gutscheinsystems danach mit Werbung bombardiert werden.

Optiopay spricht mit mehreren weiteren Versicherern, das Interesse sei groß. Über die Namen schweigt sich das Berliner Start-up ebenso aus wie über Umsatzzahlen und Geschäftsergebnisse. Das Unternehmen ist seit Dezember 2015 aktiv und hat bisher bei Investoren mehr als 7,5 Millionen Euro eingesammelt. Derzeit beschränkt sich Optiopay auf den deutschen Markt. Eine Expansion in weitere Länder sei aber möglich