Beim Treffen der G-20-Staaten in London wurde die Chance verpasst, die Weichen der Weltwirtschaft neu zu stellen.
Die Weltwirtschaft, getrieben von den Finanzmärkten, ist in einen tiefen Sumpf geraten, und ihre Lage lässt sich nur noch mit der in der Großen Depression vom Anfang des vorigen Jahrhunderts vergleichen. Die große Politik, offenbar ebenfalls getrieben von den Finanzmärkten, hält mit Gipfeln dagegen und versucht, den im Sumpf Strampelnden einen festen Halt zu bieten. Das ist notwendig, aber unglaublich teuer. Die Billion wird inzwischen zu einer gebräuchlichen Zahl. Doch niemand fragte in London, warum die Finanzmärkte die Wirtschaft eigentlich in den Sumpf getrieben haben. War es ein Unfall, war es Absicht, war es Dummheit? War es vielleicht unsere eigene Dummheit, weil wir alle über unsere Verhältnisse leben wollten?
Bild vergrößern
Auch US-Präsident Barack Obama konnte nicht allzu viele Antworten in London geben. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Viele Fragen, aber keine Antworten aus London.
Wissen die Politiker nicht, was passiert ist, oder wollen sie es nicht wissen? Stattdessen gab es die übliche Gipfel-Routine, diesmal nur mit größeren Zahlen. Ein erweitertes Financial Stability Forum soll es in Zukunft vor allem richten. Das ist die Institution, die nach der asiatischen Finanzkrise vor zehn Jahren gegründet wurde, um die Finanzmärkte zu überwachen und vor drohenden Gefahren zu warnen. Was heute nur den Schluss zulässt, dass keine Institution mehr versagt hat als dieses Financial Stability Forum. Na dann, auf ein Neues.
Geld (besser: Kredite) haben die Führer der G 20 vor allem dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Verfügung gestellt. Damit soll er in Not geratenen Ländern helfen. Wenn der Internationale Währungsfonds das aber so tut, wie vor zehn Jahren in Asien und wie vor kurzem in Osteuropa, wo er die Kredite regelmäßig an die Bedingung gebunden hat, dass die vor der Zahlungsunfähigkeit stehenden Länder die Zinsen erhöhen, Löhne kürzen und Staatsdefizite verringern, also ihre wirtschaftliche Lage zusätzlich verschlechtern, dann ist das viele Geld keine wirkliche Hilfe für die Länder. Und es ist außerdem kontraproduktiv für die Weltwirtschaft. Nur der Teil, der sich auf die Aufstockung der Sonderziehungsrechte bezieht (250 Milliarden Dollar), wird ohne solche "Bedingungen" vergeben.
Warum aber macht der Fonds solche Auflagen? Nun, die Antwort ist einfach: Weil es die Führer der Welt, wie schon nach früheren Krisen, auch diesmal mit aller Macht vermieden haben, über das eine und entscheidende Thema der globalisierten Wirtschaft zu reden: die Frage nämlich, wie eine globale Währungsordnung aussehen soll, bei der die Wechselkurse nicht von spekulativen Finanzmärkten bestimmt werden, sondern sich den fundamentalen ökonomischen Daten der miteinander handelnden Länder anzupassen haben - also vor allem den Differenzen der Inflationsraten in den einzelnen Länder.
Gäbe es eine solche Ordnung, müssten Länder mit hohen Inflationsraten zwar nach wie vor abwerten, sie müssten aber nicht mit einer restriktiven Politik die "Märkte" davon überzeugen, dass ihre Währung nicht ins Bodenlose fallen muss, um wieder eine stabile Wettbewerbsposition zu erreichen.
Die Krux der Kredite
Das zeigt die grundlegende Schwäche der Gipfelergebnisse. Es kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Finanzmärkte die reale Wirtschaft in den Sumpf getrieben haben, weil sehr viele Akteure rund um die Welt mit sehr viel geliehenem Geld auf vielen unterschiedlichen Märkten, bei Hypothekenderivaten, Rohstoffen, Aktien und Währungen gewettet und verloren haben. Sie mussten verlieren, weil ihren spekulativen Geschäften keine Produktivität gegenübersteht, schon gar keine, aus der zweistellige Renditen hätten bezahlt werden können.
Der Zusammenbruch kommt, weil sich irgendwann die normalen Menschen die spekulativ überteuerten Häuser oder das Öl für die Heizung nicht mehr leisten können oder ein hoher Wechselkurs die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft so sehr zerstört hat, dass jeder merkt, dass es so nicht mehr weitergehen kann.
Über all das spricht das Kommuniqué des Gipfels mit keinem Wort. Es spricht nicht davon, dass dieses "Wetten", das globale Kasino also, natürlich vollkommen unproduktiv war, es sagt nicht, dass überzogene Renditeerwartungen der Spieler ein für allemal auf den Müllhaufen der Geschichte gehören, es stellt nicht fest, dass die Welt die Nullsummenspiele dieser Kasinos nicht braucht, und es beklagt nicht, wie viel Schaden das Spielen mit Schulden mittlerweile angerichtet hat. Keine Rede ist von den massiven Preisverzerrungen im internationalen Handel durch Rohstoffpreis- und Währungsspekulation, aber die im Vergleich dazu völlig unwichtige Welthandelsrunde soll zu Ende gebracht werden.
Zwar sollen die zukünftigen Regulierer die "Verbraucher und Investoren" schützen, sie sollen aber auch "Wettbewerb und Dynamik" an den Finanzmärkten fördern und Schritt halten mit den "Innovationen" an diesen Märkten. Konkret ist daran nichts außer der Ankündigung, dass jeder, der zukünftig ins Kasino geht, seinen Ausweis vorzeigen muss.
Die Spieler stehen bereit
So geht es nicht. Schon stehen die globalen Spieler, die "Investment Banker", wie sich ein Teil von ihnen großspurig und irreführend nennt, bereits wieder in den Startlöchern, um das nächste große Spiel zu beginnen. Sobald die Bilanzen mit dem Geld des Steuerzahlers bereinigt sind und, wie in den letzten beiden Wochen geschehen, Rauchzeichen vom Gipfel eine Stabilisierung des Systems durch die Politik andeuten, steigen die Spieljunkies sofort wieder ein. Die Aktienkurse steigen, Rohstoffe legen zu und Währungen werden aufgewertet, die bis vor Kurzem noch als hoffnungsloser Fall galten, aber immer noch hohe Zinsen bieten. Die Politik aber schaut interessiert zu und freut sich, dass das "Vertrauen" in die Märkte zurückgekehrt ist.
Wieder einmal ist die Politik, national wie international, vollkommen unfähig, ein komplexes Problem zu verstehen, Lobbyismus konsequent abzuwehren und Lehren aus einem solchen Schock zu ziehen, die wirklich etwas mit den Ursachen zu tun haben. Dazu passt, mit welcher Akribie und welcher Energie das Problem der "Steueroasen" angegangen wurde. Das hat zwar absolut nichts mit der Finanzkrise zu tun, ist aber schön anschaulich und der Druck auf ein paar kleine Länder verspricht doch schnell einen vorzeigbaren Erfolg. Der erste große Gipfel in der Krise hat das Thema verfehlt, und viele Versuche werden die Regierungen nicht mehr haben, bevor das Experiment der Globalisierung endgültig gescheitert ist.
(SZ vom 06.04.2009/vw)
Linke mit neuer Führung
Erst einmal begrüße ich es sehr, dass in der SZ Ökonomen wie Herr Heiner Flassbeck zu Wort kommen, mir schon bestens bekannt als Leserin der Nachdenkseiten.
"Zwar sollen die zukünftigen Regulierer die "Verbraucher und Investoren" schützen, sie sollen aber auch "Wettbewerb und Dynamik" an den Finanzmärkten fördern und Schritt halten mit den "Innovationen" an diesen Märkten. Konkret ist daran nichts außer der Ankündigung, dass jeder, der zukünftig ins Kasino geht, seinen Ausweis vorzeigen muss."
Auch als nicht in Wirtschaft und Finanzen ausgebildeter Mensch bekomme ich in meiner real existierenden Wirklichkeit mit, dass unsere Politiker sich offensichtlich nicht trauen, das wahre Ausmaß eigenen Versagens zuzugeben, bezüglich vieler falscher zurückliegender Entscheidungen, weil man nicht integren Menschen vertraut hat, weil man Lobbyisten Tür und Tor geöffnet hat, die nicht das Wohl der Menschen, sonder nur eigene Profite im Kopf hatten. Jetzt wäre es möglich, wirkliche Änderungen herbei zu führen, das Volk wartet darauf und würde "die Ärmel hochkrempeln", gilt es doch, die Luftblasen platzen zu lassen, die normalen Bankgeschäfte auf gesunde Basis zu stellen und die Finanzen und Wirtschaft an der Produktivität eines Landes zu orientieren.
Vermutlich wären auch die Gehälter dann an das Wachstum der Volkswirtschaften anzupassen, was vermutlich gerade die höheren Einkommensbezieher ängstigen könnte.
Wie dem auch sei, mein Eindruck wurde bestätigt, dass man "auf höchster Ebene" auf dem Gipfel der G20 nur versucht hat, zu retten, was zu retten ist, auch im Hunblick auf die notwendig gewesene Aufklärung der ganzen Misere des "verzockten Geldes" für das wir Menschen in allen Völkern dieser Erde jetzt "bezahlen", mal abgesehen von den Profiteuren, denn irgendwo müssen die Billionen ja gelandet sein.
Wenn das die Politik der Zukunft bleibt, werden die Wähler in Scharen davonlaufen.
Die Gipfelveranstaltungen werden so zu einem teuren "Kaffeekränzchen" verkommen.
Stimmt - so wie regenfeste Jacke!
Und so gilt fuerwahr "Alles läuft in geordneten Bahnen" - fuer die, die immer profitieren, dank Politiker-Unterstuetzung (in beiden Richtungen).
Leider!
Wir haben doch nur altbackene "Zurück zum Sozialismus"-Korruptionsangebote oder weiter so-Phrasen. Außersystemische Alternativen gibt es nicht. Wie Foucault sagt, wir müssen die Veränderung erst denken lernen - Wahlen sind dort nicht der richtige Ort...
Mit "man kann ja eh nichts machen" will ich mich nicht zufrieden geben.
Ganz wichtig
Europawahl
Bundestagswahl
Das wird auf jeden Fall richtungsentscheidend.
Friedliche Demos wie wieder am 16. Mai in Berlin vom EGB/DGB sind auch extrem wichtig, da sollten sich noch mehr beteiligen, obwohl Frankfurt/Berlin schon sehr gut war.
Dieses mal mobilisieren aber alle Gewerkschaften auf der vollen Fläche und alles findet an einem Ort statt!
dieses "Weiter so!" wird für noch mehr Frustration in großen Teilen der Bevölkerung führen!
Und - das wusste Sigismund ja schon: auf Frustration folgt Aggression!!!
Ich hoffe doch wirklich sehr, dass keine Gewalt auf breiter Front gegen dieses Weiter so! ins Feld geführt wird!
Auch wenn die Politik die Forderungen von Demonstranten entweder geflissentlich überhört - oder aber nicht nachvollziehen kann. Wg. Realitätsverlust und Basisferne. Dennoch darf dieses Feld eines demokratischen APO- Widerstandes nicht unbeackert bleiben - irgendwann wird Volkes Stimme nicht mehr zu überhören sein.
Hilflose Wut, die in Gewalt mündet, würde zudem eine noch härtere Polizei-Knute bedeuten - und schließlich zum BW-Einsatz im Inneren führen. Jede Wette!
Jede Wette auch, dass dieses Weiter so! zu einer dramatischen Eintrübung des sozialen Friedens in diesem Lande führen wird!!!
Dieses globale "Weiter so!" aus London kann durch nationale Wahlen schon mal nicht verhindert werden, was bei diesem globalen Thema in der Natur der Sache liegt!
Hilflos wütend: jm
Paging