Verpackungsmüll Eine Plastiksteuer, wie sie niemand braucht

Wie könnte beispielsweise eine alternative Verpackung für Sushi aussehen? Überlegungen wie diese sollte die EU-Kommission fördern.

(Foto: imago/Frank Sorge)

Die EU-Kommission plant eine Abgabe auf Kunststoffverpackungen. Sie wird neue Milliarden einbringen - doch der Umwelt helfen kann sie kaum.

Kommentar von Vivien Timmler

Wie praktisch sie doch wäre, die Plastiksteuer. Die EU-Kommission könnte mit der geplanten Abgabe gleich zwei Probleme auf einmal angehen: das durch den Brexit entstandene Loch im EU-Haushalt stopfen und gleichzeitig etwas für die Umwelt tun, der Kunststoffabfälle und Abgase aus Verbrennungsanlagen immer mehr zusetzen. Doch wie so häufig, wenn zwei Probleme auf einen Schlag gelöst werden sollen: Am Ende bleibt eins auf der Strecke. In diesem Fall ist es die Umwelt.

Die EU-Kommission will den nicht wiederverwerteten Plastikmüll eines Landes mit 80 Cent pro Kilo besteuern. Noch immer landen mehr als 60 Prozent der 26 Millionen Tonnen Plastikmüll im Jahr auf Müllkippen, in Verbrennungsanlagen oder in der Umwelt - da ist es prinzipiell gut und richtig, die Länder dazu zu bringen, mehr von ihrem Plastikmüll zu recyceln. Doch die Abgabe setzt viel zu spät an.

Ziel der Kommission sollte es sein, neue Plastikverpackungen gar nicht erst in Umlauf zu bringen. Stattdessen hofft die Kommission darauf, dass höhere Recyclingquoten langfristig auch die Produktion von Neu-Plastik bremsen. Doch das wird nicht passieren, solange weder Handel noch Verbraucher die finanzielle Notwendigkeit sehen, auf Kunststoffverpackungen zu verzichten.

Hinzu kommt, dass es längst nationale Bestrebungen wie etwa das ab 2019 geltende deutsche Verpackungsgesetz gibt, die ebenfalls eine Erhöhung der Recyclingquoten zum Ziel haben. Hierzulande etwa soll die Quote bis zum Jahr 2022 bei Kunststoff von derzeit 36 auf 63 Prozent steigen. Schon das halten Abfallingenieure für ambitioniert, schließlich gilt derzeit noch alles als recycelt, was in einer Recyclinganlage ankommt - selbst wenn sich bei der Sortierung herausstellt, dass der gelieferte Müll gar nicht wiederverwertet werden kann und verfeuert werden muss.

Doch anstatt die Ergebnisse in den einzelnen Ländern abzuwarten, reagiert die EU mit einer eigenen, noch viel ambitionierteren Vorgabe: Bis 2030 sollen sämtliche Plastikverpackungen in der EU wiederverwertbar sein. Das jedoch ist völlig utopisch. Einerseits, weil die Sortieranlagen noch immer mit bis zu 50 Prozent des Mülls in Gelben Tonnen nichts anfangen können und er daraufhin einfach verbrannt wird. Andererseits, weil ein mengenmäßig nicht bekannter aber wohl beachtlicher Teil der Verpackungsabfälle gar nicht erst richtig getrennt wird, sondern direkt in den Hausmüll oder die Natur wandert.

Schon zehn zusätzliche Cent können zu Verzicht führen

Im Sinne der Umwelt wäre es deswegen, Kunststoffverpackungen schon bei der Herstellung zu besteuern. Zwar träfe auch das in erster Linie die Industrie, die aber würde deutlich lauter über steigende Verpackungs- als Entsorgungskosten stöhnen. Im Idealfall wäre ein Umdenken die Folge - zumindest aber würden die Unternehmen die Preissteigerung an die Verbraucher weitergeben. Und hier hat bereits das Beispiel der Plastiktüten gezeigt: Schon zehn zusätzliche Cent können zu Verzicht führen.

Wenn die Kommission das Ziel ihrer EU-Plastikstrategie ernst meint, muss sie der Reduzierung des Kunststoffmülls endlich eine Priorität einräumen. Sonst entsteht der Eindruck, sie nutze ihn nur als Vorwand, um noch mehr Gelder für den EU-Haushalt zu generieren. Für den Moment jedenfalls vermengt sie lediglich zwei Ziele, die nicht zusammengehören.

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