Vermögensstudie Die Kluft in Europa wird größer

Während die Menschen in Griechenland und Spanien immer ärmer werden, sind die Deutschen im Durchschnitt so reich wie nie. Das liegt laut einer Studie an der boomenden Börse, der guten Entwicklung der Einkommen und der hohen Sparbereitschaft. Doch die Experten kennen auch die negativen Folgen für die Sparer.

Von Harald Freiberger, Frankfurt, und Claus Hulverscheidt

Die Deutschen haben ihr Vermögen im vergangenen Jahr deutlich gemehrt. Jeder Bundesbürger verfügte Ende 2012 im Durchschnitt über ein Nettovermögen von 41.950 Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 6,8 Prozent. Damit sind die Deutschen so reich wie noch nie. "Hauptgrund dafür war der Boom an den Börsen", sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, am Dienstag in Frankfurt. Er stellte den "Global Wealth Report" vor, in dem sein Unternehmen die Vermögenssituation von Privathaushalten in 50 Ländern vergleicht.

Die Studie könnte auch die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen in Berlin befeuern, liefert sie doch SPD und Grünen für deren Gespräche mit der Union ordentlich Munition. Beide Parteien wollen "Reiche" stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens heranziehen und planen dazu die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Die Grünen wollen zudem eine einmalige Vermögensabgabe erheben. Mit den Einnahmen von bis zu 100 Milliarden Euro soll die Staatsverschuldung verringert werden, die nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 aufgrund der Kosten für die Bankenstützung und die Belebung der Konjunktur massiv gestiegen ist.

Die Union lehnt sowohl die Vermögensteuer als auch die Vermögensabgabe strikt ab - und wäre deshalb gezwungen, der SPD oder den Grünen an anderer Stelle entgegenzukommen. Eine realistische Option wäre die Abschaffung der Abgeltungsteuer und die Wiedereingliederung der Kapitalerträge in die Einkommensteuer. Spitzenverdiener müssten dann statt des heutigen Einheitssatzes von 25 Prozent bis zu 45 Prozent Steuern auf Kapitaleinkünfte zahlen. Denkbar wäre auch eine Höherbelastung von Millionenerben, die sich bisher mit Tricksereien um die Steuerzahlung herumdrücken.

Kluft in Europa hat sich vergrößert

Die Allianz-Untersuchung spiegelt die weit bessere wirtschaftliche Lage Deutschlands im Vergleich zu anderen Ländern Europas wider. Das Brutto-Geldvermögen der Deutschen, also das Vermögen ohne Abzug von Schulden, liegt inzwischen bei fast fünf Billionen Euro und damit knapp fünf Prozent höher als ein Jahr zuvor. Weltweit kletterte das Brutto-Vermögen zwar um 8,1 Prozent auf 111 Billionen Euro, doch das liegt vor allem an den Schwellenländern. In Europa aber ist kaum ein Land ist so gut durch die Finanz- und Schuldenkrise gekommen. Netto besitzt ein deutscher Privathaushalt heute 18 Prozent mehr Geldvermögen als vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. Kein anderes großes europäisches Land weist einen auch nur annähernd so guten Wert auf.

Die Kluft in Europa hat sich 2012 weiter vergrößert. Vor allem in den Krisenstaaten musste die Bevölkerung einen krassen Vermögensverlust hinnehmen. In Griechenland liegt das Netto-Geldvermögen nur noch bei gut einem Viertel des europäischen Durchschnitts, in Spanien rutschte es im vergangenen Jahr von 61 auf 44 Prozent ab. "Geht diese Schere zwischen Nord und Süd weiter auf, kann dies den Zusammenhalt in Europa untergraben", sagte Chefvolkswirt Heise.

Erstaunlich ist, dass sich Deutschland als eine der prosperierendsten Wirtschaftsnationen der Welt in der Liste der reichsten Staaten weltweit nur auf Rang 17 befindet. "Deutschlands Platz im Mittelfeld ist kein Ruhmesblatt", sagte Heise. Das Thema des langfristigen Vermögensaufbaus gehöre auf die politische Agenda, besonders auch, weil die Bevölkerung immer älter werde.

Nirgends in Europa sind die Zinsverluste so hoch wie in Deutschland

Vor einem halben Jahr sorgte eine ähnliche Studie der europäischen Notenbanken für Aufsehen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Privathaushalte in Schuldenstaaten wie Griechenland, Spanien, Italien oder Frankreich im Vergleich teils deutlich vermögender sind als in Deutschland. Die neue Studie der Allianz relativiert diese Erkenntnisse. Demnach ist das Vermögen in Italien und Frankreich zwar immer noch größer, der Abstand hat sich in den letzten Jahren aber verringert. Spanische und griechische Haushalte sind weit weniger vermögend als deutsche.

Die unterschiedlichen Ergebnisse der beiden Studien liegen vor allem daran, dass sich Europas Notenbanken auf Daten von 2008 stützten und damit neuere Entwicklungen nicht einbezogen. Außerdem rechneten sie auch Immobilienbesitz ein, während die Allianz-Studie sich allein auf Geldvermögen bezieht; in südeuropäischen Staaten ist der Besitz von Wohneigentum traditionell deutlich höher als in Deutschland.

Dass die Deutschen ihr Vermögen mehren konnten, liegt nicht nur an der boomenden Börse, sondern auch an der guten Entwicklung der Einkommen und an der hohen Sparbereitschaft. Besonders stark investierten sie in vermeintlich sichere Anlagen wie Festgeld oder Spareinlagen bei Banken.

Weil die Zinsen auf einem historischen Tief sind, hat das auch negative Folgen: In keinem europäischen Land sind die Zinsverluste so hoch wie in Deutschland. Die Allianz rechnete dabei entgangene Zinsen auf Spareinlagen mit niedrigeren Zinsen auf Kredite gegen. So entgingen deutschen Sparern 2012 rund 5,8 Milliarden Euro oder 761 Euro pro Kopf. Bürger im übrigen Euroraum wurden dagegen mit 34 Milliarden Euro oder 134 Euro pro Kopf entlastet, weil sie mehr Kredite aufgenommen haben und weniger sparen. "Je länger die Phase der extrem niedrigen Zinsen anhält, umso größer dürften diese Unterschiede werden", sagte Heise.