Verhaltensökonomie "Cool bleiben!"

Martin Weber, 63, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Einer seiner Forschungsschwerpunkte: die Verhaltensökonomie.

(Foto: oh)

Der Ökonom Martin Weber rät Investoren, breit diversifiziert anzulegen, wenig zu handeln und bei Kursschwankungen Ruhe zu bewahren.

Interview von Jan Willmroth

Das Risiko streuen, nicht überstürzt handeln und ruhig bleiben. Diese Grundregeln kennen viele. Wenn aber die Kurse so stark schwanken wie seit Ende August, geraten die meisten in Panik. Warum Aktionismus selten hilft, erklärt Professor Martin Weber von der Universität Mannheim.

SZ: Herr Weber, in den vergangenen Wochen haben wir starke Schwankungen an den Finanzmärkten gesehen. Können Sie verstehen, dass viele Anleger da in Panik geraten?

Martin Weber: Ja, klar. Das macht mich ja auch nervös, wenn ich so etwas sehe. Wenn ich innerhalb von einer Woche zehn Prozent verliere, bekomme ich auch einen Anflug von Panik. Man sieht diese Zufallsprozesse und denkt: Das kann doch kein Zufall sein, da muss doch irgendetwas dahinterstecken. Zumeist gibt es auch Erklärungen - aber immer erst hinterher.

Als Forscher beschäftigen Sie sich viel mit dem Verhalten von Anlegern. Was sind denn in einer solchen Marktphase ganz typische Fehler?

Ein typischer Fehler ist, dass man meint, man müsse auf den Zufall reagieren und dass man nicht bereit ist, den Zufall zu akzeptieren. Nehmen Sie die heftigen Kursverluste Ende August. Viele Leute haben es da geschafft, in diesen Tagen nahe des Tiefpunkts zu verkaufen - weil sie in einen Aktionismus verfallen und denken, sie müssten unbedingt eingreifen. Weil sie Schwierigkeiten haben, dieser statistischen Idee des Zufalls zu trauen.

Warum ist der Zufall so schwierig zu verstehen?

Wir haben eine generelle Aversion dagegen. Wir bevorzugen sichere Dinge gegenüber solchen, die im Durchschnitt vielleicht ein besseres Ergebnis liefern, aber riskant sind. Der Zufall wirkt bedrohlich. Wir fürchten uns vor Verlusten. Und suchen stets nach Erklärungen für Ereignisse, eben nicht nur, wenn Kurse von Wertpapieren stark schwanken.

Inwiefern stimmt denn die landläufige Meinung, dass Anleger immer wieder die gleichen Fehler machen?

Man lernt mit dem Alter natürlich dazu. Die falsche Einschätzung des Zufalls ist ja nur einer von vielen Fehlern. Der Glaube daran, Sachen vorhersehen zu können, hält sich bei vielen Anlegern zum Beispiel hartnäckig. Wenn man erfolgreich war, wächst die Überzeugung, das auch in Zukunft wieder sein zu können. Dann kann das sogar ein sich selbst verstärkender Prozess werden, in dem man den gleichen Fehler immer wieder macht: zu aktiv zu handeln.

Sie sprechen die Selbstüberschätzung an, der viele erfolgreiche Anleger erliegen. Welche Rolle spielt die?

Das ist, wenn Sie so wollen, die andere Seite des Zufalls: Weil sie ihn nicht akzeptieren, glauben Anleger an ihre Fähigkeiten, obwohl doch Tausende oder Millionen andere die gleichen Informationen über Kurse haben. Außerdem gehören zu jedem Börsenkurs zwei dazu. Man vergisst schnell, dass es immer jemanden gibt, der gerade kauft, wenn man selbst etwas verkaufen will. Warum sollte dieser jemand zu einer völlig anderen Einschätzung gelangen, als man selbst? Selbstüberschätzung bedeutet dann, dass man glaubt, es besser zu wissen als die Gegenseite.

Was sollte man denn tun, um auf solche Kursturbulenzen zu reagieren?

Cool bleiben! Und an die Gegenseite denken, das mache ich immer als Selbsthilfe: Auf der anderen Seite ist jemand, der gerade kauft, wenn ich verkaufe. Der sich also zum Beispiel überlegt, dass ein Kurs bald wieder steigen wird. Das kann auch die Handelsabteilung einer großen Bank sein. Und die ist in der Regel besser informiert als ein Privatanleger.

Das klingt jetzt ein bisschen so, als wäre Verkaufen immer irrational.

Man sollte natürlich handeln, um die Allokation in seinem Depot zu ändern. Aber vielleicht einmal im Jahr, vielleicht auch nur alle zwei Jahre. Und das sollte man immer relativ unabhängig von den Turbulenzen an den Märkten machen: schauen, dass die unterschiedlichen Anlageklassen im Portfolio noch die Anteile haben, mit denen man geplant hat. Also zum Beispiel 50 Prozent Staatsanleihen und 50 Prozent riskantere Anlagen. Oder je ein Drittel Aktien, Rentenpapiere und Rohstoffe. Am wichtigsten ist, die Strategie einzuhalten.

Gibt es denn überhaupt eine überlegene Strategie?

Zwei Dinge sind wichtig: zunächst die Frage, wie riskant man anlegen will, und welches die weniger riskanten Komponenten sein sollen. Die sollte es nämlich immer geben: Tagesgeld, Festgeld oder Staatsanleihen wären Beispiele. Sobald ich weiß, wie viel ich in riskantere Produkte investieren will, kommt es auf die Zusammensetzung an. Und da gibt es heutzutage doch eine optimale Strategie, das zu machen.

Und die wäre?

Breit diversifiziert anlegen, und wenig handeln. Ruhe bewahren. Viele Wissenschaftler glauben heutzutage, das sei die Königsstrategie. Die Vielzahl an breit diversifizierten ETF bietet Anlegern inzwischen hervorragende Möglichkeiten, günstig in Aktien zu investieren, ohne zu viel selbst zu strukturieren. Zuletzt sollte man immer mal wieder das Portfolio so umschichten, dass es noch der Strategie entspricht.

Wie wichtig sind denn die Kosten von Finanzprodukten, beispielsweise bei Fonds?

Enorm wichtig, das ist schon gleichbedeutend mit der Akzeptanz des Zufalls. Man muss sich immer klarmachen: Ein Prozent mehr Kosten bedeuten ein Prozent weniger Gewinn. Und die Kosten sind das Einzige, was wirklich sicher ist. Darauf sollten Anleger sehr aufpassen: Gibt es versteckte Kosten, die den Gewinn noch weiter schmälern? Nehmen Sie Multi-Asset-Dachfonds, die gerade sehr en vogue sind, da liegen gleich zwei mal Kosten drin - für das Management selbst und das Management der enthaltenen Produkte. Oder Papiere, bei denen viel gehandelt wird. Oder - noch schlimmer - solche, bei denen Kosten abhängig vom Ertrag anfallen. Manchmal ist das Geld wirklich auf dem Sparbuch besser aufgehoben, weil das wenigstens keine Gebühren kostet.

Viele Fonds, die derzeit angeboten werden, versprechen vieles auf einmal: einen ordentlichen Ertrag und gute Absicherung nach oben und unten. Was halten Sie davon?

Je komplizierter die Strategien werden, umso undurchsichtiger ist es für mich als Anleger, überhaupt zu verstehen, was die wollen. Und umso größer wird die Chance, dass irgendwo in den Produkten Kosten stecken, die mir nicht transparent sind.

Der größte - und in Deutschland vielleicht häufigste - Fehler ist es, gar nicht zu investieren. Stimmen Sie zu?

Das ist wirklich tragisch. Grundsätzlich sollte man gemäß seinem Risikoprofil optimal sein Vermögen aufteilen. Dabei ist es außerordentlich sinnvoll, einen Teil seiner Ersparnisse riskanter anzulegen. Die Rechnung ist einfach: Die erwartete Rendite steigt mit dem Risiko. Was für einen individuell sinnvoll ist, muss jeder Einzelne beantworten. Aber wer Geld übrig hat, kann auch riskanter anlegen - muss dann aber bereit sein, den Zufall zu akzeptieren.

Was war Ihr größter Fehler als Anleger?

Ich war zwanzig und hatte einen Monat lang ein Praktikum bei einer Bank gemacht, mein einziges während des Studiums. Das ganze Geld steckte ich in Optionen auf die Bayer-Aktie. Als ich ein halbes Jahr später im Urlaub auf einer griechischen Insel war, verfielen die Optionen wertlos. 100 Prozent Verlust. Alles, was ich jetzt erzähle, habe ich damals falsch gemacht. Und daraus gelernt.