Vectoring Oettinger brüskiert Telekom

Der EU-Kommissar blockiert die Internet-Pläne des Konzerns aus Bonn und will sie zunächst genauer prüfen. Damit kommt er Konkurrenten der Telekom entgegen - und ärgert die Bundesregierung.

Von Varinia Bernau und Alexander Mühlauer, Straßburg/Düsseldorf

Die EU-Kommission hat die Pläne der Deutschen Telekom zum Aufbau eines schnellen Internets blockiert. Die Brüsseler Behörde will einen entsprechenden Vorschlag der Bundesnetzagentur genauer prüfen, welcher der Telekom den Ausbau der sogenannten Vectoring-Technologie erlaubt. Damit kommt die EU-Kommission Konkurrenten des Konzerns entgegen, die durch den Einsatz Wettbewerbsnachteile fürchten und die Technologie als veraltet ansehen.

Die Brüsseler Behörde räumte zwar ein, dass durch die Telekom-Pläne 1,4 Millionen Haushalte in Deutschland erstmals von einer Datengeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) profitieren würden. "Nichtsdestotrotz scheint der aktuelle Vorschlag beträchtliche Beschränkungen für andere Betreiber zu enthalten", kritisierte die Behörde. EU-Digitalkommissar Günther Oettinger forderte, dass Anreize geschaffen werden müssten, um in zukunftsorientierte Netzwerke zu investieren. Die nun eingeleitete Überprüfung kann bis zu drei Monate dauern.

Damit brüskiert Oettinger nicht nur die Telekom, sondern auch die Bundesregierung. Die hat nämlich versprochen, dass bis 2018 jeder deutsche Haushalt Zugang zum Internet mit einer Download-Geschwindigkeit von 50 Mbit/s haben soll. Auch deshalb klang das Versprechen der Telekom in den Ohren vieler Politiker so verlockend: Der Konzern will bis 2018 etwa sechs Millionen Haushalte in deutschen Innenstädten mit Anschlüssen versorgen, die eine Übertragungsgeschwindigkeit von bis zu 100 Mbit/s ermöglichen - und dabei vor allem auf das umstrittene Vectoring setzen. Damit lassen sich die in den Sechzigerjahren verlegten Kupferleitungen aufrüsten. Das ist billiger, als neue Glasfaserkabel zu verlegen. Einige Experten sehen das Verfahren allenfalls als Brückentechnologie. Langfristig, so argumentieren sie, müssten die Haushalte an ein schnelleres und stabileres Netz aus Glasfaser- oder Fernsehkabeln gebracht werden.

Anfang April hatte die Bundesnetzagentur der Telekom den Weg zum Einsatz von Vectoring geebnet - und damit für Empörung gesorgt. Vodafone, 1&1, aber auch viele Stadtwerke, die zuletzt in Glasfaserleitungen investiert haben, fürchten eine Remonopolisierung des Netzes. Denn beim Vectoring kann nur ein Unternehmen die Hoheit über Verteilstationen im Netz haben; sonst kommt es zu Störungen. Schlimmer aber wiegt in den Augen der Wettbewerber, dass sich die Telekom, wenn sie die Kupferkabel aufmotzt, einen Kostenvorteil verschaffen könnte. Im Nachteil, so fürchten die Wettbewerber, wären dann ausgerechnet die Firmen, die für deutlich mehr Geld stabilere und vor allem im Upload schnellere Glasfaserkabel verlegen.

Tabea Rößner, Sprecherin für digitale Infrastruktur der Grünen im Bundestag, begrüßte das Signal aus Brüssel: "Die Bundesnetzagentur hat einen äußerst fragwürdigen Beschluss gefasst, mit dem der Telekom de facto ein Monopol gewährt wird." Ein Telekom-Sprecher verwies hingegen darauf, dass sich der Anschluss von Millionen Haushalten an das schnelle Internet durch die Entscheidung aus Brüssel verzögere. Und er betonte, dass nun "auch unser Beitrag zur Erreichung der Breitbandziele der Bundesregierung gefährdet" sei. Das ist mehr als eine Schlussfolgerung, wie sie Unternehmen aus politischen Vorgaben ziehen müssen. Es ist eine Drohung an deren Adresse.