Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Kapitalnachschub für die Krisenbanken: Zehn der 19 größten US-Institute brauchen insgesamt 75 Milliarden Dollar - weniger als befürchtet. Doch ist das schon die Wende in der Finanzkrise?

Präsident Franklin D. Roosevelt beendete im März 1933 die größte Bankenkrise der Geschichte mit einem Trick. Er verkündete "Bankferien": Alle Kreditinstitute wurden für vier Tage geschlossen; danach durften die meisten von ihnen wieder öffnen, aber erst, nachdem Experten der Regierung die Bücher geprüft und die jeweilige Bank für überlebensfähig erklärt hatten.

Geithner, Obama, Foto: Reuters

US-Finanzminister Geithner (li.) und Präsident Obama verordneten den Banken einen Stresstest. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Es war der Wendepunkt der Weltwirtschaftskrise in Amerika: Dank des staatlichen Gütesiegels konnte der Finanzsektor wieder Vertrauen gewinnen, das Kreditgeschäft begann sich zu normalisieren. Was für Roosevelt die Bankferien waren, das ist für Barack Obama der Stresstest. Zweieinhalb Monate lang hatten Experten des Finanzministeriums und der Notenbank Federal Reserve die Bücher der 19 größten Banken der Vereinigten Staaten geprüft.

Jetzt liegen die Ergebnisse vor. Die Regierung ordnet zwar nicht an, welches Institut bestehen bleibt und welches nicht, aber sie scheidet auf andere Weise die Starken von den Schwachen: Sie bestimmt, welche Bank wie viel Kapital braucht, um die Krise durchzustehen.

Neue Phase der Krisenpolitik

Die Belastungstests sind damit eine Wegscheide in zweierlei Hinsicht: Sie leiten eine neue Phase in der Krisenpolitik Washingtons ein und sie definieren für die meisten Banken klare Aufgaben.

Finanzminister Timothy Geithner und Notenbankchef Ben Bernanke haben dabei ein wichtiges Ziel bereits jetzt erreicht: Vertrauen zu schaffen. Allein schon das Wissen darüber, in welchen Bilanzen es Probleme gibt und in welchen nicht, ist heute ein Sicherheitsfaktor. Seit Beginn der Stresstests sind die Aktienkurse aller großen US-Banken deutlich gestiegen.

Die Papiere der Bank of America, der Instituts also, das den bei weitem höchsten Kapitalbedarf hat, legten um mehr als 140 Prozent zu. Die Kreditmärkte normalisieren sich; der Zins, den Banken untereinander berechnen, geht zurück. Einige Häuser bereiten sich darauf vor, das Kapital zurückzuzahlen, das sie im vergangenen Oktober von der Regierung bekommen haben.

Wichtige Resultate

Angesichts des ziemlich schlechten Starts, den das Bankenpaket von Finanzminister Geithner hatte, sind das wichtige, positive Resultate. Sie könnten tatsächlich die Wende in der Krise der amerikanischen Banken markieren, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Dass die Rezession nicht noch schlimmer wird, als bei den Stresstests unterstellt. Und dass es dem Präsidenten gelingt, notfalls vom Kongress noch mehr Geld für die Bankenrettung zu bekommen.

Und hier ist Vorsicht angebracht. Die Annahmen, die den Tests zugrunde liegen, sind nicht übermäßig pessimistisch. Einige Banken werden ihren Kapitalbedarf auf dem freien Markt decken können, andere werden die Einlagen, die der Staat bei ihnen bereits hat, in normale Stammaktien umwandeln. Manche aber werden neues Geld von der Regierung brauchen.

Von den 700 Milliarden Dollar, die ursprünglich für die Bankenrettung vorgesehen waren, sind noch 100 Milliarden übrig. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die US-Banken noch mindestens 275 Milliarden Dollar brauchen, um so mit Kapital ausgestattet zu sein wie vor der Krise. Die Zahlen geben eine Ahnung von dem, was der Regierung noch bevorsteht. Es wäre fatal, wenn sich herausstellen sollte, dass Geithner und Bernanke zu optimistisch waren. Fürs erste aber sind die USA auf dem Weg zur Lösung einen wichtigen Schritt weiter.

Leser empfehlen 

(SZ vom 08.05.2009/kaf/hgn)