Von A. Hagelüken und M. Koch

Protektionismus fatal: Deutschen Firmen entgehen Aufträge aus dem US-Konjunkturpaket, weil einheimische Produzenten bevorzugt werden.

Deutsche Firmen wie Siemens und Schott werden beim 800 Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket der USA ausgesperrt. Auch weltweit nimmt der Protektionismus zu und schürt die Angst vor einem globalen Handelskrieg, der die Wirtschaftskrise noch verschärfen würde.

US-Flagge, Deutschlandflagge, dpa

Deutsche Firmen werden beim milliardenschweren Konjunkturpaket der USA ausgesperrt. Das sorgt für Verstimmungen. (© Foto: dpa)

Anzeige

Demokratische Abgeordnete hatten Anfang des Jahres eine Buy-American-Vorschrift in das Konjunkturprogramm geschleust. Die Aufträge sollten bevorzugt an US-Firmen gehen. Nach internationalen Protesten intervenierte Präsident Barack Obama und versicherte, Amerika werde die Handelsverträge achten. Doch das Machtwort des Präsidenten ist verhallt.

Das Gesetz gewährt Städten, Gemeinden und Bundesstaaten großen Spielraum - und deutsche Unternehmen fühlen sich benachteiligt. "Es ist ein massives Problem", sagt Bernhard Welschke, oberster Repräsentant der deutschen Wirtschaft in Washington.

Furcht vor Nachteilen

Die meisten betroffenen Unternehmen wollen nicht namentlich genannt werden, aus Furcht vor weiteren Nachteilen. Bekannt ist der Fall des Glasspezialisten Schott, der sich Ende April für eine Ausschreibung des Energieministeriums bewarb, aber feststellte, dass nur US-Firmen zugelassen waren. Ausländische Unternehmen und sogar deren US-Töchter kamen nur als Subunternehmer in Frage. Deutsche Unternehmen wie der Siemens-Konzern haben insbesondere bei Investitionsprojekten von Bundesstaaten und Städten das Nachsehen.

Vertreter der deutschen Industrie haben das Kanzleramt in Berlin auf die Handelshürden aufmerksam gemacht. "Das Problem verselbständigt sich", klagt Welschke. Berichte über Diskriminierungen bei der Auftragsvergabe schrecken viele Firmen davon ab, die Mühe einer Bewerbung auf sich zu nehmen.

Die Beschwerden aus der Wirtschaft kommen zu einer Zeit, in der die Sorge um den freien Handel zunimmt, weil die Regierungen in der Rezession die eigenen Unternehmen vor Wettbewerbern schützen. Der weltweite Warenaustausch wird dieses Jahr nach allen Prognosen um mindestens ein Zehntel zurückgehen, so stark wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere in Nationen wie Deutschland, wo Exporte fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung stellen, sind deshalb viele Arbeitsplätze gefährdet.

Politischer Konflikt

Weil seit Ausbruch der Krise immer mehr Staaten ausländische Firmen behindern, droht der Handel noch mehr zu schrumpfen und die Rezession sich weiter zu verschärfen. Die Regierungschefs der 20 größten Industrienationen versprachen deshalb auf dem Weltfinanzgipfel Anfang April, diesen Protektionismus zu stoppen. Jetzt zeigt sich nach Ansicht vieler, wie wenig solche Versprechen wert sind.

Allein seit dem Gipfel gab es nach einer Studie der Welthandelsorganisation WTO 23 neue protektionistische Maßnahmen gegen andere Staaten, insgesamt sind es seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im vergangenen Herbst 90 neue Handelshürden. Die Nachteile für deutsche Firmen durch die Buy-American-Klausel sind also kein Einzelfall.

Die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre wurde stark durch Protektionismus erzeugt, der eine Kettenreaktion auslöst: Wenn ein Staat wie jetzt die USA ausländische Firmen diskriminiert, ziehen andere Regierungen nach. Kanadas Wirtschaftsverbände machen sich bereits für Strafmaßnahmen gegen US-Unternehmen stark. Neben deutschen beschweren sich auch britische Firmen über die Amerikaner. Damit dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis es zu einem politischen Konflikt kommt.

Leser empfehlen 

(SZ vom 08.06.2009/kaf)