USA Flucht in die Business-Klasse

Scott Pruitt, Chef der amerikanischen Umweltbehörde EPA, fliegt aus Angst vorm ,,Fußvolk" teuer.

Von Claus Hulverscheidt

In der wahrlich langen Geschichte der Politiker-Flugaffären hat es schon den ein oder anderen abenteuerlichen Versuch gegeben zu erklären, weshalb Minister A oder Behördenchef B nun unbedingt in der teuersten Klasse reisen musste oder es unzumutbar war, die Bahn zu nehmen. Die Begründung jedoch, die jetzt in den USA hinzugekommen ist, gab es so tatsächlich noch nicht: "Flucht vor dem Fußvolk" lautet sie zusammengefasst, und Hauptakteur ist ausgerechnet Scott Pruitt, Chef der Umweltbehörde EPA.

Schon seit letztem Sommer lässt sich Amerikas oberster Öko-Beauftragter stets in der Business- oder gar der Ersten Klasse chauffieren, wenn er per Flugzeug auf Dienstreise geht. Allein in den ersten Wochen liefen so Kosten von mehr als 90 000 Dollar auf - ein Betrag, der auch für Washingtoner Verhältnisse hoch ist und nun sogar Pruitts republikanische Parteifreunde aufgeschreckt hat: Trey Gowdy, Vorsitzender des Haushaltskontrollausschusses im Repräsentantenhaus, etwa forderte eine Liste aller Flugreisen an, die der EPA-Chef im ersten Amtsjahr unternommen hat. Und John Kennedy, republikanischer Senator aus Louisiana, sagte ungewöhnlich deutlich: "Mir wäre es peinlich, in ein Flugzeug zu steigen, mich in die Erste Klasse zu setzen - und dann laufen alle meine Wähler an mir vorbei und sehen mich."

Genau jene Wähler sind es jedoch, vor denen Pruitt offenbar geschützt werden muss. Mehrmals nämlich soll es auf Flughäfen zu unschönen Szenen gekommen sein: So hätten Mitreisende den Amtschef "angeschrien" und ihm "Obszönitäten" an den Kopf geworfen, sagte ein Behördenmitarbeiter dem Magazin Politico. In Atlanta sei ein Mann mit laufender Handy-Kamera auf den EPA-Chef zugegangen und habe gerufen: "Scott Pruitt, Sie versauen die Umwelt!" Schließlich wurde entschieden, dem Behördenchef derlei Zumutungen zu ersparen und ihn in eine andere Klasse zu versetzen - Nutzung der Warte-Lounge inklusive.

Pruitts Vorgänger waren meist in der Economy-Klasse gereist. Zudem verzichteten sie darauf, sich rund um die Uhr bewachen zu lassen. Dass sich die Dinge deutlich verändert haben, hängt auch mit anonymen Drohungen gegen Pruitt zusammen - vor allem aber mit der kontroversen Art, wie er sein Amt führt.

Vom ersten Tag an hatte der heute 49-Jährige deutlich gemacht, dass es ihm weniger um eine Ausweitung des Umweltschutzes als vielmehr darum geht, die Industrie von aus seiner Sicht unnötigen Auflagen zu befreien. Mittlerweile hat er Dutzende Vorschriften gelockert oder gar vollständig kassiert, darunter Bestimmungen zum Schadstoffausstoß von Kohlekraftwerken, zur Reinhaltung von Wasser und zum Schutz vor Chemieunfällen. Missliebige wissenschaftliche Artikel auf den Internetseiten der EPA wurden einfach beseitigt.

Zudem hat Pruitt damit begonnen, den Etat der Behörde deutlich zu senken und die Zahl der Beschäftigten von zuletzt 15 000 um ein Fünftel zu reduzieren. Dabei kommt er offenbar gut voran: Seit vergangenem Frühjahr haben mehr als 700 Mitarbeiter das Umweltamt verlassen, darunter viele Wissenschaftler. Die meisten Stellen sollen nicht neu besetzt werden. Ein Behördensprecher sagte, Pruitt habe es in wenigen Monaten geschafft, "mit weniger Mitteln mehr für die Umwelt zu tun" als seine Vorgänger.

In einem Interview meinte der EPA-Chef jüngst, es sei gar nicht klar, ob der Klimawandel "wirklich eine so schlechte Sache ist". Vielmehr zeige die Geschichte, dass sich die Menschheit in Phasen der Erderwärmung stets besonders gut entwickelt habe. Im Übrigen, so Pruitt, sei es "arrogant", den Menschen des Jahres 2100 schon heute vorschreiben zu wollen, "welche Erdtemperatur für sie ideal ist".