USA Amerikaner verlieren Angst vor der Revolution

In den Vereinigten Staaten wächst die Wut der Mittelschicht. Sie merkt: Wirtschaftswachstum bedeutet nicht mehr Wohlstandswachstum.

Von Claus Hulverscheidt, New York

"Bereit zur politischen Revolution?" Noch vor einiger Zeit hätte ein Präsidentschaftskandidat, der eine solche Frage stellt, den Wahlkampf beenden und sich zur Ruhe setzen können. Die Amerikaner mögen keine Revolutionen, wer sie predigt, gilt als Kommunist - und das ist auch heute noch ein veritables Schimpfwort.

Bernie Sanders ist mit genau dieser Frage angetreten, und nach vielen Monaten Wahlkampf ist er mitnichten abgeschlagen, sondern drauf und dran, der führenden demokratischen Präsidentschaftshoffnung Hillary Clinton noch einmal ordentlich auf die Pelle zu rücken. Selbst wenn er am Ende nicht nominiert wird - die politische Debatte hat er jetzt schon verändert. Es sei kein Wunder, so schrieb kürzlich das Wirtschaftsmagazin Fortune, dass die Demokraten ein solches Gewese um die wachsende Einkommensungleichheit im Land machten. Wenn aber auch die republikanischen Präsidentschaftsanwärter das Thema aufgriffen, "weiß man, dass es eins ist, das die Amerikaner wirklich bewegt".

0,1 Prozent haben genauso viel Vermögen wie die "ärmsten" 90 Prozent

Wie kommt es, dass viele US-Bürger die Angst vor der Revolution verloren haben? Dass Linke wie Rechte vom Umsturz träumen, dass Visionäre, Lautsprecher und Ideologen wie Sanders und die Republikaner Donald Trump und Ted Cruz den etablierten Kandidaten die Show stehlen?

Die Aufstiege des linken Sozialdemokraten Sanders wie der rechts-konservativen Tea Party und "ihrer" Kandidaten sind Ausdruck desselben Problems. Sanders schart die jungen Globalisierungsverlierer um sich, die die teuren Colleges mit Schulden in sechsstelliger Höhe verlassen, anders als früher aber keine gut bezahlten Jobs mehr finden, um die Verbindlichkeiten wieder abzutragen. Die Tea Party vereint die alten, vorwiegend weißen Globalisierungsverlierer, die lernen mussten, dass eine wachsende Wirtschaft nicht mehr automatisch wachsenden Wohlstand bedeutet.

Möglich wurden diese Veränderungen in der politischen Statik nur, weil sich auch in den USA Leistung und Verdienstmöglichkeiten voneinander entkoppelt haben. Bis Ende der 1970er-Jahre stiegen die Bezüge aller Amerikaner weitgehend parallel. Seither haben sich die Einkommen des reichsten einen Prozents verdreifacht, während die Mittelschicht ein Plus von lediglich 40 Prozent verbuchte. Heute verfügen die wohlhabendsten 0,1 Prozent der Bürger über genauso viel Vermögen wie die "ärmsten" 90 Prozent, unter den 20 reichsten Menschen der Welt sind 15 Amerikaner. Gesamtvermögen: 650 Milliarden Dollar.

Spitzensteuer- und der Kapitalertragsteuersatz sanken - die Lücke wuchs

Vor allem die untere Mittelschicht - das sind Menschen, die sich früher durchaus ein kleines Häuschen auf dem Land leisten konnten - kennt viele Absteiger. Gründe sind unter anderem Lohndruck durch Zuwanderung und Importe, der gesunkene Einfluss der Gewerkschaften sowie Strukturveränderungen in der Wirtschaft - weg von einfachen Fabriktätigkeiten, hin zu anspruchsvolleren Berufen in der IT-Industrie. Gleichzeitig sanken der Spitzensteuer- und der Kapitalertragsteuersatz - was die Wohlstandslücke weiter vergrößerte.

Immerhin: Zumindest bei den Steuern auf Vermögen müssen sich die USA im weltweiten Vergleich nicht verstecken: 10,7 Prozent trugen Grund-, Grunderwerb-, Erbschaft- und Schenkungsteuer zuletzt zum Gesamtsteueraufkommen bei. In Deutschland, nur zum Vergleich, waren es dürftige 2,4 Prozent.

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