US-Notenbank Fed Gefährliche Macht der Worte

Einfluss der Notenbanken auf die Börsen: Szene von der New York Stock Exchange

(Foto: AFP)

Es ist eine große und komische Rolle, die die Kommunikation zwischen Notenbanken und Finanzmärkten heute spielt. Die Börsen werden immer mehr durch Worte bewegt. Das birgt Gefahren.

Kommentar von Nikolaus Piper

Heutzutage werden die Börsen nicht mehr durch Fakten bewegt, sondern durch Worte. Oder durch fehlende Worte, wie am Mittwoch geschehen. Da tagte der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank Federal Reserve routinemäßig in Washington, hinterher veröffentlichten die zehn anwesenden Mitglieder eine Erklärung, wie immer. Nein, den Leitzins hat die Fed nicht erhöht, das hatte auch niemand erwartet. Entscheidend war, dass ein Satz fehlte, der noch in der Januar-Erklärung des Ausschusses gestanden hatte.

Dieser Satz lautet, in wunderbarer Fed-Sprache: "Basierend auf der gegenwärtigen Einschätzung glaubt der Ausschuss, geduldig sein zu können, ehe er den Trend der Geldpolitik normalisiert." Auch mit dessen Fehlen hatten die Märkte gerechnet, nicht jedoch damit, dass der Verzicht auf das Wort "geduldig" begleitet werden würde von einigen sehr vorsichtigen Bemerkungen zur gegenwärtigen Wirtschaftslage.

Fed-Präsidentin Janet Yellen erklärte auf der üblichen Pressekonferenz mit entwaffnender Unklarheit: "Dass wir das Wort ,geduldig' aus der Erklärung entfernt haben, bedeutet noch lange nicht, dass wir ungeduldig sind." Die Märkte schlossen daraus, dass die Zinserhöhung der Fed im Juni kommen kann, vielleicht aber auch erst im September. Sie nahmen das als ein gutes Zeichen und ließen den Dow Jones um 227 Punkte steigen.

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Das Spiel mit dem Wörtchen "geduldig" zeigt, welch große und zuweilen komische Rolle die Kommunikation zwischen den Notenbanken und den Finanzmärkten insgesamt heute spielt. Die Entwicklung ist alles andere als selbstverständlich. Es gab eine Zeit, da veröffentlichte die Fed weder Erklärungen noch offizielle Zinsbeschlüsse. Politiker waren ganz nonchalant im Umgang mit der Geldbehörde. Präsident Richard Nixon zu Beispiel sagte im Oktober 1971 am Telefon zum damaligen Fed-Chef Arthur Burns: "Ich möchte diese Stadt (Washington) nicht vorzeitig verlassen." Will sagen: Nixon wollte die Wahl im nächsten Jahr gewinnen und konnte dazu keine Rezession brauchen. Burns sollte die Zinsen senken, war er dann auch tat.

Der legendäre Alan Greenspan (im Amt von 1987 bis 2006) veröffentlichte zwar Zinsbeschlüsse, achtete aber im Übrigen darauf, dass ihn niemand so richtig verstand. Legendär sein in verschiedener Form überlieferter Satz: "Wenn ich Ihnen zu klar erscheine, dann müssen Sie mich falsch verstanden haben." Greenspans Nachfolger Ben Bernanke änderte den Kurs: Er wollte verstanden werden, weil er glaubte, dass die Finanzwelt stabiler ist, wenn man ihr unnötige Schocks erspart. Mit dieser Strategie steuerte Bernanke die Fed durch die Finanzkrise, letztlich erfolgreich. Die Erklärungen des Offenmarktausschusses, die einst nur aus ein paar Zeilen bestanden, wurden unterdessen immer länger und ähneln heute zuweilen kleineren Abhandlungen.

Janet Yellen, Nachfolgerin Bernankes, lieferte jetzt ihr Gesellenstück in Sachen Wortpolitik. Schon vor Tagen wurden die Märkte vorbereitet. Das Wall Street Journal berichtete exklusiv unter Berufung auf ungenannte Quellen, dass das Wort "geduldig" gestrichen werde und dass das sehr wichtig sein würde. Dann kam der Beschluss und der besagte Satz fehlte tatsächlich, gleichzeitig versuchte Yellen zu verhindern, dass sie wegen der Erwartung der Märkte bereits im Juni zu einer Zinserhöhung gezwungen sein würde.

Die Frage ist, wie weit kommt die Fed, kommen die Notenbanken insgesamt mit dieser Feinsteuerung durch Worte? Die größte Erfolgsgeschichte in dieser Hinsicht kommt nicht aus Washington, sondern aus Frankfurt. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, rettete den Euro 2012 mit seiner berühmten "Whatever It Takes"-Rede: Die EZB werde tun, "was immer notwendig ist", um die Währung zu stabilisieren versicherte er und fügte noch hinzu: "Glauben Sie mir, es wird genug sein." Die Märkte glaubten ihm, sie glauben ihm bis heute.

Das Risiko dabei ist, dass sich die Anleger ihrer Sache zu sicher fühlen. Sie glauben, es gebe keine Risiken mehr, wenn die mächtige Fed und die mächtige EZB sie schützen. Dabei können sie dann leicht übersehen, wie sich die Welt jenseits der Finanzmärkte verändert. Irgendwann kommt der Realitätsschock und vor dem können dann auch die Notenbanken mit ihrem ganzen Geld nicht mehr schützen. Niemand kann beziffern, bis zu welchem Grade das blinde Vertrauen der Börsen in Alan Greenspan den Ausbruch der Finanzkrise mit auslöste. Sicher ist nur: Yellen - und auch Draghi - sollten es mit der Beruhigung der Spekulanten nicht übertreiben.