Ein Kommentar von Moritz Koch

Die Kapitalvernichter GM und Chrysler rasen auf den Abgrund zu - und sind sich dennoch nicht zu schade, mehr monetären Brennstoff zu fordern.

Die Geschichte wiederholt sich und zwar mit ungeahntem Tempo. Die US-Autokonzerne General Motors und Chrysler sind wieder einmal praktisch pleite.

Anzeige

Keine zwei Monate nachdem sie sich ihr Überleben mit Milliardeninfusionen aus dem Staatshaushalt gesichert hatten, sind ihre Kapitalreserven erneut so gut wie aufgebraucht. Nun sollen weitere Kredite her. Aus Benzinsäufern sind Milliardenschlucker geworden.

So handelte es sich bei den Dokumenten, die die Konzerne am Dienstagabend nach Washington schickten, auch weniger um Sanierungspläne als um Bittschriften.

Die Frage, wie sie jemals wieder zu wettbewerbsfähigen Unternehmen werden wollen, haben die Konkurskandidaten nicht beantwortet. Selbst am Rande des Ruins konnten die Manager von GM und Chrysler ihren Arbeitern und Gläubigern kaum Zugeständnisse abringen.

Die Gewerkschaft UAW ist zwar grundsätzlich bereit, der Absenkung der Lohnzusatzkosten auf das Niveau der ausländischen Konkurrenz zuzustimmen.

Aber das Hauptproblem der immensen Belastung durch die Gesundheitsversicherung für Pensionäre besteht fort. Noch unnachgiebiger waren die Gläubiger. Eine Einigung über die Umwandlung von Anleihen in Aktien, wie von Washington gefordert, wurde nicht erzielt.

Selbsttäuschung - oder Täuschungsversuch

Die Kapitalvernichter GM und Chrysler rasen also weiter auf den Abgrund zu - und sind sich dennoch nicht zu schade, mehr monetären Brennstoff zu fordern. Spätestens jetzt muss allen Politikern in Washington klar sein: Detroit, die Heimat der Autoindustrie, ist ein Milliardengrab. Auch die Zulieferer rufen nach Staatshilfen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ford, der dritte US-Hersteller, in Washington die Hand aufhält.

Die Manager der Autohersteller behaupten, höhere Gewalt verderbe ihnen das Geschäft, erst das teure Öl, dann die Rezession. Daher sprechen sie gern von Überbrückungskrediten. Es gelte doch bloß, ein konjunkturelles Tal zu überwinden.

Ob es sich dabei um Selbsttäuschung oder einen Täuschungsversuch handelt, ist schwer zu sagen. Sicher ist: Die zunehmende Sparsamkeit der Amerikaner, ihr wachsendes Umweltbewusstsein, das Sterben der Vororte und die Wiederentdeckung der Innenstädte werden zu einer dauerhaft niedrigeren Autonachfrage in den USA führen. Für die alten Großen Drei ist kein Platz im neuen Amerika.

Ex-Präsident George W. Bush hat seinem Nachfolger Barack Obama das Detroit-Desaster vererbt. Er war es, der den Konzernen die ersten 17,4 Milliarden Dollar zuschanzte, um ihnen ein paar Wochen Zeit zu kaufen. Obama darf diesen Fehler nicht wiederholen. Sonst wird im Sommer die nächste Milliardenüberweisung nach Detroit fällig.

Die amerikanische Autoindustrie kann nur überleben, wenn sie kleiner und innovationsfreudiger wird. Ein sorgsam vorbereiteter Insolvenzprozess ist die beste Chance auf einen solchen Neubeginn.

Die Manager von GM und Chrysler haben ihr Unvermögen lange genug unter Beweis gestellt. Der Gläubigerschutz erlaubt es, die Chefs zu feuern, Tarifverträge neu auszuhandeln und Schulden umzuschichten.

Auch der Konkurs wird Geld kosten. 30 Milliarden Dollar allein bei GM. Aber er vervielfacht die Chance, dass die Geschichte aufhört, sich zu wiederholen, und die Steuerzahler ihr Geld zurückbekommen, eines Tages.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/hgn/mel)