Ein Kommentar von Nikolaus Piper

General Motors, Ford und Chrysler: Die angezählten amerikanischen Auto-Konzerne sind nur zu retten, wenn die alten Strukturen untergehen.

Die Zahlen sind furchterregend. Normalerweise beginnen Autokonzerne schon zu klagen, wenn der Absatz einmal um zehn Prozent einbricht. Im vergangenen Monat hat die amerikanische Autoindustrie 40 Prozent weniger Wagen verkauft. General Motors, der einst mächtigste Autokonzern der Welt, braucht vier Milliarden Dollar vom Staat, nur um bis Weihnachten seine Arbeiter bezahlen zu können. Insgesamt fordern die drei Konzerne aus Detroit - GM, Ford und Chrysler - 34 Milliarden Dollar, um mittelfristig eine Insolvenz abzuwenden.

Spritschluckende Fahrzeuge finden in den USA keine Käufer mehr. (© Foto: AP)

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Weltweit steckt die Autoindustrie in einer tiefen Krise, vermutlich der schwersten seit dem Zweiten Weltkrieg. Es ist so, also hätten die Verbraucher aus Furcht vor der Zukunft plötzlich kollektiv beschlossen, keine Autos mehr zu kaufen. Die Aussage ist zwar übertrieben, aber nur ein bisschen. Die beispiellose Lage erfordert Konsequenzen, und dabei gibt es drei Dimensionen: eine konjunkturpolitische, eine strukturelle, und eine speziell amerikanische.

Konjunkturpolitisch ist der Einbruch des Autoabsatzes der jüngste und dramatischste Ausdruck der Weltrezession. Er belegt, dass die Regierungen in den Industriestaaten und in China schnell, entschlossen und koordiniert Konjunkturprogramme beschließen müssen. Besonders für Deutschland wäre dies elementar, schließlich tragen VW, Daimler, BMW & Co, neben dem Maschinenbau den Export der Bundesrepublik.

Strukturell geht es darum, dass die Autoindustrie sich an die neuen globalen Knappheiten anpassen muss. Niemand sollte sich täuschen lassen: Benzin ist derzeit wegen der Rezession sehr billig, aber die Preise werden wieder steigen, sobald sich die Lage bessert. China mit seinem Rohstoffhunger wird nicht von den Weltmärkten verschwinden. Besonders US- Autos müssen energieeffizienter werden aber auch deutsche; sie sind im internationalen Vergleich zwar Meisterwerke der Ingenieurkunst, aber eben auch teuer und nicht sehr energiesparend.

Die akuteste Dimension des Problems aber ist der Kollaps Detroits. Konkret geht es um die Frage: Soll die US-Regierung GM, Ford und Chrysler untergehen lassen oder nicht? Die entscheidenden Beratungen dazu finden am Donnerstag und Freitag im Kongress statt, bis Montag soll ein Gesetz über mögliche Staatshilfen vorliegen; der künftige Präsident Barack Obama wird dazu eine Entscheidung treffen müssen, noch eher im Amt ist. Fest steht: Regierung und Kongress dürfen die drei Konzerne nicht einfach weiter machen lassen wie bisher. Ihre Geschichte ist eine der Ignoranz, des Missmanagements und der verpassten Chancen. Symbol des kollektiven Versagens sind die benzinfressenden Geländewagen, die jetzt überall unverkäufliche bei den Autohändlern in den USA herumstehen. Die Autos, die in Detroit heute gebaut werden, braucht man einfach nicht mehr. Klar ist aber auch, dass Obama und die Demokraten Detroit nicht einfach sterben lassen können, die Folgen wären im gegenwärtigen Abwärtsstrudel der Wirtschaft unkalkulierbar.

Tröstlich ist nur, dass sich die Alternative Zusammenbruch oder Rettung so scharf nicht stellt. GM (bei Ford und Chrysler ist die Lage noch nicht so eindeutig) könnte Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Konkursrechts beantragen. Dies wird häufig mit "Pleite" übersetzt, hat aber nur eingeschränkt etwas mit einer deutschen Insolvenz zu tun. Das Management bleibt im Amt und kann Verträge mit Schuldnern und Gewerkschaften neu aushandeln, die Regierung kann direkte Auflagen machen. Dies wäre ein klarer Einschnitt und ein Bruch mit der Vergangenheit. Erst danach sollte Washington mit Hilfen bereit stehen. Es ist unwahrscheinlich, dass es am Ende des Prozesses noch drei US-Autokonzerne geben wird. Die USA haben aber die Chance, einen Kern der Industrie zu erhalten, wenn sie jetzt nicht zu viel Geld in die alten Strukturen stecken.

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(SZ vom 04.12.2008/mel)