Uranfirma Urenco Bieterkampf um den Schlüssel zur Atombombe

Möglichst diskret wollen die Energiekonzerne Eon und RWE ihre Anteile an der Uranfirma Urenco verkaufen. Es stehen nicht nur seriöse Interessenten Schlange. Geheimdienste sind alarmiert.

Von Markus Balser, Berlin

Die letzte Bastion der Atombranche in Deutschland steht nur einen Steinwurf von der niederländischen Grenze entfernt. Moore, Wassertürme, ein Tierpark in der Nachbarschaft - die streng gesicherte Fabrik von Urenco wirkt am Rande der westfälischen Kleinstadt Gronau wie ein falsch geparktes Raumschiff. Nur ein winziges Logo verrät, worum es jenseits der Sicherheitsschleusen geht: "Enriching the Future - die Zukunft anreichern".

Hinter der Pforte öffnet sich Besuchern das weitläufige Areal einer nuklearen Weltmacht. In großen Hallen macht der Konzern hier seit 1985 aus Natur-Uran strahlenden Brennstoff für Atomkraftwerke. Mit einem Weltmarktanteil von 31 Prozent gehört das deutsch-niederländisch-britische Unternehmen zu den wichtigsten Ausstattern der Anlagen. Unbemerkt von der Öffentlichkeit sorgt Urenco damit dafür, dass Deutschland weiter eine wichtige Rolle in der Kernkraft spielen könnte - auch über den Ausstieg 2023 hinaus.

Doch mit der Verschwiegenheit dürfte es in der westfälischen Provinz bald vorbei sein. Geheimdienste, Spitzenpolitiker, Hedgefonds und selbst Schurkenstaaten interessieren sich in diesen Tagen gleichermaßen für die Firma, die neben der in Gronau noch Anlagen in den Niederlanden, Großbritannien und den USA betreibt. Der Grund: Die Eigentümer, je zu einem Drittel die deutschen Versorger RWE und Eon, Großbritannien und die Niederlande, wollen die Firma an Investoren verkaufen - ein Angebot, wie es im globalen Firmen-Monopoly nicht alle Tage auftaucht. Urenco verfügt über höchst sensibles Wissen: den Schlüssel zur Atombombe.

Von einem Kaufpreis von bis zu zehn Milliarden Euro ist die Rede

Wer ein paar Milliarden lockermachen kann, darf bis Ende Dezember mitbieten, wenn Staaten und Konzerne einen neuen Investor suchen. Unmöglich? Investmentbanken sehen das anders. Gerade wurden Interessenten um Gebote bis Jahresende gebeten. Wie es heißt, wolle man zunächst das Interesse am Markt ausloten. Von einem erhofften Kaufpreis von bis zu zehn Milliarden Euro ist die Rede. Für Fachleute ein Schreckensszenario: "Zum Verkauf steht der einfachste Weg zur Atombombe", sagt Michael Sailer vom Öko-Institut in Darmstadt, der die Bundesregierung als Chef der Entsorgungskommission und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission berät.

Finanzkreisen zufolge ist die Liste der Interessenten bereits so lang wie die seriöser und unseriöser Atomfans aus aller Welt. Neben dem kanadischen Uranhändler Cameco, dem japanisch-britischen Anlagenbauer Toshiba Westinghouse und Areva aus Frankreich werden Hedge- und Investmentfonds wie KKR, Blackstone oder Apax gehandelt. Auch in Hongkong, Indien und dem Nahen Osten soll man ein Auge auf die Firma geworfen haben. Von möglicherweise fragwürdigen Milliardären und Staaten ist die Rede.

Wer mehr über die Firma erfahren will, bekommt in Gronau eine Ahnung von der Kraft des Urenco-Knowhows. Wie bei einer Salatschleuder befördern Spezialisten Uranmoleküle in den mehrere Meter langen und zwanzig Zentimeter breiten Zentrifugen in bis zu tausend Umdrehungen pro Sekunde an den Rand der Röhren. In der Mitte saugen sie seltene Uran235-Isotope ab. Hunderte dieser Zentrifugen werden zu sogenannten Kaskaden zusammengeschaltet. So entsteht angereichertes Uran für Brennelemente. Wiederholt man den Prozess nur oft genug, wird daraus strahlendes Material zum Bombenbau.