Ein Kommentar von Ulrich Schäfer

Wenn der Staat einem Unternehmen hilft, muss er jedem helfen - es geht immer um Arbeitsplätze.

Der Vertrag von Maastricht enthält allerlei Kriterien, nach denen die Politiker in Europa entscheiden, ob ein Land der Währungsunion beitreten darf. Doch am Ende zählte nur eines: Wie viel neue Schulden macht ein Staat? Höchstens drei Prozent pro Jahr sind erlaubt. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel brachte das sogenannte Maastricht-Kritierium einmal auf die eingängige Formel: "3,0 ist 3,0 ist 3,0."

Opel, dpa

Der Bund sucht einen Investor für Opel - das Unternehmen ist nicht durch die Finanzkrise in Not geraten. (© Foto: dpa)

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Ganz ähnlich verhält es sich nun beim Wirtschaftsfonds Deutschland, einem Paket aus Bürgschaften und Krediten, mit dem die Bundesregierung das Überleben deutscher Unternehmen sicherstellen will. Mit 115 Milliarden Euro ist dieser Rettungsfonds dotiert, und die Regierung hat einen länglichen Katalog mit Kriterien erstellt, nach denen sie die Hilfe vergeben will. Doch am Ende zählt, frei nach Waigel, nur ein einziges Kriterium: Ein Arbeitsplatz ist ein Arbeitsplatz ist ein Arbeitsplatz. Und 25.000 Arbeitsplätze, wie bei Opel, sind nun mal 25.000 Arbeitsplätze. Alle anderen Kriterien sind in Wahrheit unwichtig - auch wenn die Handelnden in Berlin dies gerade bestreiten.

Sie tun so, als zähle allein, ob ein Unternehmen durch die Finanzkrise in Not geraten sei; als entscheidender Stichtag gilt dabei der 1. Juli 2008. Dies ist ein fadenscheiniges Kriterium. Denn zum einen begann die Finanzkrise nicht erst im Sommer 2008, sondern mehr als ein Jahr zuvor. Zum anderen lässt sich nicht klar unterscheiden zwischen Unternehmen, die sich verzockt haben, also Porsche oder Schaeffler, und solchen, die angeblich den Zockern an den Finanzmärkten zum Opfer gefallen sind, also Heidelberger Druckmaschinen.

So leidet Opel auch nur zu einem geringen Teil deswegen, weil seit dem Ausbruch der Krise weniger Astras oder Corsas verkauft werden. Und der Autobauer ist auch nicht erst seit einem dreiviertel Jahr in Not. Die Krise bei Opel und seinem Mutterkonzern General Motors ist vor allem hausgemacht, also eine Folge falscher Produkte; sie wurde zudem dadurch beschleunigt, dass es seit Jahren zu viele Autohersteller auf der Welt gibt.

Mit den Verwerfungen an den Finanzmärkten hat der Niedergang also wenig zu tun. Doch Opel besitzt vier Fabriken in vier Bundesländern - und damit ein gewisses Erpressungspotential. Am Ende dürfte die Regierung dem Druck nachgeben und - auch wenn sich der Bundeswirtschaftsminister noch sträubt - Milliarden bewilligen. Karl-Theodor zu Guttenberg ahnt wohl, dass der Staat sich gerade in eine gefährliche Zwangslage begibt: Wenn er einem Unternehmen hilft, muss er jedem helfen; wenn er in Rüsselsheim und Bochum Tausende von Jobs rettet, muss er dies anderswo ebenfalls tun. Opel ist dann überall.

Die Firmenchefs werden deshalb in Berlin weiter um Hilfen betteln - auch jene, die ihre Unternehmen durch eigene Fehler ruiniert haben. Am Ende werden auch Betriebe Geld vom Staat erhalten, deren Manager Versager sind und die eigentlich keine Zukunft mehr haben.

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(SZ vom 26.05.2009/mel)