Unruhen wegen Arbeitslosigkeit UN-Organisation warnt vor dem Knall in Europa

Weil die sozialen Spannungen stetig zunehmen, warnt die Weltarbeitsorganisation vor Unruhen in Europa. Arbeitslosigkeit und der Zusammenbruch des Vertrauens in die Mächtigen werden in der Krise zum explosiven Gemisch. Deutschland ist hier positive Ausnahme - teilweise.

Von Jannis Brühl

Schon der Titel zeigt an, dass etwas zerfetzt, kaputtgemacht wurde. "Soziales und wirtschaftliches Gewebe reparieren" hat die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) ihren Jahresbericht zum Arbeitsmarkt in diesem Jahr genannt (PDF). Das Fazit der Autoren zeigt, wie die Krise weltweit die Gleichgewichte verschoben hat. Aus Entwicklungsländern und armen Staaten kommen Hoffnungszeichen, für Europa warnt die ILO gar vor sozialen Unruhen. Dass Risiko von Krawallen aus Hoffnungslosigkeit sei "eine der größten globalen Herausforderungen in den kommenden Jahren".

Die ILO schätzt die Gefahr von Gewaltausbrüchen anhand von Faktoren wie Arbeitsmarktlage, Lebensstandard und Vertrauen in die Politik. Für die EU ist der daraus errechnete Index seit 2006 von durchschnittlich 34 Prozent auf 46 Prozent gestiegen. Dazu haben der Organisation zufolge maßgeblich die drastischen Kürzungen im Rahmen der Sparprogramme beigetragen. Die Euro-Zone befindet sich seit Ende 2011 in einer Rezession. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als zwölf Prozent - die Jugendarbeitslosigkeit auf einem Wert von fast 24 Prozent. Seit Kurzem ist die Jugendarbeitslosigkeit Chefsache, zumindest in Verlautbarungen europäischer Politiker.

Wenn die Politik nichts unternehme, werde die Zahl der Menschen ohne Job weltweit bis 2015 um acht Millionen auf 208 Millionen steigen, sagt die Organisation voraus. Allein in den 27 EU-Ländern fehlen sechs Millionen neue Jobs, nur um wieder das Niveau vor der Krise zu erreichen.

Die Spannungen belasten auch Staaten, die bis zur Krise als stabil galten, wie Zypern, Italien und Tschechien. Die Gefahr von Unruhen steige besonders in Südeuropa, Südasien und den arabischen Ländern, während sie in Lateinamerika und sogar dem südlichen Afrika zurückgehe.

In Europa dagegen schrumpfe die Mittelschicht. Das ist in den Worten von Raymond Torres, Leiters des ILO-Instituts für Arbeitsmarktstudien "nicht nur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer besorgniserregende Entwicklung, sondern auch aus ökonomischen Gründen". Unternehmen würden sich eher für langfristige Investitionen in einem Land entscheiden, wenn ihnen dort eine stabile Mittelschicht als Konsumenten zur Verfügung stehe.

Innerhalb der EU differenziert die ILO. Während Südeuropa als gefährdet gilt, ist Deutschland stabile Ausnahme. Zwischen 2007 und 2012 seien in der Bundesrepublik mehr als zwei Millionen neue Jobs geschaffen worden - verglichen mit 2,7 Millionen Jobs, die in der EU verlorengegangen seien.

Doch in Deutschland gelte in Bezug auf Arbeitsplätze Quantität statt Qualität, schreibt die ILO: "So nahm in den vergangenen Jahren die Häufigkeit von Leiharbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit zu. Der Niedriglohnsektor ist trotz rückläufiger Arbeitslosigkeit nicht geschrumpft." Dieser "Niedriglohnfalle" gelte es zu entkommen, "ausgewogene Einkommenszuwächse" seien nötig. Denn nur wenn deutsche Angestellte genug Geld zum konsumieren hätten, steige auch die Binnennachfrage - jene Schwäche der deutschen Wirtschaft, die so im Widerspruch zu den Exporterfolgen steht.