Unruhen in Libyen Angst vor einer neuen Ölkrise

Die internationale Energie-Agentur schlägt Alarm: Falls die Unruhen in Libyen auf weitere Staaten im arabischen Raum übergreifen, ist Europas Versorgung mit Öl gefährdet.

Von A. Oldag und K.-H. Büschemann

Die Unruhen in Libyen treiben den Ölpreis auf neue Höhen. An den Rohstoffmärkten wächst die Furcht, dass eine Ausbreitung der gewaltsamen Proteste in Nordafrika und dem Nahen Osten zu einer Einschränkung der Ölversorgung führen könnte. Dies hätte dramatische Folgen für die Weltwirtschaft, die sich gerade von der Finanz- und Wirtschaftskrise erholt.

Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der für Europa wichtigsten Öl-Sorte Brent stieg in London am Mittwoch auf 107,10 Dollar, den höchsten Preis seit gut zweieinhalb Jahren. Rohöl der Sorte WTI notierte bei 95,97 Dollar. Im Gegensatz zu Ägypten gehört Libyen zu den großen Ölproduzenten der Welt. Es steht weltweit auf dem neunten Platz der Rangliste der Ölreserven.

Libysches Öl gilt als sehr hochwertig. Zudem ist das Land für Europa ein wichtiger Gaslieferant. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sagte am Dienstag, er sehe derzeit keine Gefahr für den Ölnachschub in Deutschland. Libyen habe mit circa sieben Prozent einen eher geringen Anteil am deutschen Ölimport, erklärte Brüderle. Zudem habe das Land Ölreserven für 90 Tage.

Der Chefvolkswirt der Internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol, warnte vor weiter steigenden Ölpreisen, wenn sich die Unruhen in der arabischen Welt ausbreiteten. "Die Ölpreise sind eine ernste Gefahr für die weltweite Konjunktur", sagte Birol. Noch ist nicht vergessen, dass die Weltwirtschaft 2008 eine so starke Dynamik hatte, dass der Ölpreis auf fast 150 Dollar je Barrel stieg und die globale Konjunktur einbrach.

Der dramatische Rückgang des weltwirtschaftlichen Wachstums im Krisenjahr 2009 um etwa 15 Prozent ging nach Berechnungen des Ifo-Insituts zu etwa drei Prozentpunkte auf Kosten des Ölpreises. "Ein hoher Ölpreis bremst den Aufschwung", sagt Ifo-Konjunkturforscher Kai Carstensen. Noch sei die Gefahr gering. Aber sollte der Preis auf das Niveau von 2008 steigen, "würde er den Aufschwung abwürgen". Für Carsten Brzeski von ING-Diba Bank ist bei einem Ölpreis von 120 Dollar je Barrel "ein längeres deutsches Wirtschaftswachstum gefährdet".

Opec verfügt über große Reservekapazitäten

Ökonomen der Deutschen Bank erwarten nicht, dass der Ölpreis trotz der Arabienkrise auf Dauer über 100 Dollar je Barrel steigen wird. Wirtschaftsminister Brüderle sieht durch die Unruhen in Nordafrika vorerst keine dramatischen Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft. "Das glaube ich nicht", antwortete der Minister auf die Frage, ob steigende Energiepreise seine Wachstumsprognose 2011 für Deutschland von 2,3 Prozent erschüttern.

Am Rande einer Energiekonferenz kamen Opec-Delegierte zusammen, um die Auswirkungen der Libyen-Krise zu beraten. Wie es aus Opec- Kreisen hieß, sei derzeit nicht mit einem Lieferengpass zu rechnen. Außerdem könne sogar ein Totalausfall Libyens durch die Reservekapazitäten der Organisation in Höhe von etwa fünf Million Barrel pro Tag derzeit relativ problemlos ausgeglichen werden.

Analysten weisen jedoch darauf hin, dass diese Reserve-Kapazitäten bereits in den vergangenen Monaten durch die weltweit starke Nachfrage erheblich gesunken sind. Wenn zudem weitere Opec-Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder sogar Saudi-Arabien infolge politischer Unruhen als Anbieter ausfallen, könnte die Welt rasch am Rande einer Versorgungskrise stehen.

Erpresserische Preispolitik

Noch ist es in Saudi-Arabien mit den weltweit größten Ölreserven zwar ruhig. Doch an den Märkten wird ein Domino-Effekt befürchtet, falls nach Tunesien, Ägypten, Bahrain und Libyen die gesamte Region von Unruhen und Bürgerkriegen erfasst wird. Eine Achillesferse für die internationale Ölversorgung ist auch das dichte Netz von Öl-Pipelines im Nahen Osten ebenso wie der Suezkanal, durch den erhebliche Mengen Öl nach Europa transportiert werden.

Die zwölf Opec-Mitgliedsstaaten kontrollieren knapp 45 Prozent der Welterdölproduktion und verfügen über etwa 80 Prozent der Erdölreserven. Saudi-Arabien als Schwergewicht in der Opec hat wiederholt deutlich gemacht, dass eine Preisspanne zwischen 70 und 80 Dollar erstrebenswert ist.

Hardliner in der Organisation wie Iran und Venezuela pochen auf einen weit höheren Ölpreis. Diese Länder könnten jetzt die Libyen-Krise nutzen, um ihre erpresserische Preispolitik durchzusetzen. Analysten halten in diesem Fall einen Anstieg des Ölpreises auf bis zu 150 Dollar für möglich.

Indes ziehen sich viele Ölkonzerne aus Libyen zurück. Der britische Energiekonzern BP hat bereits einen Teil seines Personals abgezogen. Die Briten wollen in die Erschließung neuer Quellen investieren. Vorgesehen sind auch Tiefseebohrungen vor der libyschen Küste. Der italienische Energiekonzern ENI, die österreichische OMV und das spanische Unternehmen Repsol-YPF haben ebenfalls begonnen, Mitarbeiter auszufliegen.