Ungarns Regierung nutzt den Giftunfall in einer Aluminiumfabrik, um sich heimlich den Zugriff auf die Wirtschaft zu sichern. Zwar ist der nur in Notfällen erlaubt - doch die werden nicht definiert. Der Staat hat also völlig freie Hand.
Im ätzenden Rotschlamm der ungarischen Magyar Aluminium Rt., kurz MAL, sind beim Bersten eines morschen Rückhaltebeckens für Bauxitschlamm der Aluminiumproduktion nicht nur zehn Menschen gestorben sowie das Dorf Kolontár und fünf andere Orte untergegangen. In dem giftroten Strudel ist gleichzeitig auch die letzte Souveränität der ungarischen Wirtschaft mit abgesoffen. Ohne dass man groß davon Notiz genommen hätte.
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Der Chemieunfall eines Aluminiumkonzerns reichte für die ungarische Regierung aus, den letzten Rest der Souveränität ihrer Unternehmen aufzuheben. (© dpa)
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Im Schatten der Erregung über die "größte Umweltkatastrophe in der ungarischen Geschichte", so Budapester Politiker, hat sich Ungarns Regierung absolute Durchgriffsrechte genehmigt und die Kontrollmöglichkeiten des Verfassungsgerichts drastisch beschnitten. Unter dem Beifall des breiten Publikums hatte die Regierung in Budapest das Aluminiumwerk im westungarischen Ajka nach dem gespenstischen Unfall unter Staatskuratel gestellt. Die Zwei-Drittel-Mehrheit hinter Premier Viktor Orban verabschiedete ein Gesetz, das dies erlaubt.
Dieses Gesetz, das der Bund der Jungen Demokraten (Fidesz) und die winzige Christlich-Demokratische Volkspartei (KDNP) auch bei Widerstand mit ihrer überwältigenden Majorität durchgebracht hätten, ist kein Wirtschaftsgesetz, sondern eine Novelle der Notstandsgesetzgebung. Im Verteidigungsfall, im Fall äußerer Bedrohung, des allgemeinen Notstands und schwerer Gefahren für die Umwelt Ungarns ist es der Regierung erlaubt, jeden Wirtschaftsbetrieb unter Staatsaufsicht zu stellen.
Ähnliche Bestimmungen haben viele Länder. Das Bemerkenswerte aber an dem ungarischen Gesetz: Es gibt keinerlei Definitionen, wann so ein Notstandsfall für Staat oder Umwelt eintritt, und es gibt keine Bestimmungen, wie und unter welchen Kriterien die Entscheidung gefällt wird, welches Unternehmen unter öffentliche Aufsicht gestellt wird und wer das kontrolliert. Die Regierung hat völlig freie Hand, zusammengefasst kann man das als ein Ermächtigungsgesetz bezeichnen.
Wegen des konkreten Falles hat die breite Öffentlichkeit den Schritt begrüßt. Befürchtungen, die Aluminiumwerke in Ajka könnten sich aus der Verantwortung stehlen, hatte Premier Orban geäußert: Es gelte, die Ansprüche der Betroffenen auf Schadenersatz aus dem Vermögen der MAL zu sichern. Dass im selben Augenblick damit der Regierung Zugriff auf alles Wirken und Werden im Lande erlaubt wird, ist niemandem wirklich aufgefallen.
Die Regierung Orban verfolgt ideell einen antiquierten nationalen Antikapitalismus. In diesem Rahmen bekommt das Gesetz seine besondere Brisanz, da die Wahlkampfpropaganda der jetzigen Mehrheit immer gegen eine diffuse "ausländische" Dominanz der magyarischen Wirtschaft gewettert hatte. In diesem Sinne verweigerte das Land, das im Verein mit EU und Internationalem Währungsfonds erst 2009 vor dem Staatsbankrott gerettet worden war, dem IWF die Befolgung seiner rigiden Sparvorgaben. Nach längerer Funkstille redet man nun immerhin wieder miteinander.
Verfassungsgericht entmachtet
In Geld- und Wirtschaftssachen hat die ungarische Regierung erst am Mittwoch entscheidend an Macht dazugewonnen. Das Parlament beschloss die radikale Beschneidung der Rechte des Verfassungsgerichts. Die obersten Verfassungshüter werden sich niemals mehr mit Haushalt, Steuern und Abgaben befassen dürfen, es sei denn, fundamentale Werte wie das Recht auf Leben, die Menschenwürde und die persönliche Freiheit sind berührt.
Der Hintergrund: Das Verfassungsgericht hat eines der rasant verabschiedeten Gesetze kassiert, das Abfindungen für Bedienstete von staatlichen oder staatsnahen Betrieben rückwirkend von Anfang 2010 an mit 98 Prozent besteuert, wenn sie zwei Millionen Forint (etwa 7300 Euro) übersteigen. Die Bevölkerung schätzt diese Maßnahme, weil damit die Manager getroffen werden, die noch in den letzten Monaten der abgewählten, von den Sozialisten getragenen Regierung saftige Abfindungen eingestrichen hatten.
Das Verfassungsgericht monierte, dass damit auch vielen kleinen Lehrern und Beamten, die als Minimalverdiener auf ihre Abfindungen angewiesen sind, ein wesentlicher Teil ihrer Lebensleistung weggenommen würde. Dies, zumal die Regierung auch ein Gesetz erlassen hat, das die Entlassung eines jeden Staatsbediensteten binnen zweier Monate ohne Begründung erlaubt.
Fidesz hat nun einen Gesetzestext vorgelegt, der den Bedenken der Verfassungsrichter Rechnung trägt, die Rückwirkung jedoch sogar bis auf das Jahr 2005 ausdehnt, und der am kommenden Montag beschlossen werden soll. Zugleich aber kastriert man das Verfassungsgericht, um ihm künftig Urteile über solche Gesetze zu verbieten. Die Abstimmung ist ebenfalls Montag. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
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(SZ vom 11.11.2010/kst)
Sorry, Herr Frank, Sie sind ja schließlich nicht der ungarische Imagebeauftragte.
im neuen Ungarn. Siehe Lendvai
Den grandiosen Schönredner Nescius würde ich ja auch zu gerne fragen, was denn an Ungarn noch gutes zu finden ist. Das neue gleichgeschaltete Pressegesetz? Das abgeschaltete Verfassungsgericht? Die bald folgende neue "Verfassung" als Donaumonarchie und Möchtegern-Großungarn? Die hysterischen Anfälle nationaler Großmannssucht? Die chicen Großungarn-Taxis?Die politische Kultur, die man in zwei Wörtern zusammenfassen kann: Abgrundtiefer Hass (der wesentlich vom großen Vorsitzenden Orban geschürt wurde und wird)? Das bigotte und heuchlerische Christengerede? (Liebe deinen Nächsten, aber nur wenn er "wahrer Ungar" ist und kein Sozialist, Liberaler, Jude, Zigeuner, Slowake, Rumäne etc etc pp.)
Ganz ehrlich, als Halbungar, der wirklich absolut fassungslos auf seine zweite Heimat starrt, gibt es außer den schönen Momenten bei der halbwegs normalen Verwandschaft nichts mehr, was dieses Land noch halbwegs sympathisch erscheinen lässt.
es ist ja in der Tat Besorgnis erregend, wie Orbán jetzt die Verfassung und die demokratischen Institutionen nach seiner Pfeife tanzen lässt, und da gibt es auch nichts zu beschönigen noch totzuschweigen.
Ich verstehe die – oft in ihrem Patriotismus verletzten – Kritiker aber doch ein wenig, denn leider kommt Ungarn in der SZ fast durchweg im Zusammenhang mit derart negativen Schlagzeilen vor. Anders als in deutschsprachigen Lokalblättern Ungarns, wie etwa dem Pester Lloyd, die ebenfalls die Dinge ungeschönt ansprechen, aber dennoch auch die sonstige Vielfalt des Landes thematisch entgegensetzen können, bleiben dem SZ-Leser, der sonst keinen Zugang zu Ungarn hat, nur diese skandalösen Versatzstücke im Zusammenhang mit Ungarn im Gedächtnis haften. Aber dies wird dem Land und der Mehrheit seiner Menschen so nicht gerecht.
Sieht man sich die Titel Ihrer letzte Beiträge an („Talent zur Angstmache“/“Im Giftland“/“Totes Land“/“Rote Flut“/“Angst vor der nächsten Welle“/“Das vermeidbare Martyrium“/“Hasse deinen Nächsten“), so lässt dies vielleicht eine gewisse Tendenz erkennen, durch konsequente Erhöhung des Negativen die Aufmerksamkeit der Leser zu erreichen. Als Stilmittel mag dies funktionieren, aber ob guter Journalismus auch einseitig sein und manipulieren muss? Anders gefragt, würden Sie später auch eine durchaus positive Entwicklung in Ungarn – hoffentlich noch nicht ganz auszuschließen – mit der gleichen Leidenschaft beschreiben? Oder eher nicht, weil sich der allgemeine Leser dafür einfach nicht interessiert?
mit Herrn Lendvai in Wien auf einen Kaffe ? Ob Ungarische Staatsoper, Orbán, rassismus....usw scheinen Sie und die SZ "bestens" informiert zu sein, leider haben Sie und Lendvai & Co. in den o.g. Zeitraum über Ihre Sozial-Liberalen lieblinge kein einziges kritisches Wort geschrieben.
Aber keine Angst es gibt (noch) Internetseiten, die die Wahrheit Ihre Artikel und von Lendvai & Co. noch ktitisch beurteilen :
http://hungarianvoice.wordpress.com/2010/05/01/michael-frank-uber-ungarn-rausreisen-zerknullen-wegwerfen/
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