Umweltschützer "Keine Smartphones"

Christoph Bals, 56, ist seit 2005 Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Er hat Theologie, VWL und Philosophie in München, Belfast, Erfurt sowie Bamberg studiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Veteran aus der Umweltschützerszene erinnert sich an die ersten Konferenzen zum Klimaschutz.

Interview von Marco Völklein

Christoph Bals von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch hat alle großen Klimakonferenzen seit 1995 mitgemacht. Im Interview erinnert er sich an die Anfänge und erste Durchbrüche.

SZ: Herr Bals, wie war das beim ersten Klimagipfel 1995 in Berlin?

Christoph Bals: Die Konferenz war nicht klein und beschaulich, aber sie war deutlich kleiner als heute. Ich schätze, es waren 6000 bis 8000 Teilnehmer, die Sicherheitsvorkehrungen waren längst nicht so umfangreich. Und es gab keine Smartphones.

Das macht einen Unterschied?

Ja. Damals konnte man noch beobachten, wie zum Beispiel die Lobbyisten der Öl- und Kohleindustrie den Verhandlungsführern der Industriestaaten ihre Sprechzettel zusteckten. Da konnte man genau nachverfolgen, wer wen abfängt oder Zettel zusteckt. Das hat es in gewisser Weise auch transparenter gemacht. Heute läuft alles über diverse Kommunikationskanäle per Smartphone und deutlich schneller als damals. Aber es erlaubt auch uns, rasch entsprechenden Input zu geben.

In all den Jahren mit all den Gipfeln - wann hatten Sie den Eindruck, jetzt spielt Klimaschutz endlich eine Rolle? Der erste wichtige Schritt war das Kyoto-Protokoll von 1997, das den Industriestaaten erste Zielvorgaben zur Reduktion von Treibhausgasen gemacht hatte, die auch weitgehend eingehalten wurden. Danach aber wurde es zäh. Erst 2009 in Kopenhagen dachte man wieder, vor dem Durchbruch zu stehen. Und das hätte auch gelingen können, hätte nicht kurz zuvor die Finanz- und Wirtschaftskrise dafür gesorgt, dass andere Themen in den Fokus rückten.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte damals, es sei, wie wenn jemand, der Lungenentzündung hat, über eine Dauerwelle nachdenken würde.

Ja, das zeigt die Stimmung von damals. Der Aufbruch lag in der Luft - und scheiterte dann doch. Danach hat man mit neuem Verhandlungskonzept wieder Fahrt aufgenommen, die dann glücklicherweise in das Abkommen von Paris im Jahr 2015 mündete.

Erst die Konferenz in Paris brachte den Durchbruch für mehr Klimaschutz?

Ja. Parallel gab es dramatische Veränderungen in der Welt, die das Pariser Abkommen begünstigt haben - und durch Paris einen kräftigen Schub erhielten. So sind weltweit die energiebedingten CO₂-Emissionen seit 2014 bis heute nicht mehr gestiegen. In der Energiebranche flossen global 70 Prozent der Investitionen in neue Energien, der Absatz für E-Autos wächst - nicht nur in China - seit 2015 exponentiell. Und in einigen Regionen der Erde wurde einst degradiertes Land wieder begrünt. Vieles davon hat Paris erst ermöglicht, anderes wurde durch Paris beschleunigt. Dass immer mehr Banken und Versicherungen ankündigen, nicht mehr in Kohle und weniger in Öl zu investieren, wäre ohne Paris nicht denkbar.

Und doch gibt es starke Kräfte, die das Rad gerne zurückdrehen würden.

Der US-Präsident gehört zweifelsohne zu denjenigen, die versuchen, Gegenkräfte zu organisieren. Und es wird nun die Aufgabe aller Beteiligten in Bonn sein, den Megatrend zu mehr Klimaschutz zu forcieren und sich den Bremsern entgegenzustellen. Vom G-20-Gipfel in Hamburg ging da ja schon ein entsprechendes Signal aus.

Wie zufrieden sind Sie mit dem deutschen Beitrag zum Klimaschutz?

Äußerst unzufrieden. So wie es aktuell aussieht, wird Deutschland seine Ziele, den Ausstoß von Klimagasen bis 2020 um 40 Prozent zu senken, krachend verfehlen. Die neue Bundesregierung wird massiv eingreifen müssen, um etwa im Verkehrssektor voranzukommen. Der ist der einzige Sektor, der seine Emissionen seit 1990 kaum mindern konnte. Werden jetzt nicht die notwendigen Schritte beschlossen, steht Deutschlands Nimbus des Klimavorreiters auf dem Prüfstand. Von daher passt es, dass die Konferenz und die Koalitionsverhandlungen in Berlin zusammenfallen.