SZ: Wie sieht denn dieses modernisierte Deutschland 2020 aus?

Merkels Kabinett
Bitte klicken Sie auf das Bild, um die interaktive Grafik aufzurufen:

Merkels Kabinett

Anzeige

Röttgen: Es wird eine ziemlich grundlegende Umstellung in der Wirtschaftsweise geben, insbesondere in der Energieversorgung. Wir werden modernere, bessere Netze bekommen. Wir werden unabhängiger und sicherer in der Energieversorgung. Wir haben jetzt 15 Prozent Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung, wir wollen auf 30 Prozent bis 2020 kommen. Diese 15 Prozent kosten einen Vier-Personen-Haushalt im nächsten Jahr 5,95 Euro für die Förderung im Monat. 5,95 Euro für eine saubere, sichere, moderne Stromversorgung. Was wir da erreichen, ist allemal 5,95 Euro wert. Dieser Prozess geht weiter. Verbunden damit sind neue Technologien, neue Arbeitsplätze, neue Exportschlager. Nehmen Sie die Rotorblätter der Windräder vor Kopenhagen. Das sind deutsche Stahlprodukte, weil deutsche Firmen das Rotorblatt als ganzes Stück und damit stabiler als andere herstellen. Und das dreht sich dann überall auf der Welt.

SZ: Windräder und erneuerbare Energien können aber nicht alles sein.

Röttgen: Nein, sicher nicht. Vor allem beim Energieverbrauch gibt es noch riesige Potentiale. Wir haben uns lange zu sehr auf das Energieangebot konzentriert, zu wenig auf den Verbrauch. In Gebäuden, mit intelligenten Stromnetzen, mit Verbraucherinformation lässt sich noch einiges machen. Das geht mit Förderung, aber auch mit höheren Standards. Da müssen wir ran. Wer Grips hat und investiert, kann am Markt bestehen. Deswegen fordert übrigens auch die deutsche Industrie inzwischen ein neues globales Klimaabkommen. Die alte Struktur verteidigt sich, aber die neue Struktur ist auf der Gewinnerstraße.

SZ: Und auf welcher Straße ist die Kernenergie? Auf der Gewinner- oder Verliererstraße?

Röttgen: Die Kernkraft ist eine Brückentechnologie, mehr aber nicht. Sie wird auslaufen.

SZ: Wann werden denn dann die ersten Kraftwerke abgeschaltet?

Röttgen: Das kann ich noch nicht sagen. Entscheidend ist, dass wir die Kernkraft als Teil eines Energiekonzepts sehen, und das Ziel dieses Konzepts ist der Umbau auf erneuerbare Energien. Wir betrachten nicht die Situation einzelner Kraftwerke. Entscheidend ist, ob und wie sie sich in das Konzept einbetten. Nur in diesem energiepolitischen Gesamtzusammenhang entscheiden wir über längere Laufzeiten. Im Oktober 2010 wollen wir damit durch sein, unter der gemeinsamen Führung von Wirtschafts- und Umweltministerium.

SZ: Sie reden viel über die Zukunft. Aber die Koalition spricht gegenwärtig fast nur über Steuersenkungen.

Röttgen: Als allererster Schritt sind die auch wichtig. Ohne Wachstum können wir keines unserer großen Probleme lösen. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch die Frage stellen, welches Wachstum wir in Zukunft eigentlich wollen. Das kann nicht nur Zahlenwachstum sein. Wir brauchen ein gesundes, nachhaltiges Wachstum, ein Wachstum an Lebensqualität, das muss der Maßstab sein. Quantitatives Wachstum ist alte Ökonomie, alte Politik. Ob wir 1,5 oder 1,8 Prozent Wachstum haben, ist für die Menschen weniger entscheidend als die Frage, unter welchen Bedingungen sie leben.

SZ: Einmal vier Jahre vorausgeblickt: Welchen Stempel hat Norbert Röttgen dann der Umweltpolitik aufgedrückt?

Röttgen: Sie stellen Fragen, die ich mir selber noch nicht gestellt habe. Wohl am ehesten, dass wir Klimaschutz und Ökologie, Erhalt der Ökosysteme als Teil unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung fest integriert haben. Dass Klimaschutz, Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung zusammengehören, national und international. Wenn das ein CDU-Politiker verbinden kann, dann wäre es eine schöne Sache.

SZ: Dann steht ja einer Koalition mit den Grünen bald nichts mehr im Wege.

Röttgen: (lacht) Hängt davon ab, was und wen wir dann noch so brauchen. Aber bis 2013 ist noch lange hin.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Andere konservieren, wir investieren"
  2. Sie lesen jetzt "Die Kernkraft wird auslaufen"
Leser empfehlen 

(SZ vom 20.11.2009/mikö)