Umwelt Papier statt Plastik

Was tun gegen die wachsenden Kunststoff-Müllberge? Deutsche Unternehmen und Forscher tüfteln an Verpackungen aus Biomasse. Über ihren Erfolg entscheidet letztlich der Verbraucher.

Von Stefan Mayr, Stuttgart/Oberkirch

Michael Meyer-Krotz von der Umweltschutz-Organisation Greenpeace berichtet von einer frustrierenden Aufräumaktion in einem Vogelschutzgebiet auf den Philippinen. "Am gesamten Strand war kein Sand mehr zu sehen vor lauter Plastikmüll", sagt der 56-jährige Aktivist. Im September räumten er und etwa 100 Mitstreiter einen Küstenabschnitt vom Kunststoffmüll leer. "Dann kam die Flut, und alles war wieder genauso voll mit Plastik wie vorher." Dieses Szenario wiederholte sich acht Tage lang.

Plastikmüll ist eine Plage des 21. Jahrhunderts. Pro Jahr landen etwa zehn Millionen Tonnen Kunststoff in den Weltmeeren. Das ist pro Minute eine Ladung eines 20-Tonnen-Lkw. Kaum eine Ecke auf der Erde, die nicht betroffen ist. Kunststoffreste in Strandbuchten, in Bergflüssen, im arktischen Meer, in Fischmägen, in der Nahrungskette und im menschlichen Organismus. Die EU-Kommission erwägt, eine Steuer auf Plastik vorzuschlagen. Und Unternehmen versuchen, die Plastikflut einzudämmen - und dabei ein neues Geschäftsfeld zu erschließen.

Zum Beispiel Kai Furler. Der Chef der Papierfabrik August Koehler aus Oberkirch im Schwarzwald investiert 300 Millionen Euro in eine neue Spezialmaschine. Mit dieser will er ein neuartiges Verpackungspapier herstellen, das ohne Kunststoff auskommt und trotzdem die Lebensmittel schützt wie eine Plastikfolie. "Unser Ziel ist, dass 100 Prozent der Verpackung recycelbar ist", sagt Furler. Die Investition sei durchaus riskant, räumt er ein. "Aber die Nachfrage ist da, getrieben von den Verbrauchern, von den Einzelhändlern und von den Lebensmittel-Herstellern."

3,3 Millionen Tonnen Plastikverpackungen fallen pro Jahr in Deutschland an

Allmählich scheint bei Konsumenten und Herstellern die Einsicht zu reifen, dass die Welt Alternativen zu Kunststoffverpackungen braucht. Nach Greenpeace-Angaben werden pro Jahr weltweit 320 Millionen Tonnen Plastik hergestellt. Zehn Millionen Tonnen werden in Deutschland verbraucht, davon 3,3 Millionen für Verpackungen. Und der größte Teil dieser Folien und Tüten wird für den Privatkonsum benötigt - die Nachfrage hat sich seit 1991 auf knapp zwei Millionen Tonnen verdoppelt.

Kai Furler ist nicht der einzige Papierhersteller, der den Kampf gegen das Plastik aufnimmt. Schließlich haben alle Mühlen das Problem, dass der Papierbedarf für Zeitungen, Kataloge, Prospekte stetig zurückgeht. Stichwort Internet-Boom. Allein deshalb müssen sich die Firmen neue Geschäftsfelder suchen.

Die Firma Drewsen Spezialpapiere aus Lachendorf hat das fettdichte Papier "Probarrier Nature" entwickelt. Der Feinpapierhersteller Sappi aus Alfeld liefert sein "Algro Guard OHG" an den belgischen Edelschokoladen-Hersteller Delafaille. Dessen Naschwerk "Amusette" ist nicht mehr in silberner Folie eingewickelt. Sondern in einem Papier, das nur noch knapp 20 Prozent Kunststoff enthält. Bald will auch Sappi komplett auf Kunststoff verzichten - und durch Rohstoffe auf Pflanzenbasis ersetzen.

Papier statt Plastik. Pflanzen statt Plastik. Klingt einfach, aber der Wechsel ist bei Verpackungen viel schwieriger als etwa bei Tragetaschen. Denn die Hülle von Lebensmitteln oder Kosmetika muss das Produkt frisch halten und Hygiene-Anforderungen erfüllen. Sie darf nicht abfärben und muss eine wirksame Barriere bilden gegen Sauerstoff, Wasserdampf, Fett und vieles mehr. Bei alldem muss das Produkt im Regal auch noch schön aussehen und sich gut anfühlen. Nicht nur bei Luxus-Schokolade. "Es dauert wohl noch zwei bis drei Jahre, bis wir komplett auf herkömmliche Rohöl-Bestandteile verzichten können", sagt Sappi-Managerin Kerstin Dietze.

Aber sie arbeiten daran und investieren viel Geld in den Zukunftsmarkt neue Verpackungen - mit Zukäufen und Entwicklungs-Partnerschaften. Kerstin Dietze spricht von einer "unglaublichen" Nachfrage der Lebensmittel-Konzerne: Das Interesse gehe querbeet durch die Lebensmittelbranche - Cerealien, Süßwaren, Tütenmahlzeiten. "Da ist ein großer neuer Markt im Entstehen. Wir führen derzeit diverse Gespräche mit Markenartiklern."

Ein Ziel: Joghurt-Becher vollständig aus Papier - inklusive Deckel

Viele Lebensmittelkonzerne haben Selbstverpflichtungserklärungen formuliert, in denen sie die Verringerung von Plastikmüll versprechen. Viele sind auch schon in Gesprächen mit der Verpackungsindustrie. Offen gesprochen wird hierüber aber kaum. Die Konzerne sind auch unter Zugzwang, denn am 1. Januar 2019 tritt in Deutschland ein neues, strengeres Verpackungsgesetz in Kraft. Es schreibt höhere Recyclingquoten für Kunststoffverpackungen vor, die bis 2022 auf 63 Prozent steigen werden.

Kai Furler von der Koehler-Gruppe sieht darin eine große Chance - auch wenn er dabei Neuland betritt. Bis dato gilt sein mehr als 200 Jahre altes Familien-Unternehmen als Spezialist für extradünne Beipackzettel, Spielkartenpapier und Thermopapiere für Kassensysteme. Vor 45 Jahren brachte Koehler das Selbstdurchschreibe-Papier auf den Markt. Die Firma setzt schon immer auf Innovationen. Jetzt also Verpackungspapier. Spatenstich für die neue Anlage ist im Februar, Ende 2019 will Furler sein erstes plastikfreies Barriere-Papier verkaufen.

Auch die Drogeriekette dm setzt mit ihrer Naturkosmetikmarke "Alverde" neuerdings auf Tuben mit hohem Recyclinganteil. Der Reinigungsmittel-Hersteller Frosch wirbt mit Flaschen aus "100 Prozent Altplastik". Die Liste der Hersteller ließe sich fortsetzen. Wird es bald nur noch schadstofffreie und komplett wiederverwertbare Verpackungen geben? Papier statt Plastik, dass würde der Welt schon sehr gut tun. Denn die meisten Kunststoffe verrotten nicht und belasten die Umwelt noch jahrhundertelang. Der wichtigste Faktor ist der Verbraucher. Er kann den Fortschritt beschleunigen, indem er nur Produkte mit nachhaltiger Verpackung kauft - oder ganz ohne. In vielen Städten gibt es Läden, die verpackungsfreie Lebensmittel anbieten und in mitgebrachte Gefäße abfüllen. Zudem könnte der Kunde Händler und Hersteller ansprechen und bitten, die Plastik-Plage zu minimieren.

Erste Fortschritte gibt es bereits. Beispiel Joghurtbecher: Viele sind heute merklich dünner als früher. Zur Stabilisierung bekommen sie einen Mantel aus Recyclingpapier. Fernziel wäre ein Becher komplett aus dem nachwachsenden und recycelbaren Rohstoff Papier. Inklusive Deckel, der jetzt noch aus Alufolie ist.

Das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) in Freising bei München experimentiert an Bio-Kunststoffen mit Barriere-Wirkung. Sven Sängerleib vom IVV will demnächst plastikfreie Verpackung aus Papier und Molke auf den Markt bringen: "Wir sind da recht weit." Der Bio-Kunststoff sei zwar zunächst teurer als konventioneller Kunststoff. Aber das könnte sich schnell angleichen, meint Sängerlaub, sobald die Verbraucher "auch dann zugreifen, wenn die Verpackung nicht hochglänzend und transparent ist". Die Sensibilisierung wachse, sagt Sängerlaub. Aber das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft. "Hier muss noch viel Aufklärung geleistet werden."

Michael Meyer-Krotz von Greenpeace beobachtet die Bemühungen der Unternehmen mit gemischten Gefühlen. Ein neues Verpackungspapier sei "ein erster Schritt", sagt er. Aber noch viel lieber wäre ihm, "wenn die Firmen ihre Kreativität nicht in die Umwidmung von Verpackung stecken würden, sondern in die Vermeidung."