Nach langer Diskussion hat sich die SPD-Führungsriege auf ein Konzept für die heftig umstrittene Bahnreform verständigt. Die Partei will das Unternehmen nun in einem deutlich geringerem Umfang privatisieren als zunächst geplant. Die Union signalisiert Gesprächsbereitschaft.
Die SPD hat sich im Streit um die Bahnreform nach Angaben ihres Vorsitzenden Kurt Beck geeinigt. "Alles klar und alles bestens", sagte Beck nach der fast fünfstündigen Sitzung mit den Landes- und Bezirksvorsitzenden in der Nacht zum Montag im Berliner Willy-Brandt-Haus.
Nach den Worten von Parteichef Kurt Beck ist in der SPD nun "alles klar und alles bestens", was die Bahnprivatisierung betrifft. (© Foto: dpa)
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"Ich bin froh, dass es einen gemeinsamen Vorschlag der Parteiführung gibt, der von den Landes- und Bezirksvorsitzenden auch so mitvertreten wird." Das sei ein großer Fortschritt, sagte Beck. Details nannte er nicht.
Nach Angaben aus Parteikreisen ist nun vorgesehen, dass private Investoren an der geplanten Holding für Fahrbetrieb und Logistik höchstens 24,9 Prozent erwerben dürften, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters.
Weiter hieß es, dass damit 75,1 Prozent des Personennah- und -fernverkehrs sowie der Gütersparte in staatlicher Hand blieben. Das Schienennetz bliebe wie geplant zu 100 Prozent in Bundesbesitz.
Bedenken der Parteilinken berücksichtigt
Ursprünglich war ein Privatisierungsanteil von bis zu 49,9 statt nur 24,9 Prozent vorgesehen. Das Kompromissmodell werde sowohl von den Privatisierungskritikern auf der Parteilinken als auch den Privatisierungsbefürwortern um Finanzminister Peer Steinbrück mitgetragen, verlautete aus Parteikreisen weiter.
Mit dem neuen Modell werde Bedenken der Parteilinken Rechnung getragen, dass bei einer weitergehenden Privatisierung private Investoren einen zu starken Einfluss auf die Bahn bekämen, hieß es aus der SPD. Gleichzeitig werde die in der Koalition vereinbarte Teilprivatisierung ermöglicht, die mehrere Milliarden Euro an Investitionsmitteln für die Bahn bringen werde.
An diesem Montag will die SPD weiter beraten und Details klären. Anschließend muss das SPD-Modell für den Börsengang der Bahn mit der Union verhandelt werden.
Beck hatte zuletzt für eine Variante geworben, bei der der Nahverkehr komplett in Staatsbesitz bleibt. Demnach würden nur der Güter- und der Fernverkehr zu etwa 49 Prozent an die Börse gebracht. Die ganze Infrastruktur - unter anderem Bahnhöfe und Schienennetz - sollte im Besitz des Bundes bleiben.
Die stellvertretenden Parteivorsitzenden Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier wollten den Güterverkehr und den gesamten Personenverkehr bis zu 49 Prozent privatisieren. Beck sagte nicht, ob man aus beiden Vorschlägen eine Kompromissvariante erarbeitet habe.
"Wenig Spielraum mit der Union"
Es habe aber keinen Widerstand seiner Stellvertreter gegeben, sondern man habe sich auf eine gemeinsame Linie verständigt. "Vielleicht kann man das ausnahmsweise einmal zur Kenntnis nehmen."
Der bayerische SPD-Vorsitzende Ludwig Stiegler sagte, Beck habe in der Sitzung nicht die Machtfrage stellen müssen, es sei sehr sachlich diskutiert worden. Auch die Union könne das Modell mittragen. Der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ralf Stegner betonte, man sei auf einem guten Weg.
Union-Bahnexperte Hans-Peter Friedrich hat den Kompromiss der SPD-Spitze zur Bahn als eine Einstiegsmöglichkeit in die Teilprivatisierung des Staatskonzerns bewertet. "Über einen solchen Einstieg kann man reden", sagte der CSU-Politiker am Montag im Deutschlandfunk.
Dann könne man schauen, wie sich das Ganze bewähre und in einigen Jahren möglicherweise über weitere Privatisierungsschritte neu entscheiden. Wichtig wäre daher bei einem solchen Einstieg, "dass wir uns nichts für weitere Privatisierungen in der Zukunft verbauen und nichts in Satzungen schreiben, was den Erlös der Privatisierungen mindert". Friedrich nannte es wichtig, dass nach den vorliegenden Informationen auch beim SPD-Kompromiss das Holding-Modell in seiner Grundstruktur erhalten bleibe.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuvor gegen das von Beck favorisierte Modell ausgesprochen. Eine unterschiedliche Behandlung von Nah- und Fernverkehr im Rahmen der Bahnreform halte sie nicht für sinnvoll, sagte Merkel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla betonte am Samstag in der ARD, im Falle einer solchen Aufspaltung des Personenverkehrs werde es "keine Bahnprivatisierung geben können".
Gleichzeitig signalisierte die Kanzlerin, dass die Union bei dem Thema nur wenig Spielraum sehe: "Mit mir wird es in der Koalition nur eine wirtschaftlich vernünftige Lösung für die Teilprivatisierung der Bahn geben." Gelinge dies nicht, gerate der Wachstumskurs der Bahn in Gefahr. Ziel des Börsengangs der Bahn ist es, dem Konzern neue Finanzmittel für Investitionen zur Verfügung zu stellen.
- SPD Schicksalsfrage Bahn 14.04.2008
- Deutsche Bahn Becks abenteuerliche Pläne 11.04.2008
- Privatisierung Bahnreform steht vor dem Aus 11.04.2008
(suedddeutsche.de/dpa/Reuters/gal/mel)
Demonstrationen in Hamburg
... ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Bahnprivatisierung. Kümmert das den Deutschen Bundestag? Mitnichten. Merke: In der Demokratie geht alle Macht vom Volke aus - dass ich nicht lache!
Die Propaganda, die Privatisierung der Telekom habe uns niedrigere Telefongebühren beschert und alle profitierten davon, ist sehr wirksam. Nur wenige Leute wissen, welche Opfer sie als Steuerzahler und als Beitragszahler für die Rentenversicherung für diese Privatisierung gebracht haben und immer noch bringen: weil die Lasten der Frühpensionierung von beamteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf den Steuerzahler abgewälzt worden sind, weil viele Angestellten und Arbeiter zulasten der Rentenversicherung frühverrentet worden sind.
OK, kann auch Zufall sein. Aber die Überschrift 'SPD einigt sich auf abgespecktes Modell' neben dem Bild von Kurt Beck fand ich doch ziemlich erheiternd.
Die Briten haben die Privatisierung immerhin im Nachhinein als Fehler erkannt und zumindest das Schienennetz wieder verstaatlicht.
Das unsere Politiker aus den 15 Jahre währenden Problemen/Fehlern der Briten nichts lernen ist mir schleierhaft... Vielleicht sollte mir bei Politikern aber auch einfach nichts mehr schleierhaft sein...
@grummelo
Wo soll den bei der Bahn-Privatisierung bitteschön ein Konkurrenz-Effekt entstehen, der den von Ihnen gewünschten besseren Service bei niedrigeren Preisen verheißt? Da es weiter bei einem Monopol bleiben wird ist eher das Gegenteil zu erwarten...
Aber wahrscheinlich haben Sie Herrn Mehdorn bzw dessen Strategie durchschaut. Erst mal 15 Jahre lang den Service bei steigenden Preisen runterkürzen, um hinterher nach der Privatisierung wieder auf den alten Stand zu kommen....
man kann jedenfalls getrost davon ausgehen, dass sämtliche versprechungen und zusagen, die die bahn jetzt macht, nach einem wie auch immer gearteten börsengang und einer provatisierung makalatur sind, da es sich nach der privatisierung um eine anderes unternehmen mit anderen wirtschaftlichen zielsetzungen handeln wird, das sich nicht mehr nach seinem jetzigen eigentümer bund (also wir) richten wird, sondern nach dem, was die aktionäre wollen.
die risiken einer privatisierung sind für uns (die jetzigen eigentümer und fahrgäste) völlig unkalkulierbar, bei dem guten händchen, das die politik in der letzten zeit bewiesen hat, würde ich auf eine privatisierung eines derart wichtigen bausteins z.b. in der klimapolitik, gerne verzichten oder sie in weite ferne schieben, egal wie scharf hr. mehdorn darauf ist (der wahrscheinlich auf deutlich erhöhte bezüge nach einer privatisierung spekuliert).
es ist irgendwie auffällig, dass die entscheidungen der politik der letzten jahre uns viel geld kosten, aber da macht sie's ja nicht anders, als die industrie, oder wie kommt es, dass autos, strom oder medikamente im ausland deutlich günstiger sind. immerhin, damit wissen wir, was uns bei der banhprivatisierung erwartet.
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