Von Thomas Öchsner

Jobabbau im großen Stil: Jeder fünfte betroffene Betrieb würde bei einem Mindestlohn von 7,50 Euro Stellen streichen. Einige Branchen müssten besonders leiden.

Ein bundesweiter Mindestlohn von 7,50 Euro die Stunde vernichtet in großem Umfang Arbeitsplätze. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bei etwa 20.000 Unternehmen in Deutschland. Eine flächendeckende Lohnuntergrenze würde demnach vor allem Geringqualifizierten schaden.

Fensterputzer, AP

Streitthema Mindestlohn: SPD und Gewerkschaften pochen auf einen flächendeckenden Mindestlohn von 7,50 Euro, Vertreter der Union lehnen diese Forderung ab. (© Foto: AP)

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45 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie von einer einheitlichen Untergrenze in Höhe von 7,50 Euro betroffen wären. Von diesen Firmen kündigte wiederum jede fünfte an, mit einem Abbau von Jobs zu reagieren. "Die Einführung von Mindestlöhnen ist ein beschäftigungspolitischer Irrweg - erst Recht in der aktuell sehr kritischen Wirtschaftslage", sagte DIHK-Arbeitsmarktexperte Achim Dercks.

SPD und Gewerkschaften fordern einen flächendeckenden Mindestlohn von 7,50 Euro, um Lohndumping zu bekämpfen. Vor allem Wirtschaftspolitiker in der Union lehnen dies ab. Derzeit verhandeln Union und SPD über Lohnuntergrenzen in bestimmten Branchen.

In der Umfrage, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, erklärten 55 Prozent der Unternehmen, ein Mindestlohn berühre sie nicht. Der DIHK führt dies darauf zurück, dass diese Firmen keine Einführung einer Lohnuntergrenze in ihrer Branche erwarten oder ohnehin Löhne von mehr als 7,50 Euro zahlen.

Große Ängste in der Dienstleistungsbranche

Bei den betroffenen Unternehmen sind die Befürchtungen in der Dienstleistungsbranche am größten. 27 Prozent erklärten, die Zahl ihrer Beschäftigten verringern zu wollen. Im Handel lag diese Quote bei 25 Prozent, in der Industrie bei 17 Prozent. Dies liege daran, "dass die Industrielöhne selbst in den untersten Tarifgruppen im Durchschnitt höher sind und sich die Relevanz des Mindestlohns damit verringert", heißt es in der Umfrage.

Wie stark das Urteil über eine Lohnuntergrenze vom Bezahlungsniveau abhängt, zeigen auch die Antworten in der Bauwirtschaft. Demnach würden mehr als ein Viertel der Unternehmen in dieser Branche die Zahl der Mitarbeiter erhöhen. Dies erklärt sich damit, dass der unterstellte Wert von 7,50 Euro zum Teil deutlich unter den gültigen Mindestlöhnen im Baugewerbe liegt. Diese betragen je nach Lohngruppe zwischen neun und 12,85 Euro die Stunde.

Streit um Zeitarbeiter

Nach Angaben von Dercks drohen durch einen Mindestlohn von 7,50 Euro besonders in Ostdeutschland Arbeitsplatzverluste. Nahe jedes fünfte Unternehmen würde dort seine Mitarbeiterzahl reduzieren. Zu den Verlierern gehörten vor allem "Personen mit geringer oder fehlender beruflicher Ausbildung, die es ohnehin schwer haben am Arbeitsmarkt", sagte der Experte. "Insbesondere dort, wo vielfach Einfacharbeiten ausgeführt werden, ist der Anteil der Unternehmen besonders hoch, die ihre Beschäftigtenzahl verringern würden", heißt es in der Umfrage. Als Spitzenreiter wird die Sicherheitswirtschaft genannt, in der mehr als ein Drittel aller Betriebe Stellen streichen würden. Es folgen Reinigungsdienste und Gastgewerbe.

Derzeit gibt es nicht nur in der Baubranche, sondern auch bei Briefdienstleistern und Gebäudereinigern branchenspezifische Mindestlöhne. Diese beginnen bei 6,58 Euro. Insgesamt profitieren davon etwa 1,6 Millionen Arbeitnehmer. Tarifparteien aus weiteren acht Branchen haben einen Mindestlohn befürwortet und eine Aufnahme ins sogenannte Entsendegesetz beantragt. Sie versprechen sich davon einen stärkeren Schutz vor Billigkonkurrenz. Das Entsendegesetz ermöglicht es, durch staatliche Verordnung Tarifverträge für allgemein verbindlich zu erklären und so Lohnuntergrenzen festzustellen.

Bislang sind die Verhandlungen zwischen Union und SPD an der Zeitarbeitsbranche mit ihren 700.000 Beschäftigten gescheitert. Die Sozialdemokraten pochen auf Mindestlöhne, um die Ausbeutung von Leiharbeitern zu erschweren. Die Union hält dies für nicht notwendig, weil bereits nahezu alle Zeitarbeiter tariflich gebunden seien. In der DIHK-Umfrage gaben 75 Prozent der Zeitarbeitsunternehmen an, dass sie ein Mindestlohn in Höhe 7,50 Euro treffen werde. Fast ein Drittel dieser Firmen würde als Reaktion darauf Jobs abbauen.

Die 7,50 Euro sind auch unter Befürwortern eines Mindestlohns umstritten. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup hatte eine Lohnuntergrenze von 4,50 Euro gefordert. Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Joachim Möller, empfahl einen Mindestlohn, der oberhalb des Hartz-IV-Satzes für Alleinstehende liegt, sich aber zunächst unterhalb der 7,50 Euro bewegt.

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(SZ vom 15.12.2008/mel)