Überweisungen Eins, zwei, abgeschlossen

Eine Frau füllt einen Überweisungsträger aus.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Überweisungen sollen nur noch Sekunden statt Tage dauern. Doch das System läuft nur langsam an.

Von Nils Wischmeyer, Köln

Menschen schauen Nachrichten über einen Live-Stream auf dem Handy, bis eine Mail ankommt, dauert es nur Sekunden. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist schnell, und die Menschen sind voll digitaler Ungeduld. Bank-Überweisungen wirken bis heute, als wären sie aus der Zeit gefallen. Innerhalb der Eurozone dauert es noch immer einen Tag, bis das Geld von A nach B übertragen wird. Und sollte die Überweisung an einem Freitagabend abgegeben werden, kann es schon einmal mehrere Tage dauern, bis die Kunden oder Unternehmen auf das Geld zugreifen können.

Das könnte sich mit dem 21. November 2017 ändern. Denn auch Transaktionensollen dann im digitalen Zeitalter ankommen - zumindest für einige Bankkunden. Mit diesem Datum starten in Europa Überweisungen in Echtzeit, sogenannte Instant Payments. Überweisungen bis 15 000 Euro sollen nicht mehr einen Tag, sondern maximal noch zehn Sekunden dauern - egal ob an einem Werktag, Wochentag oder Feiertag. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass das Geld im besten Fall nur knapp zwei Sekunden brauchen wird, um den Besitzer zu wechseln.

Technisch bedeutet das einige Veränderungen in der Infrastruktur der Bankenindustrie. Zurzeit wird jede Überweisung gesammelt, am Abend an die Bundesbank weitergeleitet und dort überprüft. Dort werden alle Forderungen und Gegenforderungen der Banken verrechnet und schlussendlich gebucht. Erst dann ist eine Überweisung abgeschlossen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Deshalb dauert der Prozess bisher so lange.

Um den Überweisungsvorgang zu beschleunigen, wird nun eine neue europaweite Infrastruktur aufgebaut. Vom 21. November an geht ein erster Teil davon an den Start. Gestellt wird er von der EbaClearing, einer privaten Institution, die von mehreren Banken in Europa betrieben wird. Sie bietet diese Infrastruktur allen Banken an, die bereit sind, eine kleine Gebühr für jede Überweisung zu zahlen. Diese wird den Angaben von EbaClearing zufolge bei knapp 0,2 Cent pro Überweisung liegen. 18 der mehr als 6500 Banken in Europa werden zum Start im November dabei sein. In Deutschland ist das aber nur die Unicredit. Weitere deutsche Institute, darunter die Volksbanken- und Raiffeisenbanken und die Sparkassen, wollen eigenen Angaben zufolge im ersten Halbjahr 2018 folgen. Einen exakten Starttermin, ab dem Kunden die neue Option nutzen können, ist aber noch nicht bekannt.

In Vorbereitung sind zwei Systeme - ob sie kompatibel sind, ist noch unklar

Ein Grund dafür, dass sich viele Banken noch zurückhalten, dürfte sein, dass das System freiwillig ist. Die Geldhäuser sind zwar dazu angehalten sich anzuschließen, müssen es aber nicht. Zudem präsentierte die Europäische Zentralbank (EZB) jüngst ihre eigene Infrastruktur, welche Ende 2018 an den Start gehen soll. Viele Banken wollen wohl auf diese europaweite Lösung warten. Denn eine Echtzeitüberweisung funktioniert nur dann, wenn beide Banken mit demselben System arbeiten oder aber die Systeme kompatibel sind. Ob das bei der Infrastruktur von EbaClearing und jener der EZB der Fall sein wird, ist bisher noch unklar.

Ein anderer Grund für den schleichenden Start ist der enorme Aufwand, den die Banken betreiben müssen: Ultraschnelle Überweisungen fordern eine effizientere IT. Prozesse, die bisher einen Tag dauerten, müssen nun in Sekundenschnelle passieren. Dazu gehören nicht nur das digitale Verschieben von Geld, sondern auch die Sicherheitsüberprüfungen, die damit einhergehen. Die Kontrolle, ob es sich bei einer Überweisungen um Schwarzgeld handelt, ein Prozess der sonst mehrere Stunden dauert, soll nun in Sekundenschnelle über die Bühne gehen. Das wird die Banken neben viel Aufwand auch eine Stange Geld kosten. Bei einigen Banken spricht man bereits von Kosten im zweistelligen Millionenbereich.

Trotzdem sind die Banken sich einig, dass Instant Payments auf Dauer viele Vorteile bringe. Gerade die EZB, die ihr Projekt zwei Jahre vorbereitet hat und nun mit einer eigenen Infrastruktur unterstützt, verspricht sich davon viel. Zum einen erhofft sie sich Innovationen, zum anderen, dass die blitzschnellen Überweisungen die Nutzung von Bargeld verdrängt.

Im Online-Handel wäre es eine Alternative zu Paypal

Banken hoffen, dass der Echtzeittransfer auch als Schutz vor Konkurrenten aus der Technologie-Branche fungiert. Gerade im Online-Handel treten Echtzeitüberweisungen in direkten Wettbewerb mit Paypal - so könnten die Banken verlorene Marktanteile zurückholen. Auch bei Überweisungen unter Freunden oder Zahlungen an der Kasse könnte das neue System interessant sein. Wer alles über seine Bank in Sekundenschnelle regeln kann, so die Überlegung, ist stärker an seine Hausbank gebunden.

Auch im Handel ist man optimistisch. Einzelhändler und Geschäftskunden ersehnen etwa ein Modell, in dem der Kunde mit einer App an der Kasse oder online bezahlt, die Echtzeitüberweisungen ermöglicht. So könnten die Händler sofort über das Geld verfügen und wüssten nicht erst am nächsten Morgen, ob das Geld auch tatsächlich auf ihren Konten eingegangen ist.

Zum anderen bietet die neue Lösung einen Kostenvorteil gegenüber herkömmlichen Kreditkarten. Visa- oder auch Mastercard nämlich erheben pro Transaktion eine Gebühr von den Händlern. Bietet EbaClearing oder auch die EZB die Transaktion günstiger an, würde der Händler Geld sparen. Das könnte Kreditkarten mittelfristig in den Hintergrund drängen. Auch Bargeld dürfte für Kunden dann uninteressanter werden. Im Handel sind die Münzen und Scheine ohnedies ungern gesehen, bringen sie doch hohe Transaktionskosten mit sich. Ob und wann Echtzeitüberweisungen im Alltag ankommen, hängt letztlich von der Bereitschaft der Banken und Händler ab, es anzubieten und aktiv zu nutzen.