Überschwemmung in Australien Kettenreaktion mit Kohle

In Australien stehen gigantische Kohleminen unter Wasser - mit massiven Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Wie sich die Überschwemmung auf den Geldbeutel des deutschen Verbrauchers auswirkt.

Von Andreas Oldag und Urs Wälterlin

Im Zeitalter der globalisierten Wirtschaft hängt alles mit allem zusammen. Zu welchen dramatischen Folgen dies führen kann, macht jetzt die verheerende Flut in Australien deutlich. Im Bundesstaat Queensland stehen gigantische Kohleminen unter Wasser. Bagger und Tieflader, die gewöhnlich den Rohstoff abtransportieren, können nicht in den Tagebau fahren.

Am anderen Ende der Welt, also in Europa, auch in Deutschland, wird die Verknappung zu einer Erhöhung der Kohlepreise führen. Kokskohle ist neben Eisenerz der wichtigste Rohstoff für die Stahlverarbeitung. Der größte deutsche Stahlkonzern Thyssen-Krupp rechnet deshalb mit deutlich höheren Kosten - die er an seine Kunden weiterreichen will.

Die von Australien ausgehende Kettenreaktion würde dann auch Branchen wie die Autoindustrie und den Maschinenbau treffen. Die Rohstoffkosten machen mehr als 80 Prozent der Produktionskosten für Stahl aus. Seit Monaten laufen die Hochöfen wegen der anziehenden Konjunktur auf vollen Touren. Der jetzt bevorstehende Versorgungsengpass kommt damit zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Macquarie Commodities Research, ein auf globale Rohstoffe spezialisiertes australisches Forschungsteam, rechnet mit einem Anstieg der Kohlepreise von derzeit 246 US-Dollar pro Tonne auf 300 US-Dollar.

Die australischen Minengesellschaften warnen derweil davor, dass die schwierige Versorgungslage kaum kurzfristig behoben werden kann. "Es wird Wochen dauern, bis das Wasser herausgepumpt ist", sagt ein Experte. Australien ist der größte Kohleexporteur der Welt. Die wichtigsten Märkte sind Japan und Korea, gefolgt von Taiwan, China, Indien und Europa.

In den von den Fluten betroffenen Minen werden etwa 35 Prozent der gesamten Kohleexporte des Landes produziert. Etwa 40 Minen sind derzeit wegen Überflutung geschlossen oder arbeiten mit reduzierter Leistung. Betroffen sind Anlagen multinationaler Unternehmen wie BHP Billiton, Rio Tinto, Anglo American und Xstrata. Da sich die Konzerne bei Naturkatastrophen auf "höhere Gewalt" berufen, können sie ohne rechtliche Konsequenzen Lieferverträge kurzfristig brechen.

Lagerbestände sind bald erschöpft

Schätzungen der australischen Regierung zufolge büßt die heimische Kohleindustrie infolge der Überschwemmungen pro Tag etwa 100 Millionen australische Dollar (76 Millionen Euro) ein. Auch die Zugstrecken, auf denen der Brennstoff an die Küste transportiert wird, sind wegen zum Teil großer Flutschäden unterbrochen oder können nur mit verminderter Kapazität befahren werden.

Die Betreiber des Verladehafens Dalrymple Bay warnen, ihre Lagerbestände an Exportkohle seien in wenigen Tagen erschöpft. "Am Samstag werden wir es zu spüren beginnen", sagt Hafensprecher Greg Smith. "Wenn wir die Lagerbestände abgebaut haben, werden wir von der Hand in den Mund leben."

Die Flut hat bereits ein Gebiet überschwemmt, das so groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen. Die Katastrophe hat spürbare Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaftsleistung Australiens. Es kommt zu Produktions- und zu Ernteausfällen. Fachleute rechnen damit, dass die Überschwemmungskrise im laufenden Quartal etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes kosten wird. Ein wesentlicher Teil der australischen Mineralien - allen voran Eisenerz - wird allerdings außerhalb der von den Fluten betroffenen Gebieten gefördert.

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