Übernahmen in den USA:Schlechte Erfahrungen

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Grafik: SZ (Foto: SZ)

Daimler, Telekom und Co.: Deutsche Konzerne hatten mit Übernahmen in den USA oft Probleme. Dabei wurde das Scheitern des Stuttgarter Autoherstellers zum Lehrstück über kulturelle Tücken.

Von Karl-Heinz Büschemann, München

Schon einmal hat Bayer in den USA zugeschlagen, gerademal zwei Jahre ist das her: Erst 2014 hatte Bayer für 14,2 Milliarden Dollar das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten des US-Pharmakonzerns Merck übernommen. Und nun also die Offerte für Monsanto - eine Übernahme, bei der fast viermal so viel Geld bewegt würde wie vor zwei Jahren. Offensichtlich hat die Führung des Leverkusener Konzerns keinerlei Berührungsangst mit Unternehmen aus den USA, obwohl dort in jüngerer Zeit etliche Firmenkäufe gescheitert sind.

Wer in den USA als deutscher Konzern versucht, ein Unternehmen zu kaufen, begibt sich auf schwieriges Gelände. Es gibt, wie die Vergangenheit zeigt, gewaltige kulturelle Unterschiede, die eine Zusammenführung von amerikanischen Erwerbungen mit deutschen Besitzern schwierig machen. Insbesondere ist der Fall in Erinnerung, mit dem 1998 der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp die Autoindustrie auf den Kopf stellen wollte. Das Vorhaben endete im Desaster. Schrempp hatte sich in den Kopf gesetzt, den drittgrößten US-Autokonzern Chrysler zu übernehmen. Diese "Hochzeit im Himmel", wie Schrempp den Zusammenschluss nannte, war mit einem Gesamtwert von 43 Milliarden Dollar die bisher größte Übernahme eines deutschen Unternehmens in den USA. Sie führte aber auch zu einer spektakulären Pleite und lähmte den Daimler-Konzern für Jahre. Der Deal wurde nach neun Jahren der Auseinandersetzungen zwischen den Partnern wieder aufgelöst. Schrempps Scheitern wurde zum Lehrstück über die kulturellen Tücken, die zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen lauern, und dafür, wie riskant transatlantische Firmenkäufe sind.

Das Scheitern der "Hochzeit im Himmel" wurde zum Lehrstück über kulturelle Tücken

Zwei Jahre nach Schrempp versuchte ein anderer scheinbarer Wunderknabe der deutschen Wirtschaft, einen dicken Fisch an Land zu ziehen: Ron Sommer, damals Vorstandschef der Deutschen Telekom, bot im Jahr 2000 für den US-Mobilfunkanbieter Voicestream 50 Milliarden Dollar. Das Geschäft, das die Deutschen auf den wichtigsten Telekommunikationsmarkt der Welt bringen sollte, wurde für sie zur jahrelangen Qual. Zweimal scheiterte der Versuch der Telekom, den Verlustkauf an einen Konkurrenten weiterreichen zu können. Sie blieb aber auf der Tochtergesellschaft sitzen. Ironischerweise läuft sie heute gut, und die Telekom ist zufrieden. Der Essener Stromkonzern RWE hat sich 2003 den größten US-Wasserversorger geangelt. Die Sache ging schief, die Essener verkauften American Water sechs Jahre später. Sie hatten den Investitionsbedarf bei dem Unternehmen und die Macht der Regulierer unterschätzt. Adidas-Chef Herbert Hainer kaufte 2005 den US-Sportschuhkonkurrenten Reebok für gut 3,5 Milliarden Dollar, um in den USA den Marktanteil auszubauen. Die Deutschen halsten sich damit ein lang anhaltendes Sanierungsproblem auf. "Das war schwieriger als gedacht", gestand Hainer später ein.

Wenig Glück hatte auch Siemens mit Zukäufen in den USA. Der damalige Vorstandschef Peter Löscher zog 2007 den Labor-Diagnostik-Anbieter Dade-Behring für sieben Milliarden Dollar an Land. Später musste er auf diesen Erwerb Milliarden-Abschreibungen vornehmen. Löschers Nachfolger Joe Kaeser kaufte 2014 den amerikanischen Maschinenbauer Dresser-Rand, der auf Öltechnologie spezialisiert ist, für 7,6 Milliarden Dollar. Der Kauf muss seine Sinnhaftigkeit trotz der Beteuerungen Kaesers noch beweisen. Die niedrigen Ölpreise der jüngeren Zeit machen das teure Investment des Münchner Konzerns bisher zum Krisenfall.

Es geht auch anders: Der Chemiekonzern BASF übernahm 2006 für 3,8 Milliarden Euro den Katalysatorhersteller Engelhard. Heute ist das Unternehmen erfolgreich in den Ludwigshafener Konzern integriert. Der Dialyse-Spezialist Fresenius Medical Care macht heute mehr Geschäft in den USA als in Europa, seit er sich mit dem US-Branchenvertreter National Medical Care zusammengeschlossen hatte.

Ob sich der Kauf des US-Laborausrüsters Sigma-Aldrich durch den deutschen Pharma-Konzern Merck im Jahr 2014 für 16,4 Milliarden Dollar als richtig erweisen wird, ist noch nicht klar. Für die Darmstädter ist es der größte Zukauf in der Firmengeschichte. Die ersten Zahlen für 2016 waren erfreulich. Wohl auch wegen des US-Zukaufs.

© SZ vom 24.05.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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