Überlebende in der Biotech-Branche Verrückte willkommen

Die einst boomende Biotech-Branche leidet unter Geldnot.

(Foto: dpa)

Biotechnologie galt in Deutschland einmal als großer Wachstumsmarkt. Dann kamen Börsensturz und Geschäftsflops. Und doch gibt es einige unentwegte Investoren, die mit deutschen Anbietern viel Geld machen wollen, so wie die Zwillingsbrüder Strüngmann.

Von Helga Einecke

Der Professor hat gerade 80 Chinesen über das Gelände geführt. Deshalb trägt Horst Domdey die gelbe Krawatte. Seine grauen Haare stehen in die Höhe, die Ärmel des Jackets sind etwas kurz geraten. Der Mehrtages-Bart und die große Brille passen zur Aura eines Wissenschaftlers, der nach eigenem Bekenntnis den Umgang mit Geschäftszahlen erst mühsam lernen musste. Seine Visitenkarte weist ihn als Managing Director von BioM aus: M steht für München, es könnte auch für Martinsried, Molekularbiologie oder Medizin stehen. BioM bündelt alles, was die Region in der Nähe von München für Biotechnologie attraktiv machen soll.

Vor Jahren habe ihn der damalige HypoVereinsbank-Chef Dieter Rampl beim Glas Rotwein überredet, seine C3-Professur an den Nagel zu hängen, um im Süden von München eine Modellregion für Biotech aufzubauen, erzählt Domdey,61. Die Klinik Großhadern stand schon, ebenso die Max-Planck-Institute. Universitätsgebäude waren in Planung, das Biotech-Gründungszentrum IZB war schon bezogen, also jener halbkommerzielle Teil von BioM. Vom ersten Bleistift bis zur teuersten Zentrifuge habe er sich in Martinsried um alles kümmern müssen, sagt Domdey. Er ist Werber, Verkäufer, Geldeintreiber, Netzwerker.

Anfangs herrschte Goldgräberstimmung. Um die Jahrtausendwende buhlten 35 Kapitalgesellschaften um die Gunst aufstrebender Biotech-Firmen, auch die Gründer nahmen es leicht. "Natürlich wollte jeder Millionär werden", erinnert sich Domdey. Dann platzte die Technologie-Blase. "Seither sind wir auf den Boden der Realität angekommen." 200 Gründungen hat es im Großraum München gegeben, 130 davon überlebten. Die Erfolgsquote von 65 Prozent macht Domdey stolz. Aus dem Nichts habe man einen Biotech-Standort geschaffen, der sich in Europa sehen lassen könne. Es herrsche ein positiver Geist.

Mag sein - aber die Branche leidet Not. Geldnot. Was einst Boomlandschaft war, ist inzwischen schwieriges Terrain. Die spendablen Kapitalgesellschaften sind lange verschwunden, der Neue Markt ist abgeschafft. Deshalb müssen sich die Überlebenden des Biotech-Biotops nach anderen Geldgebern umsehen. Zum Beispiel nach Pharmakonzernen. So hat Morphosys einen Vertrag mit Novartis über zehn Jahre abgeschlossen; jährlich rollen bis zu 70 Millionen Euro gegen die Abgabe von Erfindungen. Oder es treten vermögende private Geldgeber in diesem Markt an - Männer wie der SAP-Gründer Dietmar Hopp, die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann oder Vermögensverwaltungen von Familien wie Oetker, Maschmeyer, Boehringer. Diese Branche ist etwas für Unentwegte, für Freunde des Fortschritts und des gehobenen Risikos.

Das Modell Strüngmann

Warum steckt man sein Geld in Biotech? Der Betriebswirt Thomas Strüngmann, 62, gibt die Antwort. "Weißt du was, wir gehen in die Forschung!", habe er zu seinem Zwillingsbruder Andreas gesagt, einem Mediziner. Das ist sechs Jahre her. Die beiden hatten ihre Firma Hexal für 5,6 Milliarden Euro versilbert und suchten nach der richtigen Geldanlage. Mitten in München agiert ihre Vermögensverwaltung Athos.

Seinen Traum von Biotech hat Thomas Strüngmann vor vielen Jahren aus den USA mitgebracht. "Wir möchten ein hoch innovatives Produkt auf den Markt bringen", sagt er. Der kühl rechnende Kaufmann träumt dasselbe wie alle Wissenschaftler mit dem Tüftler-Gen. Rechnet er sich wegen seiner ökonomischen Ader bessere Chancen aus? Strüngmann organisiert erst mal einen Tee für den Gast, bietet Plätzchen und Süßes an, lässt es an Höflichkeiten nicht fehlen, vielleicht braucht er etwas Bedenkzeit. Dann sagt er: 2017 soll ein Biotech-Impfstoff gegen Krebs den Erfolg bringen. Drumherum-Reden und Spekulieren mag er nicht.

800 Millionen Euro hat Strüngmann bereits in Biotech-Firmen investiert, andere würden dazu vielleicht "Klumpenrisiko" sagen. Er steht dazu: "Biotech ist am Boden, und das hat diese Branche nicht verdient", bricht es mit plötzlicher Leidenschaft aus ihm heraus. Er neigt sich nach vorn, blickt fast flehentlich über die Goldrand-Lesebrille. Strüngmann: "Wir sind optimistisch, ohne Verluste herauszukommen." Dieser schwierige Markt treibt den Milliardär um. Der Pharmamarkt, da ist sich Strüngmann ganz sicher, werde sich bald rasant ändern.

Die Industrie leide an ihrem schlechten Image und werde von Sünden der Vergangenheit eingeholt. Dabei habe sich die Branche schon gebessert - und müsse künftig womöglich ihre Aufwendungen anders klarmachen als in Verhandlungen mit Krankenkassen. Der Investor kann da mitreden: Er kennt die Pharmaindustrie genau. Bis heute suchen viele seinen Rat, was ihn freut, denn einst hatte er gegen den Ruf eines Piraten und Schmuddelkindes zu kämpfen. Hexal war mit Billigkopien der Produkte großer Arzneikonzerne reich geworden. Die Patente waren ausgelaufen.

Die Sache mit dem M

Das Wort "Krise" kennen die Leute in Martinsried schon seit zehn Jahren. Immer wieder taucht es auf. Auch 2012, als Firmen wie Wilex und Aggenix teuer entwickelte Medikamente einstampfen mussten, weil sie den Zulassungskriterien nicht standhielten. Warnix und Widnix spotteten die Kritiker. Domdey, der Chef von Martinsried, beschreibt es als Achterbahnfahrt. Es fehle in Deutschland an Risikokapital, an Pensionsfonds nach amerikanischem Muster. Hier versäume es die Regierung neue Anreize zu setzen: "Man hat die Risikofreude verbrannt." Aber die jüngsten Tiefschläge entmutigen den Urheber des Netzwerks zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nicht. Unverdrossen wirbt er für seine Brutstätte der Biotechnologie. Inzwischen hat man sich ganz auf Pharmawirkstoffe spezialisiert, auf die rote Biotechnologie. "Wir schwören eine Region auf die Medizin der Zukunft ein."

Zwei Firmen, die mit M anfangen, zeigen exemplarisch die Höhen und Tiefen: Medigene und Morphosys.

Als die vor 20 Jahren in München gegründete Micromet für 1,2 Milliarden Dollar von der US-Firma Amgen gekauft wurde, da jubelten Investoren und Finanzkreise: Biotech lohnt also doch. Das war im Januar 2012. Frank Mathias, seit 2009 Vorstandschef der Medigene AG in Martinsried und davor Deutschland-Chef von Amgen, ist ein viel beschäftigter Mann, er hat den Sommerurlaub ausfallen lassen. Im November hat er dann eine Woche Wüsten-Urlaub gemacht. Um zu erklären, was Medigene macht, zückt der Chef eine Präsentation im Taschenformat. Er zeigt auf ein übles Krebsgeschwür, das braun und schwarz aufgemalt ist, spricht von Blutgefäßen, negativer Ladung und Fettkügelchen. Lauter Pluszeichen markieren den neuen Wirkstoff von Medigene. Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs könnten mit dem neuen Mittel 14 bis 15 Monate überleben, doppelt so lange wie bisher. "Das klingt wenig", gibt Mathias,49, zu, aber für die Betroffenen könnte es viel Zeit sein.

Medigene hat es geschafft, ein Medikament marktreif zu machen. Das bringt Umsatz und Geld für weitere Forschung. Es handelt sich um ein Produkt, das aus grünem Tee stammt, in China und Japan hergestellt und in Deutschland zur Salbe verarbeitet wird. Es wirkt gegen Genitalwarzen. Große Pharmafirmen verkaufen es. Ständiger Geldzufluss ist bei Medigene dringend nötig - in der Vergangenheit gab es schlechte Nachrichten. Die Zahl der Mitarbeiter halbierte sich, die AG flog aus dem Börsenindex TecDax, Manager wechselten. Nun soll es wieder aufwärts gehen.

Morphosys kann mit über 70 neuen Wirkstoffen punkten. Bei der Firma dreht sich alles um Antikörper. 100 Milliarden verschiedene menschliche Antikörper hält sie in kleinen Röhrchen gefangen, mit dem menschlichen Auge sind sie nicht erfassbar. Stefan Arnold arbeitet im Souterrain. Er ist gelernter Automationsingenieur. An seiner Tür klebt das Schild "Freaks welcome", Verrückte willkommen. Es riecht nach Brauerei. Das liegt an den Chemikalien, mit denen die Bakterien gefüttert werden. Sie sind als kleine Punkte auf einer Plastikplatte zu erkennen. Arnold legt sie in eine Maschine, die wie ein großer Backofen aussieht mit einem Fenster zum Hineinschauen.

Tick, tick, tick - im schnellen Takt picken 96 dünne Metallstifte die Kulturen aus dem Nährmedium. Dann schwenkt der Greifarm zu einer Trägerplatte, auf der Krankheitserreger sitzen. Ihnen injiziert der Roboter die in den Bakterien gezüchteten Antikörper, steril und durch eine Glashaube von der Umwelt isoliert. Zehn Minuten dauert der Vorgang in dem 300 000 Euro teuren Automat. Einen Stock höher werden die besten Antikörper ausgewählt. Es geht um die Bindung der Antikörper an das Zielmolekül. Klebt er fest, ist das gut.

Im Büro zeigt sich Vorstandschef Simon Moroney, 53, von den Hiobsbotschaften seiner Branche ungerührt. Es gebe immer Rückschläge, die Entwicklung von Arzneimitteln sei eben nicht leicht. Auch er hat ein kleines Präsentationsheftchen zur Hand und verweist auf die Seite mit den 20 Wirkstoffen, die klinisch getestet werden. Das machen meist andere Firmen wie Novartis, Boehringer, Pfizer. Aber die vier Medikamente mit den goldenen Balken, die entwickelt Morphosys in Eigenregie. Das ist der Traum eines jeden Wissenschaftlers: Einmal ein Medikament der eigenen Firma bis in die Apotheke zu bringen. Moroney relativiert: "Man kann nicht alles alleine machen, das ist sehr teuer, für kleine Firmen unmöglich."

Der gebürtige Neuseeländer und studierte Chemiker hat eine steile Lernkurve hinter sich, wie viele Veteranen aus Martinsried. In der Goldgräberzeit ging er mit der Firma an die Börse, der Aktienkurs schnellte steil nach ob und stürzte dann auf ein Zehntel ab. Es gab Streit um Patente, der Geldstrom versiegte, Jobs gingen verloren. "Wir sind durch einen Prozess gegangen", sagt Moroney. Aber aufgeben wird er nicht. Er arbeitet, solange es Neues zu tun gibt. Nicht mal zurück nach Neuseeland zieht es ihn. Die Einladung der neuseeländischen Botschaft zu einem Event aus Anlass des jüngsten in Neuseeland gedrehten Films "Hobbit" musste er absagen. Da feierte Morphosys Weihnachten.

Gibt es eine optimale Größe für eine Biotech-Firma? Auf zwei bis drei Milliarden Euro Unternehmenswert könne man schon wachsen, sagt der Chef, und 500 bis 600 Mitarbeiter beschäftigen. Soweit ist Morphosys noch nicht. Aber auf 800 Millionen Euro wird die Firma (400 Mitarbeiter) bereits taxiert. Mehrere Gebäude musste man in Martinsried mieten. Man wächst.

Der Nüchterne

Was im Süden von München hoffnungsvoll klingt, stufen Experten nüchtern ein. Die Beraterfirma Ernst & Young erfasst deutschlandweit 400 Biotechfirmen: deren gesamte Geschäfte belaufen sich auf eine Milliarde Euro und stagnieren seit Jahren. Während der vergangenen Dekade investierten die Firmen zehn Milliarden in die Forschung, fünf Milliarden konnten sie an Kapital einsammeln. Aber unter dem Strich blieben Verluste.

Experte Siegfried Bialojan verhehlt seine Enttäuschung nicht: "Aufgrund der andauernden Finanzierungsproblematik sind viele Unternehmen in eine Überlebensstrategie gezwungen anstatt sich mit Wachstum und attraktiveren Geschäftsmodellen zu beschäftigen." Weil die Entwicklung eines Medikaments zu viel Geld und Zeit kostet, spezialisiere man sich auf Dienstleistungen. Service statt Erfindungen.

Das mache aber die staatliche Förderung fragwürdig, weil die Politik zwar Geld in die Forschung steckt, aber nicht dafür sorgt, dass die Ernte der Erfolge auch in Deutschland eingefahren werden kann, kritisiert der Leiter des Life Science Center von Ernst & Young. Bestenfalls können die Gründer ihre Firma in die USA verkaufen. "Da wird ein Ausverkauf stattfinden", prophezeit Bialojan. Dabei könne man auch in Deutschland aus Biotech viel mehr machen. Wo genügend Geld sei, werde das Potenzial sichtbar. Wenig erfolgreich waren eine Reihe von Firmen, die SAP-Mitgründer Hopp finanziert hat. Sie haben viel Geld verbrannt, Namen wie Wilex, Aggenix, Signis und Curacyte stehen für vergangene Hoffnungen. Da ist selbst Hopps Fußballklub Hoffenheim erfolgreicher.

Eine Hoffnung namens Aicuris

Wer von den kleinen Biotech-Buden an den Geldbeutel der Strüngmanns will, der muss etwas Besonderes bieten. Null-Acht-Fünfzehn-Wissenschaft ist da nicht gefragt, es muss um überzeugende Zukunftskonzepte und überzeugende Menschen gehen. Und die müssen sich schon im Förderungsdschungel bewegt und staatliche Geldquellen angezapft haben. Thomas Strüngmann redet nicht viel und offenbar auch nicht gern über die Förderungspraxis seiner Heimatregion München und Bayern, obwohl auch er Geld in dort ansässige Firmen steckt. Ja, in Martinsried, da habe es einen irren Anfangshype gegeben. Aber verdammt wenig sei herausgekommen für das viele Geld, das da von staatlicher Seite hineingeschoben worden sei.

Dagegen wurde Strüngmann in Mainz mit offenen Armen empfangen. Dort zieht er gerade ein Forschungszentrum für 50 Millionen Euro mit hoch. Überhaupt die Politik, in den einzelnen Bundesländern, in Berlin, im Gesundheitsministerium, da kann sich der Mann mit der Mission Biotech ereifern. Er fühlt sich und die Branche, für die er kämpft, zu wenig anerkannt, zu wenig angenommen, zu wenig gefördert. Er vermisst Steuererleichterungen, etwa über Verlustvorträge. Dabei hat Strüngmann schon früher Entwicklungen rechtzeitig vorhergesehen, er hat als Kopist beim Generika-Hersteller Hexal den Markt aufgemischt.

Vielleicht hat Thomas Strüngmann damit den Exodus der hiesigen Pharmaindustrie sogar mit beschleunigt. Von namhaften deutschen Arzneimittelherstellern haben nur drei überlebt. Vieles lief schief, es gab Managementfehler, auch politisches Versagen. Einige Brocken blieben übrig, und sie kommen Strüngmann zugute. Zum Beispiel die Firma Aicuris in Wuppertal: Sie gehörte zum Bayer-Konzern und ist nun im Besitz der Strüngmann-Zwillinge. Und der Betrieb ist der ganze Stolz der verbliebenen Biotech-Gläubigen.

Aicuris hat einen großen Lizenzvertrag mit dem US-Pharmakonzern Merck an Land gezogen. Die Amerikaner dürfen Rechte an einem Wirkstoff der Wuppertaler nutzen - und werden dafür bis zu 440 Millionen Euro überweisen. Manchmal lohnt sich Biotech eben doch.