Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller "Die meisten wollen mehr arbeiten"

SZ: Schon. Aber ist ein Mann (oder eine Frau), der längere Zeit nicht voll arbeitet, nicht abgeschrieben, wenn es um Fühungspositionen geht?

Leibinger-Kammüller: Nein - und das werde ich durchsetzen. Natürlich muss man präsent sein, an Sitzungen teilnehmen. Aber muss man bei jeder dabei sein? Wir haben jetzt schon Führungskräfte, die zum Beispiel nur 70 Prozent der regulären Wochenarbeitszeit arbeiten. Das funktioniert wunderbar.

SZ: Sehen das Ihre männlichen Kollegen in der Geschäftsleitung auch so?

Leibinger-Kammüller: Noch nicht. Die sagen, man muss voll da sein, um eine Führungsposition zu besetzen. Für mich gehören starre Arbeitszeiten der Vergangenheit an.

SZ: Und wie ist die Resonanz auf die flexiblen Arbeitszeiten?

Leibinger-Kammüller: Gigantisch. Wir veranstalten schon Workshops über eine Flexibilisierung der Arbeitszeit für andere Unternehmen.

SZ: Und bei den Mitarbeitern?

Leibinger-Kammüller: Da werden Sie sich wundern. Was glauben Sie, wollen die Mitarbeiter mehr oder weniger arbeiten?

SZ: Wenn Sie so fragen, mehr natürlich!

Leibinger-Kammüller: 80 Prozent wollen mehr arbeiten. Die bauen vielleicht gerade ein Haus, müssen Kredite tilgen und möchten jetzt möglichst viel Geld verdienen! Wir sind jetzt selbst gespannt, wie sich das Modell einspielt. Denn mit der extremen Flexibilisierung fangen wir jetzt erst an. Da müssen wir sehen, wie sich das entwickelt.

SZ: Es fällt auf, wie viel sie in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Gewerkschaften erreichen! Interessiert Sie die Politik in Berlin und Brüssel überhaupt noch oder hat sich die Realwirtschaft davon schon abgekoppelt, weil Sie von dort ohnehin nichts Gutes mehr erwarten?

Leibinger-Kammüller: Wir geben die Hoffnung nie auf. Es wäre fatal, wenn wir uns abkoppelten. Der sinnvollere Weg ist doch, zu versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen und für unsere Ideen zu werben. Italienische Verhältnisse, solche Parallelwelten, auf der einen Seite, die Politik, die macht was sie will, und auf der anderen die Unternehmen, das bringt uns nicht weiter. Und auch wenn bei manchen Unternehmer-Kollegen ein Hang da ist, auf die Politik zu schimpfen: Ich bin da strikt anderer Ansicht und habe hohen Respekt vor dem, was vor allem die Kanzlerin leistet.

SZ: Können Sie denn überhaupt noch Einfluss nehmen?

Leibinger-Kammüller: Verbände wie "Die Familienunternehmer", nehmen Einfluss, in dem sie immer wieder bei der Kanzlerin oder beim Wirtschaftsminister vorsprechen.

SZ: Diese Einschätzung teilen wir nicht. Der Verband der Familienunternehmer hat sich doch mittlerweile zum Euro-Gegner entwickelt und massiv gegen die Rettungspakete opponiert. Ist das auch Ihre Position? Sie sind dort immerhin im Präsidum!

Leibinger-Kammüller: Ich spreche für Trumpf und kann sagen: Wir haben unglaublich vom Euro profitiert. Wir machen die Hälfte unseres Umsatzes in der Euro-Zone. Er hat uns Stabilität gebracht. Ich glaube an den Euro, und ich glaube an Europa. Wir brauchen Europa als starke Kraft gegen Asien und Amerika. Wir haben doch hier viel zu bieten.