G 7 "Sie müssen Trump davon abhalten, dumme Sachen zu machen"

US-Präsident Donald Trump vor dem Weißen Haus in Washington, D.C.

(Foto: AFP; Bearbeitung SZ)

Der G-7-Gipfel am Wochenende wird ein besonderer: Schaffen es die sechs anderen Nationen, den US-Präsidenten einzufangen? Handelsforscher Simon Evenett hat Hoffnung - zumindest mittelfristig.

Interview von Vivien Timmler

Donald Trump verhängt neue Strafzölle, Europa droht mit Gegensanktionen: Der Zeitpunkt für den G-7-Gipfel im kanadischen La Malbaie/Charlevoix könnte nicht brisanter sein. Ursprünglich sollte es um Digitalisierung und Arbeitnehmerrechte gehen, doch nun scheint der Welthandel das alles bestimmende Thema zu werden. Zu Recht, sagt Simon Evenett. Der Brite ist Professor für Internationalen Handel an der Universität St. Gallen.

SZ: Herr Evenett, die Fronten zwischen den USA und dem Rest der Länder sind verhärtet. Was können wir uns von diesem Gipfel erwarten?

Simon Evenett: Es kann gut sein, dass es bei dem Treffen zu einem ernsthaften Zerwürfnis kommt. Die USA werden sich am Rande der G 7 wiederfinden, es wird vielmehr ein Gipfel der 6 plus 1 sein. Das ist wirklich ungewöhnlich. Die USA haben die G 7 jahrelang angeführt, und das ist jetzt nicht so. Es dürfte Trump ziemlich überraschen, dass die anderen sechs Länder bereit sind, sich ihm zu widersetzen. Zumal es ja eigentlich sechs Verbündete sind.

Was wird also die Strategie der übrigen sechs bei dem Treffen sein?

Sie werden Trump deutlich machen, dass sie nicht zulassen, dass das Welthandelssystem zusammenbricht. Sie werden ihren Zusammenhalt untereinander demonstrieren und den USA klarmachen, dass das Land auf sich alleine gestellt ist. Und sie werden zum Ausdruck bringen, dass diese Art von Verhalten inakzeptabel ist. Trump muss diese Botschaft immer wieder hören, bis er erkennt, dass seine Strategie zu keinem Ziel führt.

Interview am Morgen

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Können sie damit überhaupt Erfolg haben?

Das hängt davon ab, wie Sie Erfolg definieren. Wenn Erfolg bedeutet, den US-Präsidenten vom Freihandel zu überzeugen: Nein, das wird nicht passieren. Donald Trump ist seit 25 Jahren ein standhafter Protektionist, er wird nie ein Freihändler werden. Aber wenn es nur darum geht, ihn davon abzuhalten, weitere protektionistische Maßnahmen zu ergreifen: Ja, vielleicht. Die übrigen Staaten müssen ihn davon abhalten, dumme Sachen zu machen. Sie müssen Schadensbegrenzung betreiben.

Immerhin sind sie in der Überzahl.

Ja, aber was wollen sie tun, wenn der eine andere die größte Wirtschaft der Welt ist? Es ist ein bisschen so, als ob man sich in einem Käfig mit einem Löwen befindet, der plötzlich sehr aggressiv wird. Dann versucht man nur, den Löwen zu beruhigen und ihn zumindest davon abzuhalten, dir die Hand abzubeißen.

Sieht so der Welthandel der Zukunft aus? Alle gegen einen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich der Handel auch noch aus anderen Gründen verändert als durch Trump. Der Handel ist viel digitaler geworden, Lieferketten haben sich verändert, sie machen nicht mehr an Ländergrenzen halt. Diese zusätzliche Unsicherheit namens Trump kommt dazu. Doch auch wenn die Dinge jetzt sehr schlecht aussehen und in den nächsten Monaten durchaus noch schlimmer werden könnten, sehe ich Licht am Ende des Tunnels. Wir haben diese Phasen schon einmal durchgemacht und wir haben überlebt.

Und was ist dieses Licht am Ende des Tunnels?

Die Länder werden wiederentdecken, warum wir internationale Handelsregeln haben. Sie werden sich daran erinnern, dass die Welthandelsorganisation WTO den sinnvollen Zweck hat, den Welthandel zu regeln. Das wird nicht sofort passieren, aber in den nächsten drei bis fünf Jahren. Die Regierungen haben seit Beginn des 21. Jahrhunderts die WTO nicht so ernst genommen, wie sie es hätten tun sollen. Jetzt begreifen sie langsam, warum wir sie brauchen.

Der Handelskonflikt wird die WTO also auf lange Sicht stärken?

Genau. Die Regierungen erkennen erst jetzt, welchen Wert die Regeln des Welthandels haben, weil jemand anfängt, sie zu brechen. So ist es ja mit vielen Dingen im Leben: Solange alles gut läuft, nimmt man es für selbstverständlich, und dann passiert etwas Schlimmes und man ist plötzlich dankbar. Ich denke, dass die WTO im Laufe der Zeit wieder an Bedeutung gewinnen wird, und das ist gut so. Aber klar, derzeit stehen die Dinge wirklich schlecht. Es gibt einen englischen Ausdruck: "Die Nacht ist immer vor dem Morgengrauen am dunkelsten." So ist es gerade.

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